| | Der Gladiator
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| 1 | | Die Leichen fort-, ein neues Spiel; der Cäsar ist so müd' und matt, |
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Die Lippe bleich, die Stirn' umwölkt, das junge Herz so freudensatt. |
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Er nickt und schläft; jetzt schrickt er auf; jetzt hebt er lässig Haupt und Hand; |
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Zwei Gittertore tun sich auf, zwei Kämpfer treten in den Sand. |
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Ein Mohr der eine, stark und stumpf, mit Sehnen kurz und eisenhart, |
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Mit Löwenknochen, doch gelenk und schmeidig wie ein Leopard. |
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Der Schlange gleich, bevor sie springt, senkt er den Kopf, sein Auge glimmt, |
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Die weißen Zähne klemmt er fest, zugleich erschrocken und ergrimmt. |
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Der andre ein Cheruskersproß, ein Hünenkind vom Weserwald, |
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Mit gelben Locken, schulterbreit, die blauen Augen still und kalt, |
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Verschränkt die Arme steht er da; er achtet auf den Gegner nicht; |
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Sein Geist ist fern; wie Trauer geht ein Schatten über sein Gesicht. |
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Noch zögern sie. Der Blonde träumt; der schwarze scheut des Riesen Faust; |
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Sie zögern, bis ein lauter Ruf des Unmuts durch den Zirkus braust; |
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Da schleicht der Mohr seitwärts und stößt heimtückisch auf den stillen Mann; |
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Der wendet sich behend' und blickt den falschen Wicht verächtlich an. |
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Dann faßt und wiegt und schwenkt er ihn und wirbelt ihn, der keucht und stöhnt, |
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Und wirft und fängt und schleudert ihn weit von sich, daß der Boden dröhnt. |
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Der SkIave rollt Und rafft sich auf und schnellt mit Macht sein kurzes Schwert, |
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Das zischend, wie ein blauer Blitz, dem Hünen in die Flanke fährt. |
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Die Menge jauchzt, der Cäsar schläft. Der Fechter zuckt und wankt und fällt, |
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Wie eine Sollingseiche stürzt vom Wetterstrahl im Mai zerspellt. |
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Und Well' auf Welle strömt sein Blut; und Well' auf Welle färbt den Land; |
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Da, in der Todesstunde denkt er an sein fernes Heimatland. |
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Es geht ein Tal durch seinen Sinn, ein Lindenbaum, ein Haus dabei, |
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Ein blasses Weib, ein blondes Kind, vereinsamt in der Liebelei. |
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Da krampft die Faust sich in den Sand; da schreit er in der letzten Not; |
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Ein Zucken noch, ein Röcheln noch, dann liegt er stumm und bleich und tot. |
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Und wo die Diemel rauscht, da steht am Lindenbaum ein kleines Haus, |
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Da tritt, ein Knäblein an der Hand, ein blasses junges Weib heraus! |
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Sie späht den Grund hinauf, hinab, sie bohrt den Blick in Feld und Wald: |
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„O du, der trauernd Abschied nahm, wo bleibst du nur? "O kämst du bald!" |
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Es ist schon kühl und spät im Herbst. Den Knaben friert: die Mutter fragt |
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Den Wind, der durch die Disteln saust, die Wolke, die gen Norden jagt: |
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Umsonst! die hohle Wange netzt ein bittrer heißer Tränenstrom. - |
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Weh dir, du grimme Würgerin im Purpurkleid, du falsches Rom! - |
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Der Kaiser schläft; die Menge jauchzt. Die Leichen fort; ein neues spiel! - |
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Wär' Trän' auf Träne, die durch dich, verruchte Stadt, bis heute fiel, |
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Wär' alles Blut, das du verspritzt, auf dich geströmt in jäher Flut: |
| 40 | |
In Tränen wärst du längst erstickt; ertrunken wärst du längst im Blut! |
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| | | Friedrich Wilhelm Weber |
| | | aus: Herbstblätter, 3. Drittes Buch |
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