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Die alte Frau

Heut bin ich krank, nur heute, und morgen bin ich gesund.
Heut bin ich arm, nur heute, und morgen bin ich reich.
Einst aber werde ich immer so sitzen,
In dunkles Schultertuch frierend verkrochen, mit
    hüstelnder, rasselnder Kehle,
Mühsam hinschlurfen und an den Kachelofen knöchrige Hände tun.
Dann werde ich alt sein.

Meiner Haare finstere Amselschwingen sind grau,
Meine Lippen bestaubte, verdorrte Blüten,
Und nichts weiß mein Leib mehr vom Fallen und Steigen der
    roten springenden Brunnen des Blutes.
Ich starb vielleicht Lange schon vor meinem Tode.

Und doch war ich jung.
War lieb und recht einem Manne wie das braune nährende
    Brot seiner hungrigen Hand,
War süß wie ein Labetrunk seinem dürstenden Munde.
Ich lächelte
Und meiner Arme weiche, schwellende Nattern lockten umschlingend in Zauberwald.
Aus meiner Schulter sproßte rauchblauer Flügel,
Und ich lag an der breiteren buschigen Brust,
Abwärts rauschend, ein weißes Wasser, vom Herzen des Tannenfelsens.

Aber es kam der Tag und die Stunde kam,
Da das bittere Korn in Reife stand, da ich ernten mußte.
Und die Sichel schnitt meine Seele.
»Geh',« sprach ich, »Lieber, geh'.
Siehe, mein Haar weht Altweiberfäden,
Abendnebel näßt schon die Wange,
Und meine Blume schauert welkend in Frösten.
Furchen durchziehn mein Gesicht,
Schwarze Gräben die herbstliche Weide.
Geh'; denn ich liebe dich sehr.«

Still nahm ich die goldene Krone vom Haupt und verhüllte mein Antlitz.
Er ging,
Und seine heimatlosen Schritte trugen wohl anderem
    Rastort ihn zu unter helleren Augensternen.

Meine Augen sind trüb geworden und bringen Garn und
    Nadelöhr kaum noch zusammen.
Meine Augen tränen müde unter den faltig schweren, rotumränderten Lidern.
Selten
Dämmert wieder aus mattem Blick der schwache, fernvergangene Schein
Eines Sommertages,
Da mein leichtes, rieselndes Kleid durch Schaumkraut- wiesen floß
Und meine Sehnsucht Lerchenjubel in den offenen Himmel warf.

Gertrude Kolmar
Aus der Sammlung Welten

  
  

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