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Träume

5.10.1907
5. X. träumte, ich hätte Syphilis.

9.10.1907
Ein Kind im Spiel am Abend mit einem andern, das halb Greis halb Kind. Ich fragte es, wer es sei "ich bin der Unsterbliche Böse" war die Antwort.

02.02.1908
Ich träumte, daß ich mit einem lieben Mädchen in einer schattigen Promenade einherging. Ich war ganz glücklich, lange noch nach dein Erwachen.

30.03.1908
Napoleon kämpfte in einem großen hellen Saal den letzten Entscheidungskampf. Er wurde nach langem Kampf bezwungen und man versprach ihm freien Abzug.
Zu Pferde verließ er mit seiner Gemahlin den Saal. Er sah groß, stattlich, herrlich aus.
Er trug schwarze Locken und war in einen grünen Rock mit weißer Weste gekleidet. Seine Gemahlin nach heutiger Mode. Er hob sie auf's Pferd und sagte dann: "So die Pferde haben endlich Tritt." Ihm folgte ein Paar zu Pferde, das ihm und der Kaiserin ganz glich. Sie waren größer als alle im Saal. Als sie durch die Tür ritten, hörten sie von dem Tisch der vier royalistischen Adligen, die gesiegt hatten, die an die unterlegenen napoleonischen Garden gerichteten zornigen Worte: "Wartet, Wartet"

13.4.1908
Man schenkte mir ein Armband aus rechteckigen Platten rubinroten Glases, die, in dünnes Gold gefaßt, blutrot durchsichtig schimmerten.

26.08.1907
"Um beständig lebhaft zu träumen, bedarf es nichts mehr, als einige seiner Träume niederzuschreiben," sagte ein Weiser. Gut, da es mein Wunsch ist, oft zu träumen, befolge ich den Rat.

I.

Eodem die wir hatten ein unnennbares Verbrechen begangen. Nur ein tiefes Grauen war in uns geblieben, aber die Tat selbst war vergessen und so sehr ich mich quälte, ich konnte mich nicht erinnern. Nun saßen wir in der Folterkammer. Einem Gefährten spannte der Henker den Arm in einen Schraubstock und zerbrach ihn. Er ließ es willenlos geschehen. Der Henker sah furchtbar aus. Er war modern angezogen und hatte einen medizinischen weißen Mantel über seinen schwarzen Beinkleidern. Sein Gesicht war ganz ausdruckslos, fast gutmütig. Und das eben erschien mir so furchtbar. Dann verband er den Willenlosen, der ruhig fortging.

Mir und dem dritten Gefährten sollte ein Auge ausgestochen werden. Ich winkte ihm, er sollte mit mir fliehen, da die Tür auf die Landstraße hinaus offen stand. Aber er achtete nicht darauf. Er setzte sich ruhig nieder.

Der Henker trat vor ihn und bohrte ihm eine vielleicht 4 lange kleine Holzrolle, an der vorn ein kleiner scharfer Korkzieher angebracht war, in den Tränensack des linken Auges und drehte den Korkzieher immer tiefer in das Auge. Dann zog er ihn heraus. Nach einer Weile quoll Wasser hervor, das Auge lief aus. Ich entfloh. Als ich die Landstraße entlang eilen wollte, trat der Geblendete in die Tür. Seine Augenhöhle war schwarz. Er wischte sie sich mit dem Taschentuch aus. Mich befiel eine ungeheure bodenlose Traurigkeit und ich entfloh, und wußte nicht, wohin.

Ich erwachte.


24.04.1908
Träumte von einer großen Schlacht. Wir unterlagen. Zuletzt kämpften wir auf einer Art felsiger Landzunge über einer Wüste.

28.04.1908
Ein Bild mit Schlangen, die durch das Wasser schwammen. Darum viel Tiger mit gestreckten Hälsen.

05.09.1908
Ich will fortfahren, die Traumbilder aufzuzeichnen.:
Es war ein Gastmahl. Napoleon, noch unbekannt, erklärte plötzlich, er werde Ägypten okkupieren.
Sogleich sendet er seinen Freund Damier nach Rom. Nach diesem wurde später Damiette benannt.
Dann beleidigte ich Napoleon unwissentlich. Ich weiß nicht mehr, wodurch. In einem dichten Zuschauerkreis geht das Duell vor sich. Napoleon (in der Tracht des Leutnants von Toulon) zieht seinen Säbel, ich habe nur meinen Stoßdegen.
Der I. Gang,: Ich will ihm die Hand durchstechen, u. Erhalte selbst, 3 Hiebe über den Handrücken.
Als ich erwachte, hatte ich an der Hand einen kleinen Riß.

12.09.1908
Ich träumte, daß ich einen Schädel aus der Erde grub.
Ich war in einem Schloßhof. Sah eine schöne Landschaft unter ihm. Ein Adler kam auf mich zu. Seine Schwinge endete in eine Kralle. Er riß mich über dem Handgelenk. Dann flog er nach Dänemark.

10.03.1909
Da ich jetzt mit tief liegendem Kopf schlafe, träume ich auch wieder mehr.
Es war vor einer Schlacht: Ich und ein Kamerad steckten in französischer Kürassieruniform. Schwarzer Schnürrock mit goldenen Epauletten, der Helm mit dem Roßschweif. Der General winkte mich heran. Er griff unter meine Brust in den Koller und sagte: Das ziehen Sie mehr heran, da kann noch manche Terz durchgehen.
Wir verabschiedeten uns. Da kamen gerade die Fahnen herein. Ein Offizier machte vor ihnen seinen Diener, schwenkte seinen Helm in der Hand und lief hinter den Fahnen her.
Danach ritten wir zwei ab, ich fühlte noch, wie mir das Herz klopfte.

11.03.1909
1909 Ich war die ganze Nacht mit Hedy zusammen.

31.03.1909
Ich war Leibsklave des Nero. Im Geheimen Christ. Ich hatte noch einen Gefährten, der dachte wie ich.
Nero saß mit zwei Freunden an einem kleinen Tisch. Wir beschlossen, unsere verbrannten Brüder zu rächen, nahmen ein Bündel Holz in die Hand. Ich zündete es an und warf die brennenden Scheite auf die Lagerstatt. Ich sah noch, wie die Flammen aufschlugen und hörte Neros Ruf: Ich brenne, ich brenne.
Dann flohen wir eine Wendeltreppe hinab. Ich sagte zu meinem Mitsklaven, "wir wollen nicht nach der Stadt fliehen," dann verlor ich ihn. Ich fand mich dann in einem Eisenbahnzug wieder, fuhr über das Ziel hinaus und wunderte mich, daß auf einem See noch Eisbahn war.

19.06.1909
Ich trete in einer wahnsinnigen Tracht aus meinem Zimmer, von einem furchtbaren Phantom gejagt. Ich vermag mit letzter Willenskraft noch die Tür vor ihm zu schließen.

06.07.1909
Wir lagerten an einer Bahnstrecke im inneren Rußland, rings eine grenzenlose Ebene, ein trüber Himmel. Die Strecke mußte in kurzem der Hofzug des Zaren passieren.
Eine Frau kam hinzu, setzte sich auf die Geleise und versuchte einen dreieckigen Eisenblock auf den Schienen anzubringen. Einer von uns stand auf, er besah ihn sich lange und riß ihn weg. Nach kurzer Zeit ging er über die Geleise, holte den Block wieder, und brachte ihn wieder auf den Schienen an. Die Frau setzte sich hinter den Block.
Ein anderer beschloß, sich überfahren zu lassen. Er legte sich mit verzweifelter Miene auf die Schienen, ich wollte ihn fortbringen. Er wehrte sich. Endlich gelang es mir, ihn fortzureißen. In der Ferne hörten wir das nahende Rollen des Hofzuges. Und mein Herz brauste in einem Sturm des Jubels auf.

07.05.1910
Ich habe eine lange Zeit nichts mehr aufgeschrieben. Meine Träume waren teils zu verworren, teils war ich zu faul, und besonders vergaß ich sie meist in der Secunde des Erwachens, da das aus dem Kopfe rückströmende Blut offenbar die leichten Gebilde überschwemmte und mit sich riß.
Ich habe heut einen Traum gehabt, der sehr einfach und kurz war. A.M. Hat mir einen Brief geschrieben, in dem sie zu dem Siege meines Genius, glückwünschte. Sie bewunderte mich wegen meiner plötzlich überall verbreiteten Berühmtheit. Ich stand sofort auf, ging auf die Straße; Da war sie und wir fielen uns beide um den Hals. Und eine Woge des Glückes überfiel mich wie ein Sturm. Wie ich aufwachte, konnte ich lange nicht begreifen, daß es nicht Wirklichkeit sei.
Ich fahre fort, was ich träume, aufzuschreiben.
Ungefähr I0.6.I0. Ich ging eines Sonntags Morgens in den Tiergarten. Plötzlich kam ich in einen Teil, den ich noch nicht kannte. Da waren viele altertümliche Brücken über verwachsene Kanäle, viele Bäume schon im Grün, wo ringsum noch alles kahl war. In einem der Kanäle lag eine kleine Insel. Ich wollte zu ihr, und war auf ihr, ehe ich wußte, wie ich hinkam. Aber die Scenerie blieb dieselbe. Dort lag eine Angel. Ich warf sie aus. Nach wenigen Sekunden riß ich aus dem trüben Wasser einen großen Hecht, doch er riß sich in der Luft los und fiel in das Wasser zurück. Ich warf die Angel wieder aus und fing einen kleinen wunderbaren Fisch. Da ich ihn auf das Land legte, fing plötzlich das Wasser an zu fallen. Ich saß in einem weiten Schlammrevier. Neben mir entdeckte ich einen großen 4 eckigen Kasten (wie ein Boot), ich tat den Fisch herein, und schob den Kasten mit dem Fisch nach dem Festlande.
Gründe weiß ich nicht. Was mag er bedeuten
I Juli O ich weiß es jetzt.

14.09.1907
Ich trat in eine katholische Kirche. Ich suchte Arnold von Breszia. Plötzlich sah ich in dem dunstigen Raum, der übrigens jedes Schmucks entbehrte, einige Gestalten, Männer und Frauen, die aus der Hand zu kommen schienen.
Ein Klavier ertönte und ein Tanz begann. Ich wählte mir eine und walzte mit ihr durch den weiten Raum. Plötzlich tat sich ein Nebengelaß auf und wir traten beide darauf zu. Ein alter aufgedunsener Mann trat heraus, am furchtbarsten waren seine nackten aufgequollenen Füße. Er hatte nur ein Hemd und eine Hose an, die ihm aber heruntergefallen war. Er sagte zu mir:
"Wo sind die Ruppiner Rhinanen?"
Was dann kommt, habe ich vergessen.
Nur zuletzt sagte er noch: "Ja, Busse war auch dort auf der Schule. Warum hätte er sonst seinem Platen und Wieland dieses abstoßende Wesen gegeben, diese sich überschlagende Stimme, diese Gedankengänge. Denn Gedankengänge können Sie dort lernen!" --
Zuletzt hatte ich ein Zeitungsblatt in der Hand, darauf stand: Am 10 September wird der Magistrat die Schule nach Alsen übersetzen lassen.

02.07.1910
Ich stand an einem großen See, der ganz mit einer Art Steinplatten bedeckt war. Es schien mir eilte Art gefrorenen Wassers zu sein. Manchmal sah es aus wie die Haut, die sich auf Milch zieht. Es gingen einige Menschen darüber hin, Leute mit Tragelasten oder Körben, die wohl zu einem Markt gehen mochten. Ich wagte einige Schritte, und die Platten hielten. Ich fühlte, daß sie sehr dünn waren; wenn ich eine betrat, so schwankte sie hin und her. Ich war eine ganze Weile gegangen, da begegnete mir eine Frau, die meinte ich sollte umkehren, die Platten würden nun bald brüchig. Doch ich ging weiter. Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Da kam mir der Gedanke ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, schlingpflanzenreiches Wasser. Doch ich gab mich nicht verloren, ich begann zu schwimmen. Wie durch ein Wunder rückte das ferne Land mir näher und näher. Mit wenigen Stößen landete ich in einer sandigen, sonnigen Bucht.

08.08.1910
Ich habe diese Nacht eine ganze Novelle geträumt. Leider fehlt mir die Zeit sie aufzuschreiben. Nur soviel in Skizze: Ein Bauernmädchen, d.H. schon städtisch, wird von dem Lehrer, einem heißblütigen Menschen geliebt.
1. Bild. sie gehen über ein weites Feld. Mit viel Pflügen. Abend Stimmung. Er ringt mit sich, ihr die Liebe zu gestehen.
2. Bild. auf einer Chaussee. Das Mädchen, um es herum viele Leute. Bei ihr ist ihr Geliebter, so etwas wie ein Adliger. Auch der Lehrer, der sich im Hintergrund hält. Der Vater des Geliebten hat eine alte Bauernfrau beleidigt. Deren Sohn steht links vorn. Eine Controverse zwischen ihm (einem kleinen Menschen mit einem schwarzen Mantel, schwarzen Abruzzenhut). Der Mensch hat einen circa 1 m. Langen Eisenstock in der Hand.
Das Bild verwischt sich
Ich weiß nur, daß der
Adlige erschlagen wird.
3. Bild. langer Zug über die Chaussee in den Abendhimmel. Die Röcke der Bauernfrauen flattern im Wind. Das weiße Kleid des Mädchens, wie ein weites, weißes Licht. Der Mensch wird von dem Volkshaufen fortgebracht.
4. Bild. eine Straße, ähnlich der Haupt Straße in Neu Ruppin. Der Volkshaufe nimmt ihre ganze Breite ein. Der Lehrer schleppt den Menschen. (Den Mörder seines glücklichen Nebenbuhlers) das Mädchen geht in der Mitte des Haufens, barhäuptig, schwarzlockig sie sieht ruhig und entschlossen geradeaus.
Man langt an dem Gefängniß an, ein öder weißer Bau, - etwa da wo Kitzing ist -. Die Gerichtsdiener treten heraus. Ein großes Tor wird aufgemacht, man sieht auf einen weiten, mit Linden umpflanzten Hof.
- Das Bild verwischt sich wieder. -
Das Mädchen hatte eine entfernte, ganz entfernte Ähnlichkeit mit Anna Idimera, fast mehr noch mit unserer früheren Stascha.

Ca. 08.08.1910
Traum von dem Bären.
In Jena. Kleine Straße. Brücke über einen Graben. Ich begegne einem bekannten Studenten, der in Unterhaltung mit einem großen braunen Bären über die Brücke kommt. Der Bär stützt sich auf einen Regenschirm. Während ich mich noch über das Paar wundere, sehe ich,wie sich der Bär verabschiedet. Er kommt auf mich (...) Zu. Wir gehen zusammen über die Brücke u. Unterhalten uns.
Er legt seine rechte Tatze auf meine Schulter u drückt mich fast zu boden. Sein offener Rachen pendelt über meinem Haupt. Mir ist dabei garnicht wohl, doch ich verhalte mich. Er fragt mich über meine Bekannten. Ich sage ich kennte unter anderem den H. Jost von Nassovia . Der ist auch ein sehr netter Mensch. Ich war lange sein Freund.
Läßt sich Geld zeigen. Wird mitfahren nach Monte carlo.

20.8.10. Traum von der Pest.
Eine öde Vorstadtstraße, wenig bebaut. Vor mir ein Abhang, im Grunde ein eingezäuntes Terrain, in dem ich die Pestkranken schlafen sehe.
Hinten über Feldern ein weiter grüner Wald. Und über allem ein ewig klarer blauer Frühlingshimmel.
Ein Karren voll mit Kranken kommt die Straße herauf. Es wirbelt in ihm von Gliedern. Furchtbare Gesichter heben sich aus der Masse der Leiber. 2 Männer begleiten ihn, die jeder ein Kissen, das mit Benzin gefüllt ist, an die Nase halten. Der Karren langt bei mir an. Das Brett hinten wird herausgezogen, und der Qualm und furchtbare Dunst der Beulen flutet heraus. Die Leiber stürzen sich überschlagend heraus, wie die Kohlen aus einem Kohlenwagen. Man drängt die Kranken nach dem Abhang zu. Sie stürzen ihn herunter, lallend von furchtbaren Delirien, singend, tanzend und aus zerfetzten Kleidern einen entsetzlichen Geruch verbreitend. Sie quellen in den Verschlag unten, in den entsetzlichen gräberlosen Totenacker. Der Wagen gähnt leer, als suchte er nach neuer Fracht. Der eine Mann mit dem Riechkissen sieht um sich. Er bemerkt einen harmlosen Passanten und läßt ihn festnehmen. Der sträubt sich mit aller Kraft. Aber er ist bald gefesselt und in den Zaun gestoßen.
Ich sehe herunter und sehe unten das Gewühl der Leiber, die in den Höhlen brennenden Augen, und furchtbar gereckten Fäuste. Ein wahnsinniges Brüllen. Sie wissen, sie werden dem Hungertode überliefert.
Hinten über den Wäldern hat sich der blaue Himmel mit kleinen weißen Wölkchen gefüllt.
Erklärung: ich hatte einen Articel über Verbreitung von Seuchen durch die Eisenbahn gelesen.

22.10.1910
Traum 22.X.
Rechts vom Fenster über dem Lietzensee liegt eine große Nachtwolke. Sie verändert sich u. Es werden aus ihr 5 große goldene nackte Titanen, die ihr Haar aufgebunden haben. Sie stehen da, und die ganze Beleuchtung der dunkelen Landschaft bis hinten an den Wald scheint von ihren gewaltigen Leibern auszugehen. Ich war außerordentlich entzückt darüber und rief noch: Mutter komm mal her. Sieh Dir mal die Wolken an. Da verschwand das Licht, die Titanen schienen auf die Kuno Fischerstraße herabzusteigen, und waren mit einem Mal kleine gewöhnliche Menschen - ich sehe noch den einen, wie er seinen Rockärmel aufkrempelnd weitergeht. Sie zerstreuen sich alle nach verschiedenen Seiten.
II. Traum vom 22 X.
Über Lionardo.: Zuletzt hatte er nur noch 2 Schüler. Nachdem er tot war, erbaute man ihm ein großes viereckiges 2 stöckiges Haus, (wie unser Amts Gericht). Auf einem Band darum sind die wichtigsten Daten eingemeißelt:
1815: 50 000 Goldgulden 1818 Tissins (ich hatte im Flavius Josephus eine Anmerkung gelesen, wo statt gesetzt werden sollte)
3.) Sein Vorschlag: Der römische Senat solle den Ankauf von 100 000 Sclaven discutieren.
(Übrigens ein höchst vernünftiger Vorschlag)

20.11.1910
Eine Waldlandschaft, verschneit, ein winterlicher See. Am Ufer gehen lang Reid, Rudolf Balcke, und ich. Plötzlich habe ich ein eigentümliches Gefühl. Ich sehe empor. Und sehe einen Luftballon in rasender Fahrt über die Baumkronen streifen. Über der Gondel, in den Stricken hängt ein Mann, braune Jacke, kein Kragen, kein Hut. Schwarze struppige Haare, schwarzer Vollbart, das große Auge eines Wahnsinnigen. Er ist ungefähr doppelt so groß wie der Ballon u. Führt furchtbare Sprünge u. Tänze an den Seilen aus.
Plötzlich landet der Ballon. Der Kerl springt heraus u. Rast wie ein Wahnsinniger am See entlang. Er scheint irgendwelche Leute tot zu schlagen, denn ich höre ein Geschrei. Reid, der ganz vorn ist, beginnt zu laufen, Rudolf hinter ihm her. Ich nehme eine Stange auf, und renne den beiden nach. Als ich sie einhole, verändert sich die Landschaft. Sommer, blühende Sträucher. Ein Knabe steht aus dem Grase auf, u. Zeigt uns die Schwielen, die er von dem Irren bekam. Wir sehen links in der Ferne eine breite Dorfstraße u. Sehen den Irren noch mit wahnsinnigem Lauf zwischen den ersten Häusern hinrennen.
Dieser Traum hat mich irgendwie furchtbar erschreckt.

15.09.1911
Der gesunde Verstand sagt uns, daß die Dinge der Erde nur sehr wenige Realität besitzen, und daß es wahre Wirklichkeit nur in den Träumen giebt. Baudelaire.
Ich hatte heut folgenden Traum von unglaublicher Greifbarkeit und Causalität: TRAUM
Ich gehe in einer Villenstraße spazieren, in der ich noch nie war, ich weiß nur, daß ich in Südende bin. Eine junge Dame mit ihrer Mutter begegnen mir, ich komme mit ihnen in's Gespräch. Wir unterhalten uns über den Sommer. Sie zeigt mir eine Karte. Ich frage sie: Ach, wo waren sie denn? Sie sagt: "Im Bad." Ich: "wo." Sie: "im Freibad." Da sehe ich mir die Karte an und sehe das. Dann treten wir durch einen Vorgarten über einen Hof an ihr Haus. Sie wollen sich verabschieden, ich frage noch was sie ist, sie sagt: Journalistin. ich frage noch: "Sind Sie nie allein". Die Mutter sagt lächelnd: "Na, man muß doch die Töchter unter Controlle haben." Dann geht die Tochter die Treppe herauf. Ich frage ihre Mutter, ob ich sie mal besuchen kann. Sie sagt: Ja, aber Sie wissen ja garnicht unseren Namen. Ich habe neben der Tür (aber seltsamerweise innen) schon ein Schild gelesen mit dem Namen: "Eicke". Dann verabschiedet sie sich auch und geht herauf. Ich trete vor das Haus, und an der Wandecke rechts bleibe ich einen Augenblick stehen. Da sehe ich, wie aus dem Treppenfenster des I. Stockes eine Amme einen kleinen Jungen herausreicht, den die Mutter im Fenster des Hochparterrs aufnimmt. Ich wundere mich noch, was die Weiber für lange Arme haben, da sagt die Mutter: "Wollen Sie ihn auch mal haben?" Ich bekomme ihn heraus, und trage ihn spazieren. 2 Männer mit Badehosen und ein paar Kinder kommen aus dem Hause heraus. Ich sage zu dem kleinen Kinde, das ich herumtrage, "kannst Du schon die Riesenwelle machen?" Wie ich das sage, streckt der eine Mann seinen rechten Arm aus und der andere macht die Riesenwelle darum.
Dann gehen die 2 Männer in die Laube des Vorgartens. Ich und die Kinder wollen sie angreifen. Wir machen ein Spiel.
Wir fechten in der Laube, (wie ein kleines Haus) mit ein paar langen Gartenstangen. Auf einer Commode steht eine gläserne Vase mit künstlichen Blumen. Eine herumgeschwungene Stange trifft sie, sie fliegt auf die Erde und zerbricht.
Als ich aufwachte, war ich noch recht froh, und dachte, "so gut hast Du Dich lange nicht amüsiert." Dann kam das Bewußtsein und der Schmerz.
(Immer wenn ich aufwache, denke ich am furchtbarsten an Leni.)


16.10.1911. Traum: in einer waldigen Gegend ein hoher Turm, unendlich hoch. Ich besteige ihn mit einem Mädchen. Wir haben eine unendliche Aussicht.
Traum: wir kehren von der großen Armee zurück. Wir sind durch die Kolonie Grunewald gekommen. Auf der Halenseerbrücke sitzen wir i. Einem kleinem Handwagen. Ich vorn an der Deichsel. Noch 3 oder 4 hinter mir in unseren malerischen Kostümen. Ich habe eine grüne hohe Mütze auf, 4 flächig, dazwischen und oben rot ausgeschlagen. Ich habe die Deichsel zwischen den Beinen, und wir lassen den Wagen wie ein paar Wilde den Kurfürstendamm runterrennen, überall den Fußgängern wilde Worte entgegenschreiend.
Nachher ist der Kaiser in Halle. Er liegt krank in einem gewöhnlichen Hospitalbett. Er leidet an Darmverschlingung. Niemand ist im Zimmer außer ihm. Er ist operiert worden "und man hat ihm ein Stück Holz zwischen die Därme gesteckt".

10.11.1911
Traum vor 2 Nächten: Ich bin in unserem Eßzimmer. Ein großer Tausendfuß kommt herein, er verfolgt mich und ist immer hinter mir her. Ich laufe in meine Stube, und suche die Tür zuzuklemmen. Aber da steckt er schon den Kopf herein. Und ich wache auf.

14.12.1911
Traum: geflügelter Stier. - Adler.
Einige Halswirbel entzwei. Viele Stiere - der Adler schlägt sie alle. Die Stiere fliegen über das Wasser. Aber der Adler ist über ihnen. Die Stiere wollen den Adler einladen, und die eine Stierfrau - wie eine Pastorin - und ein Stierherr wollen ihn in die Mitte nehmen. Aber der Stierherr fängt es dumm an. Der Adler entweicht u. Steigt in die Höhe. Die Stierfrau mit der goldenen Brille lacht.

17.09.1907
Ich war in einer Herberge Frankreichs und hatte gerade dem Wirt ein Zimmer abgemietet, als der König in goldener Rüstung und einem goldenen Helm, dem als Zier Pfauenfedern dienten, eintrat. Er hatte blondes Haar und blonden Bart.
Ich bot ihm meine Dienste an. Bald danach kam der englische König ohne Helm, in silberner Rüstung. Er hatte schwarzes Kraushaar. Er war ohne Gefolge.
Damit der englische König meine Anwesenheit nicht ahnen sollte, räumte ich mein Zimmer, das der englische König einnahm. Danach versammelten sich der französische König, sein Gefolge und ich im Speisezimmer um einen ovalen Tisch. Das Zimmer war von einer modernen Hängelampe erhellt. Am obersten Ende des Tisches saß der Papst Urban den ich unter Vorweisung von Rechnungen, die dem Schreiben glichen, das ich gestern von Pierson erhalten hatte, zur Zurücknahme des Bannes nötigte. Danach verließen alle das Zimmer. Nur ich und ein alter schrecklicher Bettler blieben zurück. Wir gerieten in Streit. Er zog ein kleines Messer, das einer Miniatursichel glich, und stach auf mich ein. Es prallte von meiner Brust ab. Danach riß ich mein Jagdmesser hervor und stach ihn nieder. Blutüberströmt brach er sterbend mit einem Fluch an der Tür zu dem Zimmer des englischen Königs zusammen.
Der Traum war noch viel prächtiger, wie mir dunkel in Erinnerung ist. Was ich behalten habe, habe ich aufgezeichnet.

04.10.1907
Hatte einen Traum, der mich bis in's tiefste erregte. Glimm hatte mich um Gertrud S... Betrogen. Während ich G. S. suchte, saß er mit ihr von 9- 10 am See zusammen. Als ich erwachte, hielt ich ihn für wahr, so deutlich sah ich alles.

Georg Heym




 




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