Sprüche - II.1.
Am guten Alten
In Treuen halten,
Am kräft'gen Neuen
Sich stärken und freuen,
Wird niemand gereuen.
2.
Tu du redlich nur das Deine,
Tu's in Schweigen und Vertrau'n;
Rüste Balken, haue Steine!
Gott, der Herr, wird bau'n.
3.
Du sollst nach frommer Sitte
Die Hände betend ineinander legen,
Die Hand andächt'ger Bitte
In die des Danks für den empfangnen Segen.
4.
Religion und Theologie
Sind grundverschiedene Dinge,
Eine künstliche Leiter zum Himmel die,
Jene die angeborne Schwinge.
5.
Wohl mit jedem Bekenntnis verträgt ein frommes Gemüt sich,
Aber das fromme Gemüt hängt vom Bekenntnis nicht ab.
6.
Wollt ihr in der Kirche Schoß
Wieder die Zerstreuten sammeln,
Macht die Pforten breit und groß,
Statt sie selber zu verrammeln!
7.
Studiere nur und raste nie,
Du kommst nicht weit mit deinen Schlüssen;
Das ist das Ende der Philosophie,
Zu wissen, daß wir glauben müssen.
8.
Leicht ist's, mit starken Konsequenzen
Als neuer Philosoph zu glänzen;
Doch ist's ein schwerer Unterwinden,
Die rechten Voraussetzungen zu finden.
9.
Willst du den Unsinn überwinden,
Lern' ein Symbol der Wahrheit finden;
Die Welt wird nie das Abgeschmackte
Ausgeben für das bloß Abstrakte.
10.
Das Größeste ist das Alphabet,
Denn alle Weisheit steckt darin,
Aber nur der erkennt den Sinn,
Der's recht zusammenzusetzen versteht.
11.
So steckt Musik in Flut und Stein,
In Feu'r und Luft und allen Dingen;
Aber willst du vernehmen das Klingen,
Mußt du eben ein Dichter sein.
12.
Die schöne Form macht kein Gedicht,
Der schöne Gedanke tut's auch noch nicht;
Es kommt drauf an, daß Leib und Seele
Zur guten Stunde sich vermähle.
13.
Fließend Wasser ist der Gedanke,
Aber durch die Kunst gebannt
In der Form gediegne Schranke
Wird er blitzender Demant.
14.
Wenn das Glück, die leichte Dirne,
Launisch dir den Rücken kehrt,
Hebe doppelt kühn die Stirne,
Gürte doppelt fest das Schwert.
Rasch verwelkt ein Kranz aus Zweigen,
Die du spielend dir gewannst;
In der Not erst magst du zeigen
Wer du bist und was du kannst.
15.
Wenn du des Daseins Kranz zu erwerben,
Wenn du dich selbst zu vollenden begehrst,
Leb', als müßtest du morgen sterben,
Streb', als ob du unsterblich wärst.
16.
Beklage dich nicht auf deinem Pfad,
Daß dir's an Raum zum Handeln fehle;
Ein jeder Klang aus voller Seele
Ist eine wirkungsvolle Tat.
17.
»Wie soll ich mich im großen Schwalle
Zur Geltung bringen, sag' mir's an!«
Mach' eins nur trefflicher als alle,
Nur eins, was so kein andrer kann.
18.
Was du gründlich verstehst, das mache,
Was du gründlich erfuhrst, das sprich!
Bist du Meister im eignen Fache,
Schmäht kein Schweigen im fremden dich.
Das Reden von allem magst du gönnen
Denen, die selbst nichts machen können.
19.
Um keinen Preis gestehe du
Der Mittelmäßigkeit was zu.
Hast du dich erst mit ihr vertragen,
So wird dir's bald bei ihr behagen,
Bis du zuletzt, du weißt nicht wie,
Geworden bist so flach wie sie.
20.
Das ist's, was mich am Freund zumeist verdrießt,
Wenn er nach Spatzen mit Kartätschen schießt. Emanuel Geibel |
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