Heine - Biografie & LebenslaufChristian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Harry Heine; † 17. Februar 1856 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter und Journalisten des 19. Jahrhunderts.
Heine war zugleich romantischer Dichter und Überwinder der Romantik. Er machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Sprache eine selten gekannte stilistische Leichtigkeit und Eleganz. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war er ebenso bewundert wie gefürchtet. Er gehört zu den meistübersetzten Dichtern deutscher Sprache.
Jugend und Lehrjahre
Der junge Heinrich Heine“Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Mute. Ich bin dort geboren und es ist mir, als müsste ich gleich nach Hause gehn. Und wenn ich sage nach Hause gehn, dann meine ich die Bolkerstraße und das Haus worin ich geboren bin“, schrieb Heinrich Heine 1827 in Ideen. Das Buch Le Grand.
Während über Heines Geburtsort kein Zweifel besteht, lässt sich sein genaues Geburtsdatum nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Alle zeitgenössischen Akten, die darüber Auskunft geben könnten, sind im Laufe der letzten 200 Jahre verloren gegangen. Nach heutigem Forschungsstand gilt aber als gesichert, dass Harry Heine - so sein Geburtsname - am 13. Dezember 1797 zur Welt kam.
Harry war das älteste von vier Kindern des Tuchhändlers Samson Heine und seiner Frau Betty (eigentlich: Peira), geborene van Geldern. Er wuchs in einem weitgehend assimilierten, vom Geist der Haskala geprägten jüdischen Elternhaus auf und besuchte das Düsseldorfer Lyzeum, das im Sinne der Spätaufklärung wirkte. Schon als Schüler schrieb Harry erste Gedichte. 1814 verließ er ohne Abgangszeugnis das Lyzeum. Der Familientradition folgend sollte er sich an einer Handelsschule auf einen kaufmännischen Beruf vorbereiten.
In den Jahren 1815 und 1816 arbeitete Heine als Volontär zunächst bei dem Frankfurter Bankier Rindskopff, dann im Bankhaus seines wohlhabenden Onkels Salomon Heine in Hamburg. Salomon, der im Gegensatz zu seinem Bruder Samson geschäftlich höchst erfolgreich war, nahm sich des Neffen an. Er wurde von seinem Onkel bis zu dessen Tod im Jahr 1845 finanziell unterstützt, obwohl Salomon wenig Verständnis für seine literarischen Interessen hatte. Überliefert ist sein Ausspruch: „Hätt’ er gelernt was Rechtes, müsst er nicht schreiben Bücher.“
Da Heine weder Neigung noch Talent für Geldgeschäfte mitbrachte, richtete sein Onkel ihm schließlich ein Tuchgeschäft ein. Aber „Harry Heine & Co.“ musste schon nach kurzer Zeit Bankrott anmelden. Der Inhaber widmete sich schon damals lieber der Dichtkunst. Dem Familienfrieden nicht eben zuträglich war auch Harrys unglückliche Liebe zu seiner Cousine Amalie. Die unerwiderte Zuneigung verarbeitete er später in den romantischen Liebesgedichten im Buch der Lieder. Die bedrückende Atmosphäre im Haus des Onkels, in dem er sich zunehmend unwillkommen fühlte, beschrieb er in dem Gedicht Affrontenburg. Wahrscheinlich haben die Zwistigkeiten in der Familie Salomon Heine schließlich davon überzeugt, dem Drängen des Neffen nachzugeben und ihm ein Studium fernab von Hamburg zu ermöglichen.
Studium in Bonn, Göttingen und Berlin
Obwohl Heine sich auch für die Rechtswissenschaft nicht sonderlich interessierte, nahm er 1819 ein Jurastudium auf. Zunächst schrieb er sich in Bonn ein, wo u.a. August Wilhelm Schlegel zu seinen Dozenten gehörte.
Im Wintersemester 1820 ging er an die Universität Göttingen, wo er sich einer Studentenverbindung, dem heutigen Corps Hildeso-Guestphalia Göttingen anschloss. Aber schon im Februar 1821 war er gezwungen, sowohl die Universität als auch die Verbindung wieder zu verlassen. Ursache dafür war eine Duellaffäre: Heine, der seine Herkunft damals möglichst zu verbergen suchte, war von einem Kommilitonen wegen seines Judentums beleidigt worden und hatte diesen zum Duell gefordert. Die Universität relegierte ihn daher für ein Semester. Unmittelbar darauf schloss ihn auch die Verbindung aus - wegen „unkeuschen Verhaltens“. Heine hatte tatsächlich ein Bordell besucht. Da dies aber unter den Studenten seiner Zeit durchaus üblich war, sehen einige Biographen in der Begründung nur einen Vorwand, hinter dem sich in Wahrheit antisemitische Motive verbargen.
Nach dieser Affäre ging Heine nach Berlin. Dort studierte er von 1821-1823 und hörte u.a. Vorlesungen bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Bald fand er Kontakt zu den literarischen Zirkeln der Stadt, und war u.a. regelmäßiger Gast im Salon von Rahel Levin und Karl August Varnhagen von Ense. Von Berlin aus unternahm er 1822 eine Reise nach Posen. Hier begegnete er erstmals dem chassidischen Judentum, das ihn zwar zum Teil faszinierte, mit dem er sich aber nicht identifizieren konnte. Zwei Jahre vor seinem Übertritt zum Christentum schrieb er: „Auch ich habe nicht die Kraft, einen Bart zu tragen und mir Judenmauschel nachrufen zu lassen.“
Taufe und Platen-Affäre
Wieder in Göttingen, promovierte Heine im Juli 1825 zum Doktor der Rechte. Im Juni hatte er sich in Heiligenstadt protestantisch taufen lassen und den Vornamen Christian Johann Heinrich angenommen. Von da an nannte er sich Heinrich Heine. Vor seiner Familie versuchte er, die Taufe möglichst geheim zu halten. Religiös eher indifferent, betrachtete er den Taufschein ohnehin nur als „Entreebillet zur europäischen Kultur“. Doch er musste feststellen, dass viele Träger dieser Kultur auch einen getauften Juden wie ihn nicht als ihresgleichen akzeptierten. Heine war jedoch nicht bereit, Zurücksetzungen und Kränkungen unwidersprochen hinzunehmen.
Dies zeigte sich nachdrücklich in der so genannten Platen-Affäre: Als der Dichter August Graf von Platen Heine wegen seiner jüdischen Geburt öffentlich angriff, schreckte dieser nicht davor zurück, nun seinerseits die Homosexualität Platens publik und diesen damit gesellschaftlich unmöglich zu machen. Seinen Übertritt zum Christentum hat Heine später mehrfach ausdrücklich bedauert, nicht zuletzt, da die erhofften Folgen ausblieben. In den nächsten Jahren bemühte sich Heine mehrfach um eine Anstellung im Staatsdienst, unter anderem um eine Professur in München. Da aber alle diese Versuche erfolglos blieben, entschloss er sich, für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich, seinen Lebensunterhalt als freischaffender Schriftsteller zu verdienen.
Fast alle Biografen betonen die Bedeutung der jüdischen Herkunft für Heines Leben. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vertritt die Ansicht, das daraus entstandene Gefühl, ausgestoßen und nicht anerkannt zu sein, spiegele sich deutlich in seinem Werk wider.
Erste literarische Erfolge
Loreley-Brunnen (Heine-Denkmal) in der BronxHeines erste Gedichte waren bereits im Dezember 1821 in Berlin erschienen. 1823 folgte Trägödien, nebst einem Lyrischen Intermezzo. 1824 erschien die Sammlung Dreiunddreißig Gedichte, darunter Heines in Deutschland wohl populärstes Werk: Die Loreley. Im selben Jahr besuchte er während einer Harzreise den von ihm hoch verehrten Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er ihm seinen ersten Gedichtband mit einer Widmung zugesandt. Der Besuch verlief für Heine aber eher enttäuschend, da er sich - ganz im Gegensatz zu seinem Naturell - befangen und linkisch zeigte und Goethe ihm nur höflich-distanziert begegnete.
Im Jahr 1826 veröffentlichte Heine den Reisebericht Harzreise. Im gleichen Jahr begann seine Geschäftsbeziehung zu dem Hamburger Verlag Hoffmann und Campe. Julius Campe sollte bis zu Heines Tod sein Verleger bleiben. Er brachte im Oktober 1827 den Lyrikband Buch der Lieder heraus, der Heines Ruhm begründete und bis heute populär ist. Der romantische, oft volksliedhafte Ton dieser und späterer Gedichte, die unter anderem in Robert Schumanns Dichterliebe vertont wurden, traf den Nerv nicht nur seiner Zeit. Verse wie Im wunderschönen Monat Mai oder Ein Junge liebt ein Mädchen bringen bei Lesern des 21. Jahrhunderts die gleiche Saite zum Schwingen wie bei den Zeitgenossen Heines.
Aber Heine überwand den romantischen Ton bald, indem er ihn ironisch unterlief und die Stilmittel des romantischen Gedichts auch für Verse politischen Inhalts nutzte. Er selbst nannte sich einen „entlaufenen Romantiker“. Hier ein Beispiel für die ironische Brechung, in dem er sich über sentimental-romantische Naturergriffenheit lustig macht:
Das Fräulein stand am Meere und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre der Sonnenuntergang. Mein Fräulein! Sein sie munter, das ist ein altes Stück; hier vorne geht sie unter und kehrt von hinten zurück.
Heine selbst erlebte das Meer zum ersten Mal in den Jahren 1827 und 1828 auf Reisen nach England und Italien. Seine Eindrücke schilderte er in weiteren Reisebildern, die er zwischen 1826 und 1831 veröffentlichte. Dazu gehören z. B. der Zyklus Nordsee und die Werke Die Bäder von Lucca und Ideen. Das Buch Le Grand, letzteres ein Bekenntnis zu Napoleon und den Errungenschaften der Französischen Revolution. In dieser Zeit wurde Heine allmählich als großes literarisches Talent wahrgenommen. Seit Anfang der 1830er Jahre verbreitete sich sein Ruhm in Deutschland und Europa.
Pariser Jahre
Wegen seiner politischen Ansichten zunehmend angefeindet - vor allem in Preußen - und der Zensur in Deutschland überdrüssig, ging Heinrich Heine 1831, nach dem Ausbruch der französischen Julirevolution, nach Paris. Hier begann seine zweite Lebens- und Schaffensphase. Zeit seines Lebens sollte Heine sich nach Deutschland sehnen, wie sein Gedicht In der Fremde belegt:
Ich hatte einst ein schönes Vaterland. Der Eichenbaum Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft. Es war ein Traum. Das küsste mich auf deutsch und sprach auf deutsch (Man glaubt es kaum Wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich!“ Es war ein Traum.
Doch er sollte dieses Vaterland nur noch zweimal wiedersehen. Endgültig wurde Paris zu Heines Exil, als seine Werke - auch alle zukünftigen - 1833 in Preußen und 1835 auf Beschluss des Frankfurter Bundestages in allen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes verboten wurden. Das gleiche Schicksal traf die Dichter des Jungen Deutschland. Im Beschluss des Bundestages hieß es, die Mitglieder dieser Gruppe zielten darauf ab, „in belletristischen, für alle Klassen von Lesern zugänglichen Schriften die christliche Religion auf die frechste Weise anzugreifen, die bestehenden Verhältnisse herabzuwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören.“
Für Heine tat sich aber schon 1832 eine neue Einnahmequelle als Pariser Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung von Johann Friedrich Cotta auf, dem Verleger Schillers und Goethes. Seine Zeitungsartikel aus dieser Zeit veröffentlichte er 1833 in Buchform unter dem Titel Französische Zustände.
Im selben Jahr zeigten sich die ersten Symptome der Krankheit - Lähmungserscheinungen, Kopfschmerzattacken und Sehschwächen - die ihn am Ende seines Lebens acht Jahre ans Bett fesseln sollte.
Zunächst aber genoss er das Leben in Paris. Er begegnete etwa dem utopischen Sozialisten Saint-Simon und Größen des französischen und deutschen Kulturlebens wie Hector Berlioz, Ludwig Börne, Frédéric Chopin, George Sand, Alexandre Dumas und Alexander von Humboldt.
Die Weltstadt inspirierte Heine in den folgenden Jahren zu einer Flut von Essays, politischen Artikeln, Polemiken, Denkschriften, Gedichten und Prosawerken. In Schriften wie Französische Zustände (1832) versuchte er, den Deutschen Frankreich und den Franzosen Deutschland näher zu bringen. Dabei gelangen ihm Analysen von nahezu prophetischer Qualität, beispielsweise im Schlusswort von Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Heine schrieb diesen Text 1834 an die Adresse der Franzosen, 99 Jahre vor der Machtergreifung jener, die auch seine Bücher verbrennen sollten:
Das Christentum - und das ist sein schönstes Verdienst - hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut(...) Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in den fernsten Wüsten Afrikas werden sich in ihre königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.
Früher als die meisten seiner Zeitgenossen erkannte Heine den zerstörerischen Zug im deutschen Nationalismus, der sich - anders als der französische - nicht mit den Ideen von Demokratie und Volkssouveränität verband. Der Dichter spürte in ihm vielmehr einen untergründigen Hass auf alles Fremde:
Aber wir verstehen uns bass, Wir Germanen auf den Hass. Aus Gemütes Tiefen quillt er, Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er, Und mit seinem Gifte füllt er Schier das Heidelberger Fass.
Weitere wichtige Werke jener Jahre waren auch Die romantische Schule (1836), Über Ludwig Börne (1840) und das Romanfragment Der Rabbi von Bacharach (1840). Im Jahr 1841 heiratete Heine die Schuhverkäuferin Eugenie Crescentia Mirat, die er seit 1834 kannte. Eines mochte er an Mathilde, wie er sie liebevoll nannte, ganz besonders: dass sie kein Wort deutsch sprach und selbst nach langen Ehejahren keinen wirklichen Begriff davon hatte, mit welch bedeutendem Dichter sie verheiratet war.
1843 schrieb Heine sein Gedicht Nachtgedanken, das mit den oft zitierten Worten beginnt:
Denk’ ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Er verband darin die Sorge um die politischen Zustände in Deutschland mit der um seine dort allein lebende, verwitwete Mutter. Nicht zuletzt um sie wiederzusehen und ihr seine Frau vorzustellen, unternahm Heinrich Heine 1843 und 1844 seine zwei letzten Reisen nach Deutschland. Dabei lernte er auch Karl Marx und Ferdinand Lassalle kennen. Später arbeitete Heine an Marx’ Zeitschriften Vorwärts! und Deutsch-Französische Jahrbücher mit.
Mitte der 40er Jahre entstanden auch Heines große Versepen Atta Troll und - angeregt durch seine erste Reise - Deutschland. Ein Wintermärchen. Darin ging er mit Staat, Kirche und Gesellschaft Deutschlands äußerst bissig ins Gericht und versprach ganz im Sinne Marxens:
Ein neues Lied, ein besseres Lied O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten.
Seine „neuen und besseren Lieder“ veröffentlichte Heine 1844 in der Lyriksammlung Neue Gedichte, in der auch das „Wintermärchen“ zuerst erschien.
Heine und Marxismus
Zu Beginn der 1840er Jahre radikalisierte sich Heines Ton zusehends. Er gehörte zu den ersten deutschen Dichtern, die die Folgen der einsetzenden Industriellen Revolution zur Kenntnis nahmen und das Elend der neu entstandenen Arbeiterklasse in ihren Werken aufgriffen. Beispielhaft dafür ist sein Gedicht Die schlesischen Weber vom Juni 1844. Es war von dem Weberaufstand inspiriert, der im selben Monat in den schlesischen Ortschaften Peterswaldau und Langenbielau ausbrach. Ein Auszug:
Im düstern Auge keine Träne, sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne; Alt-Deutschland, wir weben dein Leichentuch. Wir weben hinein den dreifachen Fluch. Wir weben! Wir weben! (...) Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, den unser Elend nicht konnte erweichen, der den letzten Groschen von uns erpresst und uns wie Hunde erschießen lässt! Wir weben! Wir weben! (...)
Das auch als Weberlied bekannt gewordene Gedicht erschien im Juli im von Karl Marx herausgegebenen Vorwärts und wurde in einer Auflage von 50.000 Stück als Flugblatt in den Aufstandsgebieten verteilt. Der preußische Innenminister Arnim bezeichnete das Werk in einem Bericht an König Friedrich Wilhelm IV. als „eine in aufrührerischem Ton gehaltene und mit verbrecherischen Äußerungen angefüllte Ansprache an die Armen im Volke“. Das Königlich Preußische Kammergericht ordnete ein Verbot des Gedichts an. Ein Rezitator, der es dennoch gewagt hatte, es öffentlich vorzutragen, wurde 1846 in Preußen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Friedrich Engels, der Heine im August 1844 in Paris kennenlernte, übersetzte das Weberlied ins Englische und publizierte es im Dezember des selben Jahres in der Zeitung „The New Moral World“.
Trotz seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Marx und Engels wurde Heine nie zum Marxisten. Er sah, dass die Anliegen der entstehenden Arbeiterschicht ihre volle Berechtigung hatten und unterstützte sie, war sich aber zugleich bewusst, dass der Materialismus und die Radikalität der kommunistischen Idee vieles von der europäischen Kultur vernichten würde, was er liebte und bewunderte. Im Vorwort zur französischen Ausgabe von „Lutetia“ sollte Heine im Jahr vor seinem Tod schreiben:
Daß die Zukunft dem Kommunismus gehört, dieses Bekenntnis mache ich im Ton der Besorgnis und äußersten Furcht, und – ach! das war keineswegs Verstellung! Wahrhaftig, nur mit Schauder und Schrecken denke ich an die Zeit, da diese finsteren Bilderstürmer zur Herrschaft gelangen werden; mit ihren schwieligen Händen werden sie erbarmungslos alle Marmorstatuen der Schönheit zerbrechen, die meinem Herzen so teuer sind; sie werden all jene Spielereien und phantastischen Nichtigkeiten der Kunst zertreten, die der Dichter so liebte; sie werden meine Lorbeerhaine zerstören und dort Kartoffeln anpflanzen (...) und ... – ach! mein Buch der Lieder wird dem Gewürzkrämer dazu dienen, Tüten zu drehen, in die er den armen, alten Frauen der Zukunft Kaffee und Tabak schütten wird. Ach! Ich sehe all dies voraus, und ich bin von einer unaussprechlichen Traurigkeit ergriffen, wenn ich an den Untergang denke, mit dem das siegreiche Proletariat meine Verse bedroht, die mit der ganzen alten romantischen Welt vergehen werden.
Und dennoch, ich bekenne es mit Freimut, übt eben dieser Kommunismus, so feindlich er all meinen Interessen und meinen Neigungen ist, auf meine Seele einen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen kann; zwei Stimmen erheben sich in meiner Brust zu seinen Gunsten, zwei Stimmen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen wollen (...).
Denn die erste dieser Stimmen ist die der Logik. (...) Wenn ich diesen ersten Satz nicht widerlegen kann, dass „alle Menschen das Recht haben zu essen“, so bin ich gezwungen, mich auch allen anderen Folgerungen zu unterwerfen. (...)
Die zweite der beiden gebieterischen Stimmen (...) ist die des Hasses, des Hasses, den ich gegen eine Partei hege, deren schrecklichster Gegner der Kommunismus ist und die aus diesem Grunde unser gemeinsamer Feind ist. Ich spreche von der Partei der sogenannten Repräsentanten der Nationalität in Deutschland, von jenen falschen Patrioten, deren Vaterlandsliebe in nichts anderem besteht als in einer idiotischen Abneigung gegen das Fremde und gegen die Nachbarvölker, und die jeden Tag ihre Galle verspritzen, besonders gegen Frankreich.
Matratzengruft
Im selben Monat, in dem die Revolution in Paris ausbrach, im Februar 1848, erlitt Heine einen Zusammenbruch. Sein Nervenleiden, das sich seit 1845 zusehends verschlimmert hatte, warf ihn nun endgültig aufs Krankenlager. Heine selbst war der Überzeugung, an Syphilis zu leiden, sein gut dokumentierter Krankheitsverlauf lässt allerdings eher auf multiple Sklerose oder auf neurologische Erkrankungen wie ALS schließen. Fast vollständig gelähmt, sollte er die acht Jahre bis zu seinem Tod in der von ihm so bezeichneten „Matratzengruft“ verbringen.
Heinrich Heines Gesundheitszustand verschlechterte sich in mehereren Schüben dramatisch. Einmal wurde er vorzeitig für tot erklärt. Gegen die drohende Vereinsamung halfen gelegentliche Besuche von Kollegen und Freunden, die seine Matratzengruft nach eigenem Bekunden meist trauriger verließen als ein wirkliches Grab. Friedrich Engels suchte Heine im Januar 1848 auf, also noch vor dem endgültigen Zusammenbruch. Er berichtete:
Heine ist am Kaputtgehen. Vor vierzehn Tagen war ich bei ihm, da lag er im Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt. Gestern war er auf, aber höchst elend. Er kann keine drei Schritte mehr gehen, er schleicht an den Mauern sich stützend von Fauteuil bis ans Bett und vice versa. Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn verrückt macht.
In den Jahren vor seinem Tod gelangte Heine zu einer milderen Beurteilung der Religion. In seinem Testament von 1851 bekannte er sich zum Glauben an einen persönlichen Gott, ohne sich aber einer Kirche oder dem Judentum wieder anzunähern. In seinem Testament heißt es:
Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession angehöre, wünsche ich nicht, daß die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem Begräbnisse eingeladen werde; ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern. Dieser Wunsch entspringt aus keiner freigeistigen Anwandlung. Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt …
In seiner Schrift Geständnisse von 1854 stellte er noch einmal fest:
Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgendeiner Kirche oder gar in ihren Schoß geführt. (…) Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe und Freundschaft.
Heines geistige Schaffenskraft ließ auch in den qualvollen Jahren des Krankenlagers nicht nach. Da er nicht mehr selbst schreiben konnte, diktierte er seine Verse und Schriften einem Sekretär. So veröffentlichte er im Oktober 1851 den Gedichtband Romanzero und 1854 sein politisches Vermächtnis Lutetia.
Trotz seines Leidens kamen Heine Humor und Leidenschaft nicht abhanden. Die letzten Monate seines Lebens erleichterten ihm die Besuche seiner Verehrerin Else Krinitz aus Prag, die er zärtlich „Mouche“ nannte. Sie wurde zu seiner „angebeteten Lotosblume“. Diese Anbetung konnte jedoch wegen seiner Hinfälligkeit nur noch auf geistiger Ebene stattfinden, was Heine selbstironisch mit den Versen kommentiert:
Worte! Worte! keine Taten! Niemals Fleisch geliebte Puppe. Immer Geist und keinen Braten, Keine Knödel in der Suppe.
Dass er das Leben liebte, dem Tod aber gleichwohl tapfer ins Auge sah, zeigt sein Gedicht Epilog:
Unser Grab erwärmt der Ruhm. Torenworte! Narrentum! Eine bessre Wärme gibt eine Kuhmagd, die verliebt uns mit dicken Lippen küsst und beträchtlich riecht nach Mist (…)
Heines Grabbüste auf dem Friedhof Montmartre in ParisAm 17. Februar 1856 hatte Heinrich Heine ausgeküsst und ausgesungen. Drei Tage später wurde er auf dem Friedhof Montmartre beerdigt, wo nach dem ausdrücklichen Willen des Dichters 27 Jahre später auch Mathilde ihre letzte Ruhe fand. Das im Jahre 1901 erstellte Grabmal ziert eine von dem dänischen Bildhauer Louis Hasselriis stammende Marmorbüste Heines und sein Gedicht Wo?:
Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein? Unter Palmen in dem Süden? Unter Linden an dem Rhein? Werd ich wo in einer Wüste eingescharrt von fremder Hand? Oder ruh ich an der Küste eines Meeres in dem Sand? Immerhin, mich wird umgeben Gotteshimmel, dort wie hier. Und als Totenlampen schweben nachts die Sterne über mir. aus Diese Biographie basiert auf einem Artikel aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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