TotentanzZu Basel, wo die fromme Schaar
Nicht leiden mag des Tanzes Reigen,
Kreist doch schon an dreihundert Jahr,
Von aller Welt besucht, ein Reigen;
Ein sichrer Spielmann führt den Chor,
Läßt Trommel nicht noch Fiedel schonen,
Den überlustigen Humor
Der tollen Tänzer zu belohnen.
Und wen der Taumel hat gepackt,
Den läßt er nimmer aus dem Kreise:
Der Tod ist's, der regiert den Takt
Und aufspielt immer neue Weise.
Manch nie gekanntes Instrument
Zieht er aus seinem Arsenale,
Der Tänzer rast, die Sohle brennt
Und thut den Dienst zum letztenmale.
So schuf mit kecker Phantasei
Ein deutscher Meister in den Farben
Des Todtentanzes Konterfei,
Drauf Könige und Bettler starben;
Doch unbewußt hineingemalt
Hat er ein Stück vom eignen Leben,
Mit siebenfachem Tod bezahlt
Was Großes ihm die Kunst gegeben.
Nur sie, die zwischen Glut und Schnee
Des Süds und Nordens ist entsprungen,
Nur deutsche Kunst weiß von dem Weh,
Das in den Musenkranz bedungen:
Mit vorgeneigtem Angesicht
Der Zukunftsahnung nachzuhängen,
Um mit des ganzen Manns Gewicht
Sich dem Verhängniß zuzudrängen.
Wie treibt den Meister, zu entflieh'n
Der Heimath seines Totentanzes,
Rheinabwärts ein gewaltig Zieh'n,
Ein Zieh'n des jungen Künstlerkranzes,
Hinab zu Englands Majestät,
Wo in des achten Heinrichs Glanze
Ihn lockt ein zwingender Magnet
Zu einem neuen Totentanze!
Wie hat die Meisterhand gebrannt,
Was von den reizendsten Gestalten
Das stolze England sein genannt,
Im Glanz der Farben festzuhalten!
Wie stürmt des Königs wilde Glut
Beim Reize der gemalten Leiber,
Zu jagen auf lebendig Blut
Durch's ganze Alphabet der Weiber!
Wenn von der Hand der Kunst geschmückt,
Der Schönheit Blüthen voller wallen,
Da liebt die Wollust, wuthverzückt,
Die Beute heißer anzufallen;
Daß sie den Künstler glühen macht,
Läßt süßer ihre Reize sprechen,
Und nach der ersten Liebesnacht
Das rührende Gesäß zerbrechen.
Und rasch genossen, rasch verkannt
Der schönsten Königinnen Liebe!
Enthauptet die, und die verbannt,
Und immer, immer neue Triebe,
Und immer Neue Liebeswuth,
Gepaart mit eines Tigers Zähnen,
Und immer neue Farbenglut
Des Malers, heiß von seinen Thränen!
Geschmiedet an des Wüthrichs Gunst,
Ein rarer Sklave semer Lüste,
Entwirft des seltnen Pinsels Kunst
Nur Gallerie'n der Blutgerüste.
Verhundertfachte Todesqual:
Am warmen, heut gemalten Nacken
Vorauszuseh'n das Wundenmal,
Wo morgen ihn die Henker packen!
In jedem Pinselzuge schon
Zu seh'n des jungen Blutes Fließen,
Wie durch der Farben wärmsten Ton
Des Todes kalte Striemen schießen!
Sieh, sieh die blutig scharfe Spur
Um Anna Boleyn's Hals gezogen! —
Und weder Farbe noch Lasur
Hat jenen Fleck hinweggelogen.
Drangst, Meisterseele, du so tief,
Daß du das unverwischte Zeichen,
Das um der Mutter Nacken lief,
Hinab zur Tochter sähest reichen,
Die sich den schicksalsvollen Streif
So tief in's Herz gewußt zu prägen,
Um einst den gleichen Todesreif
Der Stuart um den Hals zu legen? -
Und Eine hast zum Todesgang,
Arm Künstlerherz, du weihen müssen,
Sie, deren Liebereiz dich zwang,
Den Saum des Kleides ihr zu küssen:
Als Katharina Howard sank,
Die du in tiefster Brust getragen,
Da sahst du, deiner Kunst zu Dank,
Auch deine Liebe mit erschlagen. —
Der Maler krank; der König sonnt
Sich an des Alters welken Strahlen:
"Wir Beiden haben's halt gekonnt,
Das Lieben mein' ich und das Malen;
Und alle, alle waren schön,
Kathrinen, Annen und Johannen,
Und alle — hörst du? — waren schön,
Und alle giengen früh von dannen!" —
Der König todt; der Maler alt;
Zu Grab gebeugt bei Leibesleben,
Und siebenfältig ist bezahlt,
Was Großes ihm die Kunst gegeben;
Daß ihm die Pest die Seele brach,
Ich könnt's zu sagen fast ersparen,
Denn schon im Leben hundertfach
Hat er des Todes Graus erfahren.
Das ist des Tanzes Konterfei,
Darauf die Königinnen starben,
So traf des Schicksals Phantasei
Den deutschen Meister in den Farben;
Das war der tiefe Zug und Drang
In jenes jungen Künstlers Kranze,
Den's früh vorauszudichten zwang
Sein Loos im Basler Todtentanze. Johann Georg Fischer |
Johann Georg Fischer
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