Menschlich LoosIch sah dich gedeihen
An Wasserbächen,
Du herrlicher Baum,
In der wehenden Trift,
Darin so gerne
Ein Menschenherz
Der Erquickung sich aufthut.
Ein glücklicher Frühling,
Ein seltener Sommer
Wiegte dich luftig
Im Glanze der Tage,
Begoß dich mit Wolken
In gedeihlichen Nächten.
Aus stiller Wurzeln
Verborgener Heimath
Triebst du empor
Im tüchtigen Stamme
Zu strebenden Aesten
Die flüssige Kraft;
Lebendig entsprangen
Und mühelos
Die grünenden Triebe,
Der blühende Glanz.
Wie blühtest du schön,
Ein entfalteter Jüngling,
Von keinem Hemmniß
Feindlich berührt!
Und durftest so frei,
So selbstgeworden
Und unbekümmert
Die Arme erheben,
Als hättest du kaum,
Du Liebling Aller,
Des Segens bedurft
Von Frühling und Sommer!
Die Wasser stoßen
Und rauschten lieber,
Weil sie rauschten zu deinen Füßen,
Die Vögel kamen
Und sangen beseligter,
Weil sie in deinem Geblätter sangen.
Die Hauche des Morgens,
Der Dämmer des Abends
Webten um dich,
Wie der Geist umweht
Ein menschliches Haupt,
Welches vom Weine der Himmlischen trank.
Die Blüthen schwanden,
Und schmerzlos sah ich's,
Denn im heiligen Laube
Reifte der Früchte
Schwellende Labung.
Und immer bist du
Was du gesollt
Vollkommen gewesen.---------
Ein ander Gewächs auch,
Zum Baume geboren,
Hab' ich ringen geseh'n
Am verlassenen Wege.
Frühling und Sommer
Giengen umsonst ihm
Besuchend vorüber;
Kein Grünen und Blühen
Sah ich gelingen.
Und es wandte von ihm
Ihr Auge die Gunst,
Die nach Vollendung und Fülle begehrt,
Und einsam stand er.
Ein lebendig Vergessner.
An dich allein,
Der immer und ganz
Was er sollte gewesen,
Denkt unvergeßlich
Wer an Lenz und Blüthe,
An Sommer und Frucht
Lebendig sich freut.
Aber in Beider
Mahnendem Bilde
Ist mir erschienen
Des Menschenlooses
Unwendbare
Ewige Schickung. Johann Georg Fischer |