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Gedichte » Alexander Puschkin » Volksthümliches » Lied von dem wahrsagenden Oleg


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Lied von dem wahrsagenden Oleg

Der Rachezug gilt den Chasaren nun,
    Oleg läßt rüsten und werben:
Ihre Dörfer und Felder, schwur er bei Perün,
    Mit Feuer und Schwert zu verderben.
Auf treuem Rosse, in Panzer und Wehr,
So ritt er ins Feld, hoch voran seinem Heer.

Da tritt ihm entgegen aus dunkelem Hain,
    Ein Seher, ein Geister-Vertrauter;
Gehorsam Perün seinem Gotte allein,
    Verborgnes und Künft'ges durchschaut er;
All sein Leben in Beten und Forschen zerrann,
Und Oleg tritt also den Alten an:

Sag, Sehergreis, Liebling der Götter, sag:
    Was werd' ich auf Erden erfahren?
Naht bald vielleicht schon mein Todestag,
    Zur Freude der stechen Chasaren?
Sag wahr, ohne Furcht, was das Loos mir bescheert,
Und ich schenke zum Lohn Dir mein Lieblingspferd! —

Ich fürchte die mächtigsten Fürsten nicht
    Und kann ihre Gaben entbehren,
Wahrhaftig und frei meine Zunge spricht
    Was in Gunst mir die Götter gewähren.
Die Zukunft liegt dunkel dem spähenden Blick,
Doch zeigt Deine heitere Stirn Dein Geschick!

Gedenk meines Wortes:  Dein Herrscherglanz
    Wird ruhmvoll im Kampf sich erneuen,
Du hängst Deinen Schild an das Thor von Byzanz,
    Dein Schwert wird die Feinde zerstreuen?
Ueber Land und Meer geht Dein Herrscherthum
Dem Feinde zum Neide, Dir selber zum Ruhm.

Und die tückische Woge des blauen Meers,
    Und der Sturm bringt Dir keine Gefahren;
Vor der Schärfe des Dolches, des Pfeiles, des Speers,
    Wird Dein gutes Geschick Dich bewahren.
Kein Schleuderwurf dringt durch Dein Panzerhemd,
Und alle Gefahr in der Schlacht bleibt Dir fremd.

Dein Roß wird mit Dir leine Mühe scheu'n,
    Folgsam mit Dir stehen und eilen,
Nicht Wanken wenn Sturm und Gefahren dräu'n,
    Nicht fliehn vor den feindlichen Pfeilen?
Die Kälte, der Schlachtlärm bringt ihm keine Noth,
Und doch einst von diesem Roß Haft Du den Tod!

Erst lächelt Oleg — doch es schwindelt sein Kopf,
    Verfinstert sich seine Geberde;
Er hält seine Hand an den Sattelknopf
    Und schwingt sich herunter vom Pferde.
Und trüb seinem treuen Thier zugewandt
Steht der Fürst und streichelt's mit zitternder Hand.

Wir müssen jetzt scheiden, es wird mir schwer,
    So sprach er, ließ fallen die Zügel —
Du treuer Gefährte, ach, nimmermehr
    Tritt mein Fuß in den goldenen Bügel —
Lebwohl und gedenk mein! — Dann rief er zum Troß:
Herbei schnell, Ihr Knappen, und nehmt dieses Roß!

Bedeckt es recht warm und behandelt es zart,
    Wählt die besten Weiden und Ställe,
Und nährt es mit Korn von der besten Art
    Und tränkt es mit Wasser der Quelle...
Die Knappen führten das Roß hinweg
Und gaben ein andres dem Fürsten Oleg. —

Nach Jahren wohl schmauste der Fürst im Kreis
    Seiner alten Schlachtenkumpane,
Ihre Locken warm schon alle weiß,
    Wie Schnee auf dem Haupt der Kurgane
Sie gedenken vergangener Zeiten des Kriegs,
Gemeinsamer Thaten des Ruhmes und Siegs.

Oleg, der Fürst, einen Knappen frug:
    Was macht mein Roß, mein gutes,
Geht es stolz noch und leicht wie es einst mich trug,
    Ist es munter und frohen Muthes?
Und die Antwort scholl: Am Hügelshang liegt
Dein Roß begraben schon Jahre lang.

Der mächtige Fürst senkt sinnend sein Haupt
    Und denkt: wie ward ich betrogen!
Hätt' ich nimmer dem trügenden Worte geglaubt,
    Alter Seher, Du hast mich belogen!
Noch heute trüge mein Roß mich vielleicht...
Er befiehlt, daß man ihm die Gebeine zeigt.

So reitet der Fürst mit Igor fort
    Und den andern Gästen des Schlosses;
Bald sieht er am Hügel, am Dnjeprbord
    Die edlen Gebeine des Rosses,
Von Erde beschmutzt und von Regen naß,
Darüber wogt hohes Reihergras.

Leis tritt auf den Schädel des Pferdes zu
    Der Fürst, spricht mit trüber Geberde:
Mein treuer Gefährte, zur ewigen Ruh
    Vereint mich dir bald wohl die Erde!
Dich schlägt nun lein Neil und nicht röthet dein Blut
Das Grab, darin einst dein Gebieter ruht —

Ha! jetzt geht Dein Wort in Erfüllung, Prophet,
    Verderben droht mir aus den Knochen! —
Aus dem Roßschädel kommt, wo der Herrscher steht,
    Eine Grabesschlange gekrochen,
Wie ein schwarzes Band umschlingt sie sein Bein,
Von dem tödtlichen Biß hebt er laut an zu schrein.

Man feiert des Todten Grabfest lang,
    Rings klingen und schäumen Pokale;
Fürst Igor sitzt oben am Hügelshang
    Mit Olga, dem holden Gemahle.
Die Krieger gedenken der Zeiten des Kriegs,
Gemeinsamer Thaten des Ruhmes und Siegs.


Aus dem Russischen von
Friedrich Martin Bodenstedt

Alexander Puschkin
Aus der Sammlung Volksthümliches

  
  


Alexander Puschkin   

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