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Märchen

vom Zar Saltan, von seinem Sohne,
dem berühmten und mächtigen Ritter Fürst Gwidon,
und von der wunderschönen Schwanenprinzessin
oder Zarentochter Lebeb.


Saßen spät drei junge Mädchen,
Schnurrend ging ihr Spinnerrädchen.
Redet eine von den drei'n:
Ach! könnt' ich doch Zarin sein!
Für die ganze weite Welt
Hätt' ich selbst ein Fest bestellt!
Sprach die zweite von den drei'n:
Schwester, könnt' ich Zarin sein;
Aller Welt mit eigner Hand
Webt' ich feine Leinewand!
Sprach die Jüngste von den drei'n:
Käm' ein Zar um mich zu frein,
Schenkt' ich ihm auf seinen Thron
Einen rechten Heldensohn!

Kaum der Wunsch gesprochen ward
Als die Thüre leise knarrt;
Zu den Mädchen zu dm drei'n,
Tritt der Zar des Landes ein.
Draußen stand er bei dem Reden,
Hört' die Wünsche einer Jeden,
Doch der Letzten Wunsch vor allen

Hat dem Zaren Wohlgefallen:
Grüß Dich Gott, schön Jungfräulein,
Sprach er, — komm, sollst Zarin sein!
Und bis zum September schon
Schenk mir einen Heldensohn!
Aber Ihr, Ihr beiden Andern,
Macht Euch auf mit uns zu wandern,
Bei der Schwester sollt Ihr bleiben,
Was Ihr wünscht, das sollt Ihr treiben:
Eine soll als Köchin leben,
Und die Andre Leinwand weben.

Die drei Mädchen wie sie waren
Folgten zum Palast dem Zaren,
Gleich am Abend ward die Braut
Ihm als Zarin angetraut.
Zar Saltan im Kreis der Gäste
Mit der Zarin saß beim Feste,
Drauf die Ehrengäste schreiten
Und das Hochzeitsbett bereiten
Fein geschnitzt aus Elfenbein;
Und man ließ das Paar allein.

Weberin und Köchin einen
Sich, ihr Schicksal zu beweinen;
Und es einen sich die beiden
Ihre Herrin zu beneiden;
Doch das junge Zarenpaar
Machte sein Versprechen wahr:
Eh' die Hochzeitsnacht vergangen
War der Heldensohn empfangen.

Zu derselben Zeit gab's Krieg.
Zar Saltan sein Roß bestieg,
Bat die Zarin sich zu wahren
Ihm zu Liebe vor Gefahren. —
Und indeß er ferne weilt,
Stark von Kampf zu Kampfe eilt
Mit den rauhen Kriegsgenossen,
Ist die Kindesfrist verflossen,
Und Gott schenkt ihm einen Sohn,
Ellenlang geboren schon.
Ihren Sprößling pflegt die Zarin
Wie ihr Junges pflegt die Aarin;
Einen Noten, einen raschen,
Schickt sie, froh zu überraschen
Ihren Zaren. Doch die beiden
Schwestern, die ihr Glück beneiden,
Mit der Base Babariche
Sinnen sie auf arge Schliche,
Fangen ab den ersten Boten
Den die Zarin selbst entboten,
Senden einen andern fort
Mit der Botschaft Wort für Wort:
»Deine Zarin hat geboren,
Doch Gott weiß was Dir erkoren,
's ist kein Sproß für Deinen Thron,
Keine Tochter und kein Sohn —
's ist nicht Frosch und ist nicht Maus:
Sieht fast wie ein Unthier aus!«

Wie die Botschaft ihm gekommen
Und der Zar den Sinn vernommen,
Ward er zornig, und es drohten
Seine Worte Tod dem Boten.
Doch das Tödten unterblieb
Und der Zar zur Antwort schrieb:
>Schweigt jetzt still von der Geschichte
Bis ich selber seh' und richte.«

Mit der Schrift, auf schnellem Roß,
Kehrt der Note heim zum Schloß.
Doch der bösen Schwestern Neid
Schuf der Zarin neues Leid:
Mit der Amme Babariche
Sannen sie auf arge Schliche,
Machten erst den Noten trunken
Bis er tief in Schlaf versunken;
Und indeß er arglos schlief,
Nahmen sie des Zaren Brief,
Nähhten in sein Brustgewand
Einen Brief von ihrer Hand.
Als der Bote dann erwacht,
Ward die Botschaft überbracht:

>Zar Saltan an die Bojaren:
Was geschehn Hab ich erfahren,
Drum die Zarin und ihr Kind
Sollt Ihr beide wie sie sind
Alsofort in's Meer versenken,
Sie im Wasser zu ertranken.«

Trauernd folgten die Bojaren
Dem gefälschten Nrief des Zaren,
Drangen zu der Zarin Schmach
Nächtlich in ihr Schlafgemach,
Meldeten mit trübem Blick
Ihr verhängnißvoll Geschick,

Lasen ihr mit lauter Stimme
Was der Zar in seinem Grimme
Anbefohlen. In ein Faß
Wurden ohne Unterlaß
Kind und Mutter eingesteckt,
Und das Faß ward zugedeckt,
Dicht verstopft mit Werg und Theer
Und gerollt in's blaue Meer.

Glänzt der Himmel sternenhelle,
Rauscht im Meer die dunkle Welle.
Wolken ziehn am Himmel schwer,
Und das Faß schwimmt auf dem Meer.
Klagt die Zarin in dem Faß,
Jammert ohne Unterlaß;
Doch ihr Kind wächst wunderbar,
Nicht blos täglich, stündlich gar.
Und indeß die Mutter klagt
Singt das Kind im Faß und sagt:

>Ach du Welle, Meereswelle,
Wie du plätscherst frei und helle,
Keinen Zwang noch Fesseln fühlend,
Bald das Meergestein umspülend,
Bald ans hohe Ufer schlagend,
Mastenhohe Schiffe tragend —
O, erlös uns unsrer Bandes
Trag' uns hin zum festen Lande!«

Und die Welle Hort das Wort,
Trägt das Faß zum Ufer fort,
Laßt es sanft am Ufer nieder,
Gleitet dann zum Meere wieder.

Kind und Mutter sind gerettet,
Sind auf festem Land gebettet.
Aber wer macht jetzt die Zwei
Aus der Haft des Fasses frei?
Schnell hat sich der Sohn erhoben,
Drückt nach unten, drückt nach oben:
>Wär' nur eine Oeffnung möglich!«
Sprach's, und wunderte sich höchlich,
Denn kaum war das Wort gesprochen,
Lag der Deckel schon zerbrochen!
Schnell sind Beide ausgekrochen.

Braust und schäumt das blaue Meer,
Weit dehnt sich das Feld umher;
Steigt vom Feld ein Hügel auf,
Eine Eiche steht darauf.
Denkt der Sohn: ein Abendbrot
Thut uns jetzt vor allem Noth!
Doch wo find' ich Speise? spricht er —
Einen Zweig vom Baume bricht er,
Biegt den Zweig zu einem Bogen,
Hat die Schnur schnell abgezogen
Seinem Kreuz *), mit fester Hand
Sie dem Bogen aufgespannt,
Kleine Zweiglein dann in Eile
Zugespitzt als scharfe Pfeile —
Und er sucht am Dünenhügel
In der Bucht nach Seegeflügel.

Horch! da schlägt ein Klagelaut
An sein Ohr, er späht und schaut:
Dunkel ist's — die Wogen thürmen
Sich, rings geht ein Brausen,
Stürmen Plötzlich sieht das Auge freier:
Stößt ein ungethümer Geier
Hoch aus seiner luft'gen Bahn
Auf die Meerflut — und ein Schwan
Sieht das Raubthier auf sich dringen,
Hebt in Angst die weißen Schwingen,
Will entstehen, peitscht die Wellen,
Doch der Geier naht im schnellen
Flug, sein Opfer anzufallen,
Packt es schon mit scharfen Krallen —
Von des Zarensohnes Bogen
Plötzlich kommt ein Pfeil geflogen
In des Geiers Hals — sein Blut
Färbt mit Purpur rings die Flut —
Und in Todesqual und Grimme
Schreit er wie mit Menschenstimme,
Taucht die Flügel in das Meer,
Doch der Schwan schwimmt um ihn her,
Unter Schlagen, Stoßen, Beißen,
Sucht er ihn an's Meer zu reißen,
Sicher ihn zu tödten. Drauf
Thut der Schwan den Schnabel auf,
Russisch und mit Menschenton
Spricht er zu dem Zarensohn:

Zarensohn: mich zu erlösen
Kamst Du, von der Macht des Bösen;
Ging verloren auch Dein Pfeil,
Glück wird Dir dafür und Heil!
Kannst Du jetzt um meinetwillen
Auch nicht Deinen Hunger stillen


*)  Dem Taufkreuz, welches die Russen
an einer Schnur auf der Brust tragen.


Aus dem Russischen von
Friedrich Martin Bodenstedt

Alexander Puschkin
Aus der Sammlung Volksthümliches

  
  

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