Friedrich Waiblinger"Dich ruf ich an,
Meiner Tage Verlangen,
Meiner Nächte Sehnsucht,
Dich, der Schönheit heilige Göttin!
Die du dem Gnechengestad entschwammst,
Und in Latium einzogst
Mit dem südlich glühenden,
Meerluftgekühlten
Königsantlitz,
Und machtest herrlicher hier erblühn
Deinen ewigen Dienst als selbst in Hellas;
Denn Italia ist das Herz der Erde,
Wie der Mittag ist die Seele des Tags.
In Städten und Hainen
An hundert Altären
Brannten die Opfer und glühten die Feste
Dir, die du kundig die römischen Männer
Herrliche Kunst und Gesang gelehrt.
Dir, die du tief in der Römerin Augen
Hohe Glut des Verlangens goßest.
Und gleich sich theilmd in deinen Dienst,
Eiferten Priester und Priesterinnen.
Noch wandelst du immer
Und gefeiert wie vormals,
Gehüllt, die Unsterbliche,
In des sterblichen Weibes Reize,
Im Hauch der Lagunen,
Um die römischen Hügel,
Bis hinab zum sizilischen Meere;
Und freudige Opfer
Brennen noch heute
Dir, der einzigen unverlassnen,
Ewig geglaubten Göttin der Schönheit.
Aber von allen Völkern des Abends
Hat keins, wie das meine,
So gottverlangend
Für dich geglühet und deinen Dienst,
Und hat so viele
Südwärtspilgernde
Todfreudige Opfer
Verachten gelehrt um deinetwillen
Der Alpen Grauen, des Meeres Tücken
Und des Vesuvs versengende Lava,
Um entzückt zu sterben
In deiner Umarmung.
Und immer hast du
Die schönheitbegeisterten
Blonden Jünglinge gern empfangen.
Freue dich, Göttin,
Und freuet euch, alle
Ihr Priesterinnen im Dienst der Göttin!
Es blühet noch immer,
Für Schönheit flammend,
Ein opferbereites, jugendliches
Priestergeschlecht im Norden der Alpen,
Mit euch der entzückten
Tage und Nächte Feier zu theilen.
Und ich selber will nicht der letzte sein,
Der ich tausendmale,
Erfüllt von Götter- und Heldengebanken,
Am schmachtenden Abend des Helios Glanz,
Wenn er selig hinabsank im himmlischen Westen,
Mit weinender, glühender Seele beneidet,
Daß er wieder und wiede
Und alle Tage
Umarmt die italische,
Meerumflutete Göttin der Schönheit,
Wie sie stammt in der Römerin Augen,
Wie blüht an der Römerm Busen;
Und ich muß liegen
In verzehrenden Träumen
Und schmachten umsonst
Und die Arme breiten!
Aber ich komme,
Und ich zerreiße
Alle die eisernen nordischen Bande,
Zu erobern Eine
Der Sabinischen Weiber,
Dein Ebenbild, du Göttin der Schönheit!
An ihren Hals
Und Busen will ich
Mit Freudenthränen
Ein Gott mich stürzen,
Sie glüh'nder umarmen als je ein deutscher,
Als irgend ein römischer Jüngling umarmt,
Um in des sterblichen Leibes
Schöne Dich zu feiern, unsterbliche Schönheit,
Und Hinzusinken wie der selige,
Liebeverklärte Helios hinsinkt.
Dann laß, o Göttin,
Den unsterblich Beglückten,
Dann laß ihn sterben
Auf einem der höchsten
Von Latiums Hügeln,
Wo ihn herüber
Vom Griechengestade,
Wo ihn herauf von Aetnas Gipfel
Erreichen kann die heilige Meerluft,
Im Angesichte der ewigen Roma!" Johann Georg Fischer |
Johann Georg Fischer
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