Heilige Zeiten.Psalm 19 ,3.
Ein Tag sagt es dem andern und eine
Nacht tut es kund der andern.
Die „heiligen Zeiten“ wollt ich gern
Mit Saitenspiel besingen,
Flocht Blum an Blume, Stern an Stern,
Und konnt es nicht vollbringen.
Ich sang die Patriarchenzeit,
Die Zeit der frommen Alten,
Da sprach der Geist: will nicht auch heut
Der alte Gott noch walten?
Ich habe Sonn- und Feiertag,
Der Feste Kreis besungen,
Doch auch des Werktags Stundenschlag
Hat heilig mir geklungen.
Ich sang des holden Frühlings Preis,
Die buntgeblümten Fluren,
Doch fand ich auch in Schnee und Eis
Der ewgen Liebe Spuren.
Ich pries der Lerche Frühgesang,
Des Abendrots Gefunkel,
Doch hört ich auch Jehovas Gang
In Sturm und Wetterdunkel.
Ich sang: dies ist der Tag des Herrn!
Der Braut am Traualtare,
Doch sah ich auch: Gott ist nicht fern
An einer Totenbahre.
Sah Tag und Nacht und Lust und Leid,
Lenz, Winter, Tod und Leben
In buntem Reigen durch die Zeit
Als Engel Gottes schweben.
Da sprach ich: Seele, heil’ge Zeit
Ist jede Erdenstunde,
Es schläft ein Keim der Ewigkeit
In jeglicher Sekunde.
Drum, armer Mensch, lass immerdar
Dein Saitenspiel verklingen,
Weil Tag um Tag und Jahr für Jahr
Dem Ewigen lobsingen! Karl Gerok, 1863
Aus der Sammlung Heilige Zeiten |