| | IN ALTEN ZEITEN.
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| 1 | | Meine alte, gute Muhme Lore wusste zu berichten |
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Mehr als tausend Sagen, Märchen, Schwanke, Mord- und Spukgeschichten, |
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Doch am Schlüsse sprach sie sorglich: Kleiner, schreib' dir's hinter's Ohr, |
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Also war's in alten Zeiten ; heute kommt das nicht mehr vor. |
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Droben in dem Burggemäuer, sprach im Flüsterton die Muhme, |
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Wächst zur Zeit der Sonnenwende eine gelbe Schlüsselblume. |
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Wer sie pflückt, der ist geborgen, denn dann rückt ein Schatz empor. — |
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Also war's in alten Zeiten; heute kommt das nicht mehr vor. |
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Hat' einmal ein armer Schäfer eine Dirne sich erkoren, |
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Und drei Monden vor der Hochzeit ging sein Augenlicht verloren. |
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Doch sie ließ nicht von dem Blinden, dem sie Lieb' und Treue schwor. — |
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Also war's in alten Zeiten; heute kommt das nicht mehr vor. |
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Träumend lag sie einst im Grase in dem Schlosshof auf dem Berge; |
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Sieh, da trat zu ihr ein kleines, silberbärtiges Gezwerge, |
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Und das Zwerglein neigte flüsternd seinen Mund zu ihrem Ohr. — |
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Also war's in alten Zeiten; heute kommt das nicht mehr vor. |
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Sieh die Schlüsselblume, sprach es. Willst du Geld und Gut erlangen. |
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Grab' sie aus; an ihrer Wurzel wird ein rost'ger Schlüssel hangen; |
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Und mit Blum' und Schlüssel findest du der Zauberhöhle Thor. — |
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Also war's in alten Zeiten; heute kommt das nicht mehr vor. |
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Wird die Blume abgebrochen, sinkt der Schlüssel tausend Klafter, |
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Doch der Schlüsselblume Stengel, ein noch größer Wunder schafft er. |
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Sehend macht er einen jeden, der sein Augenlicht verlor. — |
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Also war's in alten Zeiten; heute kommt das nicht mehr vor. |
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Grub die Dirne nach dem Schlüssel? Nein, des Schäfers Augenlider |
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Strich sie mit der Wunderblume, und das Augenlicht kam wieder. |
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Tausend Klafter sank der Schlüssel zu der Zauberhöhle Thor. — |
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Also war's in alten Zeiten; heute kommt das nicht mehr vor. |
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| | | Rudolf Baumbach |
| | | aus: Mein Frühjahr, 2. Sagen und Märchen |
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| | | Die Deutsche Gedichtbibliothek |
| | | https://gedichte.xbib.de/ |
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