Sprüche - IV.40.
Schreibe mit unbedachtem Stift
Kein leichtes Wort an die leere Wand!
Daß keinen Reim dir eine Geisterhand
Darunterschreibe, der ins Herz dich trifft.
41.
Wann im Haus und auf den Gassen
Stets am heftigsten du zankst? –
Wenn du selbst im Innern schwankst
Und du willst's nicht merken lassen.
42.
Höchstes Glück ist kurzes Blitzen,
Fühl's und sprich: auf Wiederkehr!
Ließ' es dauernd sich besitzen,
Wär' es höchstes Glück nicht mehr.
43.
Wider den Schmerz dich zu vermauern,
Ist so verkehrt wie maßlos Trauern;
Du sollst von ihm dich mahnen lassen,
In dir dein Höchstes doppelt fest zu fassen.
44.
Wenn dir die Freude zu trinken beut,
Tu einen herzhaften Zug für heut;
Willst du den Krug bis zum Grunde genießen,
Wird dir die Hefe dazwischenfließen.
45.
Freude schweift in die Welt hinaus,
Bricht jede Frucht und kostet jeden Wein;
Riefe dich nicht das Leid nach Haus,
Du kehrtest nimmer bei dir selber ein.
46.
Wie sollen die Freuden dir wiederkommen,
Wenn du sie ruchlos aufgenommen!
So manche trat zu dir ins Haus
Und ging als Sünde wieder heraus.
47.
Das magst du selbst am Kleinsten spüren:
Wo die Schuld gegangen hinaus,
Immer durch dieselbigen Türen
Tritt die Buße zu dir ins Haus.
48.
Wer dem Genuß nachjagt, der schmiedet sich selber die Fessel.
Freiheit findest du nur, wenn du entsagen gelernt.
49.
Im Handeln ist die Masse groß,
Bei rüst'gem Weg, bei Schlag und Stoß;
Doch soll euch kräftig Heil ersprießen:
Laßt einen urteln und beschließen.
50.
Tadle mir einzelnes nicht an großen Naturen! Der Fittich,
Der im Schreiten sie hemmt, trägt sie zu himmlischem Flug.
51.
Stets zweischneidig ist große Kraft;
Willst du sie fesseln deswegen?
Lieber was sie dir Übles schafft
Nimm in den Kauf zum Segen.
52.
Freiheit ist wie ein starker Wein;
Dem Manne wird sie stets gedeihn;
Aber ihr zecht und schreit wie Knaben,
Ihr werdet morgen Kopfweh haben.
53.
So ist es, war's und wird es sein:
Gebt Freiheit! rufen die Partein,
Mit was für Farben sie sich schmücken;
Das heißt: Gebt uns das Reich allein,
Daß wir die andern unterdrücken!
So ist es, war's und wird es sein.
54.
Soll dir frommen ein Schlag, das merke,
Führ' ihn gleich mit entscheidender Stärke!
Nur nichts Halbes, wo dir bewußt,
Daß du das Ganze vertreten mußt!
55.
Dein Ja sei Ja, dein Nein sei Nein
Und scharf das Schwert an deiner Lende;
Die beste Staatskunst bleibt's am Ende
Doch, tapfer und gerecht zu sein.
56.
Wir hatten's herrlich weit gebracht
Und alles fertig gesprochen;
Doch da's nun galt, da hatte sacht
Die Zunge den Arm uns zerbrochen.
57.
Leere Drohung – übler Brauch,
Wird des Feindes Hohn nur schärfen;
Kannst du keine Blitze werfen,
Freund, so laß das Donnern auch!
58.
Die Zeit ist wie ein Bild von Mosaik,
Zu nah beschaut, verwirrt es nur den Blick;
Willst du des Ganzen Art und Sinn verstehn,
So mußt du's, Freund, aus rechter Ferne sehn.
59.
Das ist leichtes Geschäft, in Verwandtem das Feindliche sondern,
Weisheit aber vernimmt tieferen Frieden im Streit. Emanuel Geibel |