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KELCH IN DER FRÜHE

Gedicht von Konrad Weiß

Der Morgen atmet eines schweren Lichts
durch Regen unverbrüchlich hergetragen,
da will ein Hauch die Seele alles wagen,
denn sie ist arm und hat in Fülle nichts.

Im ausgelöschten Spiegel bildlos Bild:
du sollst nichts in der toten Stille haben,
vor reiner Regung blühen rings die Gaben,
so fällt ihr Atem sterbensstark und quillt.

Doch wie der kühle Kelch zum Mund sich neigt:
erkenne dich, du Mächtige im Trunke,
da flieht der Sinn wie tot, am schwarzen Strunke
die Wasserperle wird dem Blick gezeigt.

Fort mit dem fahlen Schmerz und kalten Blitz,
der niemals rinnend wird zum lichten Scheine
der Innenglut; sie bricht aus goldnem Schreine,-
glückliche Menschen haben viel Besitz.

Der Sinn des armen Weges silbermatt
unfaßlich hingegeben zu den Dingen,
wann schließt die Seele sich in starken Ringen,
wann öffnet sich die volkbelebte Stadt?

Da sitzen Gäste selig um den Tisch
und sind zum unerschöpften Mahl verbunden,
sie sind erfüllt, du mußt im Durst gesunden,
nun trinke-; wie ist Leben bitter frisch!

Konrad Weiß
Aus der Sammlung Wanderer in Tagen

  
  

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