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Die Stadt im See

Gedicht von August Kopisch

Steilrandig dehnt ein See sich hin
Von Herzsprung bis nach Brodewin.
Der Sage nach, die das Volk noch hat,
Verging dort einst eine prächtige Stadt,
Mit Mauern und mit hohen Türmen,
Die konnte kein grimmer Feind erstürmen.
Sie prangte in steter Herrlichkeit
Und Gottessegen lange Zeit,
Bis sie im Überfluss verging,
Weil süße Wonne sie ganz befing.
Jetzt decken sie hoch des Sees Wogen,
Weithin von Möwen überflogen.
Die ganze Gegend scheint ein Traum.
Am Ufer grünt ein gewaltiger Baum:
Wenn man darauf am Mittag steigt
Und sich der Baum zum See nicht neigt
Und — steigt man weiter, die Blätter nicht zittern,
Weil sonst die Lüfte rings gewittern,
So kann man schauen ganz gemach
Wie die Stadt sich hebet nach und nach.

Doch hat sich erwiesen
Man darf nicht niesen,
Nicht pusten,
Nicht husten,
Nicht rufen,
Nicht schnufen,
Nichts sagen,
Nichts fragen,
Nein seelenallein
Und mäuschenstille muss man sein,
Auch darf kein Reh den Wald durchspringen,
Kein Vogel im grünen Laube singen.
Schaut man aus solcher Stille, nicht lang,
So vernimmt man holden Glockenklang,
Der hallet lauter und lauter ins Ohr,
Dann steigen die Türme der Stadt empor,
Die Glocken, die in den Türmen hangen,
Erklingen wie sie vor Zeiten klangen,
Und wenn die Glockenklänge schweigen,
Sieht man die Dächer der Stadt sich zeigen.
Bald hört man auch der Nagen Rollen
Und Marktgeschrei und lustiges Tollen,
Man hört kanonieren
Und kommandieren und musizieren,
Marschiren und allerlei Exerzieren,
Trompeten und Trommeln und lustige Pfeifen,
Und Bötticher treiben am Fass die Reifen,
Man hört den Schmidt den Ambos schlagen,
Und endlich, was die Leute sich sagen;
Sie sprechen noch immer wie vordem,
Drum ist Verstehn nicht jedem bequem.
Wo ihre Mauer Lucken bat,
Sieht man hinein in die herrliche Stadt,
Das Volk ergeht sich selig vor Wonne
Im erquickenden Schein der himmlischen Sonne.
Nur Jubel und Freude überall,
Die Knaben treiben Kreisel und Ball,
Verliebte mit holden Sehnsuchtsblicken
Erfüllen ihr Herz mit stetem Entzücken.
Inmitten des Markts ist eine Quelle,
Gefasst in Marmel, ihr Wasser ist helle.
Es quellt mit übergewaltiger Schnelle:
Die Ratsherrn aber stehen umher
Und sinnen wie dem zu wehren wär.
Doch wehren sie nicht: es quellet fort
Und decket nach und nach den Ort.
Bald ragen nur noch die Türme hervor.
Jetzt ist der See ganz wie zuvor,
Die Brandung am grünen Ufer schäumt.
Der Lauscher denkt, er hat geträumt.
Allein so ist die Sache nicht,
Er sah wahrhaftiges Gesicht.
Die Stadt war einst an Schätzen reich,
Viel reicher als manches Königreich-,
Das schönste Kleinod in ihr war
Ein Born mit Wasser lieblich klar
Und leicht und angenehm von Duft,
Es war als tränke man Frühlingsluft,
Und Freude durchdrang die davon nippten
Und ihre Becher nur langsam kippten.

Den Born, des Wasser also laben,
Hatt’ einst ein weiser Fremder gegraben,
Der sprach: er werde selig stießen,
Doch müsse man ihn bei Nacht verschließen.
Nun haben die Leute in Abendstunden
Den Trank dort allzu lieblich gefunden,
So fielen in Schlaf die Wächter der Stadt,
Der Brunnen ward zu stießen nicht matt,
Er floss und stieg die ganze Nacht:
Und als die Stadt am Morgen erwacht,
Wogt über ihrem reichen Gut
Der See mit seiner Zauberflut.

Drum sorge jede gute Stadt,
Dass stets sie wache Wächter hat,
Und dass, was sich auch biet’ und zeige,
Ihr Glück nie über den Kopf ihr steige.

August Kopisch
Aus der Sammlung Sagen

  
  


August Kopisch   

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