PassionEs weht, ein düstrer Todesflügel,
Um's Kreuz das alte, bitt're Weh,
Ein Golgatha ist jeder Hügel,
Ein jedes Thal Gethsemane.
Noch schallet um die neunte Stunde
Des sterbenden Erlösers Schrei'n.
Die Erde bebt in ihrem Grunde
Und Nacht bedeckt den Sonnenschein.
Und alles Jammers Erdennähe,
Der eine Seele drücken mag,
Das ganze große Menschenwehe
Liegt auf dem todesmüden Tag.
Wo Zweie sich auf stillen Wegen
Mit stummem Gruß vorübergehn,
Sie fühlen's schweigend sich entgegen
Was Unerhörtes heut geschehn,
Und meinen selber mitzutragen
Des blutenden Versöhners Qual,
Und öffnen gern in diesen Tagen
Der eignen Seele Wundenmal.
Es steht auf jedes Hügels Rücken
Ein Kreuz, an jedem Kreuz ein Herz,
Sich tiefer in die Brust zu drücken
Das Bild von diesem Todesschmerz,
Von diesem Bluten und Verscheiden,
Das eine ganze Welt befreit;
Und jedes bringt sein eignes Leiden,
Sein Schmachten, das um Hilfe schreit.
Ihr sehnsuchtfeuchten schönen Augen,
Die sich zerknirscht dem Kreuze nahn,
Sein Bild sich dürstend einzusaugen,
Was habt ihr Uebels denn gethan,
Daß ihr, mit aufgelösten Locken,
Die Hände ringt im tiefsten Leib
Und es wie Sünde fühlt erschrocken,
Wie schön ihr noch im Jammer seid?
Daß ihr, die Hand um's Kreuz gebreitet,
Des Todten Füße schluchzend küßt
Und, wie zum Opferlamm bereitet,
So jung so bitter weinen müßt?
O ich versteh' dieß Todessehnen,
Das sich die Stirn' mit Domen kränzt,
Ich weiß, ihr armen Magdalenen,
Was euch im großen Auge glänzt:
Das ist die Qual und das Entzücken,
In heißer Büßerungeduld
Die eigne Blüthe zu zerpflücken
Ob unbegangner Sündenschuld.
Die Rache ist's, die hin des Weibes
Noch unberührte Schätze warf,
Das mit dem schönm Wunsch des Leibes.
Sich Heilige nicht nennen darf.
Es ist der Kampf, der ohne gleichen
Vor zwei Jahrtausenden begann,
Der jene Kränze nicht erreichen
Und diese nicht besitzen kann.
Das ist das laute Brüsteschlagen,
Das ist der Sehnsucht Hilfeschrei'n. —
Wer wird dm Fluch geduldig tragen?
Wer wagt sich frevelnd zu befrei'n?
Und hunderte gebrochner Herzen
Begraben in der kranken Brust,
Doch tausend heilen ihre Schmerzen
Am Ostertag der Sündenlust! Johann Georg Fischer |