Sprüche - III.21.
Es winkt ein Schloß, so stolz, so schön,
Im Abendrot von steilen Höhn.
Du ringst hinauf von Stein zu Stein –
Doch ist der Gipfel dann erklommen,
So will dir kaum die Fernsicht frommen,
Du blickst nach Lager, Speis' und Wein.
Aber das Klimmen, das Suchen, das Streben,
Das war deine Freude, das war dein Leben.
22.
Lehr' nur die Jungen weisheitsvoll,
Wirst ihnen keinen Irrtum sparen;
Was ihnen gründlich helfen soll,
Das müssen sie eben selbst erfahren.
23.
Gönnt nur der jungen Brust ihr Wogen
Von Leid in Lust, von Lust in Pein!
Tränen der Lieb' und froher Hoffnung Schein,
Das gibt des Lebens schönsten Regenbogen.
24.
Nur nicht dies und das verlangen
Sollst du, wenn die Stunde kommt;
Was sie bringt, das lern' empfangen,
Und sie bringt gewiß, was frommt.
25.
Die Welt ist reich und wohlberaten,
Nur zäume nicht das Pferd am Schwanz,
Wolle die Nachtigall nicht braten,
Und nicht singen lehren die Gans.
26.
's ist eben manchen Leuten eigen,
Daß ihnen Schlichtes nicht gerät;
Sie müssen immer ins Fenster steigen,
Auch wenn die Haustür offen steht.
27.
Wohl ist es schwer zu tragen stumm,
Wenn andre Übles von dir denken;
Doch schwerer noch, die Liebe kränken,
Und nicht sagen dürfen, warum.
28.
Liebe, die von Herzen liebt,
Ist am reichsten, wenn sie gibt;
Liebe, die von Opfern spricht,
Ist schon rechte Liebe nicht.
29.
Eifersucht macht scharfsichtig und blind,
Sieht wie ein Schütz' und trifft wie ein Kind.
30.
Gilt's Frauen zur Vernunft zu bringen,
So laß den allgemeinen Ton;
Wie klug sie reden von den Dingen,
Sie meinen stets nur die Person.
31.
Nur sachte, kritisches Geschlecht!
Es dünkt dein Spruch uns sehr erläßlich;
Du urteilst über Schön und Häßlich,
Und weißt nicht mehr, was Gut und Schlecht.
32.
Hältst du Natur getreu im Augenmerk,
Frommt jeder tüchtige Meister dir;
Doch klammerst du dich bloß an Menschenwerk,
Wird alles, was du schaffst, Manier.
33.
Wenn sie dich schmähten und wenn sie dich schalten,
Widersprich nicht mit hitzigem Blut;
Schweig' und schaffe, was schön und gut,
So wirst du zuletzt doch recht behalten.
34.
Das ist klarste Kritik von der Welt,
Wenn neben das, was ihm mißfällt,
Einer was Eigenes, Besseres stellt.
35.
Wie reich du dich in Lob ergehst,
Das wird des Künstlers Mut nicht stärken;
Nein, tadle gern an seinen Werken,
Doch zeig ihm, daß du ihn verstehst.
36.
Ja donnert Gott, Ja singt der Dichter,
Stell' etwas hin und laß sie schrein!
Der Teufel nur, der Splitterrichter,
Der selbst nichts schafft, sagt ewig: Nein.
37.
Mit deinen Augen schaust du, was da ist;
Die Dinge sind dir, wie du selber bist;
Drum willst du andres als Verwirrung sehn,
Lern heiter blicken und dich selbst verstehe.
38.
Ein gut Gedicht ist wie ein schöner Traum,
Es zieht dich in sich und du merkst es kaum;
Es trägt dich mühlos fort durch Raum und Zeit,
Du schaust und trinkst im Schaun Vergessenheit,
Und gleich als hättest du im Schlaf geruht,
Steigst du erfrischt aus seiner klaren Flut.
39.
Je größer deine Flügel,
So mehr halt dich im Zügel!
Unkraut auf gutem Acker
Gedeiht erst doppelt wacker. Emanuel Geibel |
Emanuel Geibel
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