AN RUDOLF STÜRZER(Vorspruch und Nachruf; in sein Buch „Seht's, Leutln, so war's",
Wiener G'schichten, 1941)
Man hat dich, schlichter Meister, totgesagt,
weil du, mit deiner Zeit, gestorben bist.
Und wenn dich freilich auch — Gott sei's geklagt! —
im Leiblichen der treue Kreis vermißt:
Gehuschten Bart, Schlapphut und Brillenblitz,
Figur des Korpus, wie die Mundart breit,
Weisheit beim Wein und scharf geschliffnen Witz,
das gute Lächeln echter Menschlichkeit —
So bist du doch nicht tot. Was sterblich war,
es mußte sterben. Unverwüstlich leibt,
was du gestaltet hast, du Archivar
des Wienertums! — Und jenes, glaub mir, bleibt.
Wie oft nicht trugen sie vom Trauerhaus
(die Schleifen an den Kränzen logen nicht)
den „letzten Wiener" schon zum Tor hinaus
durch ein Spalier von Trauer und Verzicht —
Der war kaum unterm Rasen, so geschah
das Wunder neu: Dem letzten Wiener stand
ein allerletzter auf, trat an, war da
und sagte seinen Spruch: „Verkauft's mei G'wand!"
Vorletzter schon, lebst du im letzten auch.
Im allerletzten redet noch dein Laut.
Die Sprache ists, (und du hast jeden Hauch
von ihr gewußt, so war dir Wien vertraut).
Die Sprache stirbt nicht. Was wir waren, sind
wir in ihr wieder. Da wird nichts vertan.
Mach uns das Herz warm, liebes, großes Kind!
Rühr uns mit deinem Zauberstecken an! Josef Weinheber
 |