Temperierte WasserleitungZwei Rohre gehn durch ein Hotel
in schönster Eintracht parallel,
gehn sozusagen Arm in Arm.
Ein Rohr ist kalt – das andre warm.
Vom Keller steigen sie empor
zum ersten Stock, Rohr neben Rohr.
Sie machen an zwei Hähnen halt.
Ein Hahn heißt »Warm«, der andre »Kalt«.
Der eine sprudelt glühend heiß,
der andre aber kalt wie Eis.
Vom ersten Stock geht dann empor
zum zweiten Stock Rohr neben Rohr.
Sie machen an zwei Hähnen halt,
ein Hahn heißt »Warm«, der andre »Kalt«.
Der eine sprudelt ziemlich heiß,
der andre beinah kalt wie Eis.
Vom zweiten Stock geht dann empor
zum dritten Stock Rohr neben Rohr.
Sie machen an zwei Hähnen halt,
ein Hahn heißt »Warm«, der andre »Kalt«.
Der eine sprudelt nicht mehr heiß,
der andre auch nicht kalt wie Eis.
Vom dritten Stock geht dann empor
zum vierten Stock Rohr neben Rohr.
Sie machen an zwei Hähnen halt,
ein Hahn heißt »Warm«, der andre »Kalt«.
Der eine sprudelt wärmlich flau,
der andre nur ganz lind und lau.
Vom vierten Stock geht dann empor
zum fünften Stock Rohr neben Rohr.
Sie haben durch des Marsches Last
sich gegenseitig angepaßt.
Im zwölften Stock stimmt's ganz genau,
statt heiß und kalt sind beide lau.
Das Ding hat einen tief'ren Sinn,
und zwar liegt nur der Grund darin:
Das Rohr von links, das Rohr von rechts
sind beide selbigen Geschlechts.
Kein Wunder, wenn so was passiert,
daß man die Temp'ratur verliert. Fred Endrikat
Aus der Sammlung Der fröhliche Diogenes |