MonologMit sieben Jahren trat ich vor den Spiegel
und stand zum ersten Male offenen Auges
mir selber gegenüber.
Ein Wunder überkam mich: „Ich bin ich,
und Ich ist das, was meinen Namen trägt.
Ich bin der Knabe, der noch gestern lachte
und spielte, lief und dies und jenes tat.
War ich das wirklich? War das Ich derselbe?“
Ich war es, ja, und hatt’ es nie gewußt.
So stand ich und betrachtete mich selbst
als wir ein fremdes, neuerkanntes Wesen
und konnte nicht genugsam mich verwundern,
daß ich ich selbst und nicht ein Andrer sei.
Von dieser Stunde Hub das Grübeln an,
das selbstbewußte Gehn und Tun und Lassen,
und Selbstbetrachtung, ekel, spinnenfüßig
begann am Menschen auf und ab zu kriechen
und Seel’ und Körper müßig zu betasten -
so lange, bis ich heut, ein Mann geworden,
mich wieder rückwärts sehne, fern vom Spiegel:
mein selbst vergessend ganz ich selbst zu werden. Friedrich Kayssler
Aus der Sammlung Morgennebel |