WeinliedWenn Wein erglänzt im Becher
Und frei die Seele schweift,
Im Kreise froher Zecher
Mich wahre Lust ergreift.
Seht wie vom Bechersgrunde
Er schäumt und perlt und sprüht,
Ist’s nicht, als ob zum Munde
Er Euch entgegen glüht?
Den Becher an die Lippen
Und trinkt in tiefstem Zug,
Denn töricht lasst das Nippen,
Das Trinken, das macht klug.
Tief drunten in dem Becher
Sitzt Göttin Phantasie,
Doch dem verzagten Zecher
Enthüllet sie sich nie.
Nur wenn die Sinne tosen,
Wie ein Bacchantenchor,
Dann steigt, geschmückt mit Rosen,
Die Reizende empor.
Dann küsset sie dem Dichter
Die glutumkränzte Stirn
Und tausend goldne Lichter
Entsprühen seinem Hirn.
Es strömt von seinem Munde
Der Weisheit goldner Klang,
Der Dinge große Kunde
Im brausenden Gesang.
Hinunter dann die Schranken
Von Zeit und Ort und Raum!
Aus ewigen Gedanken
Entsteigt der Dichtertraum.
Und alles blüht zusammen
Zu einer goldnen Zeit. —
Drum her den Trunk voll Flammen
Und Tod der Nüchternheit! Ernst von Wildenbruch
Aus der Sammlung Lieder |