Das ForsthausI
Palma Kunkel ist häufig zum Kuraufenthalt
in einem einsamen Forsthaus weit hinten im Wald,
von wo ein Brief so befördert wird,
daß ihn, wer gerade Zeit hat, ein Knecht oder Hirt
dem Wild des angrenzenden Jagdrevieres
um Hals oder Bein hängt ... worauf in des Tieres
erfolgender Schußzeit er, wenn auch oft spät,
auf ein Postamt und von dort an seine Adresse gerät.
So das Wild wie die Nachbarn sind stolz auf die Ehre,
und man weiß keinen Fall, daß ein Brief je verloren gegangen wäre.
II
Zehn Jahre später
Dies war so geschrieben vor manch einem Jahr.
Doch heute, da ist es in sofern nicht mehr wahr,
als – zuerst wars ein Kauz, der drauf kam,
die Sache dahin in Erwägung er nahm:
daß, wenn man direkt die postalische Bürde
besorgte, der Abschuß erspart bleiben würde.
Er ist damals gleich nach dem Postamt geflogen
und wurde als ›Brief-Kauz‹ auf einem großen Bogen
vermerkt und der Hirsch und der Has hinterher,
und schließlich waren die Jagdgründe leer:
Denn natürlich hatte das ganze Wild nun
nur noch zwischen Forsthaus und Reichspost zu tun,
und kam es dabei auch durchs alte Revier,
war es jetzt dort als ›Brief-Wild‹ geschütztes Getier. Christian Morgenstern
Aus der Sammlung Palma Kunkel |