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Frühlingsstimme

Wie der Flieder haucht, wie die Nachtigall singt
Süßen, sehnend bestrickenden Laut;
Wie aus Büschen und Bäumen das Lied erklingt,
Das alte allmächt’ge von Bräut’gam und Braut.

Wie der dämmernde Laut mir die Schläfen umfließt,
Wie er flüsternd ins träumende Herz mir zieht —
Du holdselige Maid, die mein Arm umschließt,
Vernimmst Du das wundergewaltige Lied?

An dem ersten Tag, als aus flutendem Raum
Die glühende Erde sich selber fand,
Da kam dieses Lied wie ein göttlicher Traum,
Aus dem Herzen des Ew’gen herniedergesandt.

An dem ersten Tag, als des Menschen Kraft
Sich tobend gegen den Menschen erhob,
Als zum ersten Male die Leidenschaft
Dem Bruder „mein Feind Du" ins Antlitz schnob,

Da kam es, der Liebe hochheiliges Lied,
Wie ein Engel der ew’gen Barmherzigkeit,
Der weinend über die Erde zieht,
Wehklagend der Menschen Unseligkeit.

Wie ein Rosengebüsch, das an Gräbern erblüht,
Mit Rosen bedeckt süß duftend und rot,
So entspross dieses Lied aus zerrissnem Gemüt,
Das nicht lieben gedurft und geliebt bis zum Tod.

Wie ein wimpelumflattertes brausendes Meer
Wo der Reichtum wohnt und die Hoffnung lacht,
So rauschte der Sang von der Liebe einher,
In seiner jungherrlichen Fülle und Pracht!

Und am letzten Tag, wenn die Erde versinkt
In dem grauen flutenden Schoße des Nichts,
Wenn im Meere des Dunkels die Sonne ertrinkt,
Die himmlische Quelle der Liebe, des Lichts:

Dann steigt zum erloschenen Himmelszelt
Ein letzter, ein süßer, ein zitternder Laut,
Wehklagend der Menschen verlorene Welt:
Das allmächtige Lied von Bräut’gam und Braut.

Ernst von Wildenbruch
Aus der Sammlung Lieder

  
  


Ernst von Wildenbruch   

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