Das ElternhausO Elternhaus, so lieb und bieder,
Wie hängt an dir des Mannes Herz!
Dich, Stätte, segn' ich immer wieder,
Führ'n mich die Schritte heimatwärts.
Bist kein Palast mit stolzen Zinnen,
Mit Pfeilern, Säulen nicht geschmückt,
Nicht Gold und Purpur prangen drinnen -
Und doch hast du so reich beglückt!
Geschäftig waltete im Kreise
Die gute, treue Mutter hier,
In ihrer frommen, edlen Weise —
Sie deutscher Hausfrau'n echte Zier,
Nach rechts, nach links warf sie die Blicke
Und manches gute, gold'ne Wort,
Stets vorwärts eilend, nie zurücke,
War sie des Hauses Segenshort.
Dort unten in dem großen Zimmer,
Wo oft zum frohen Weihnachtsfest
Der Baum geprangt in vollem Schimmer,
Hat sie uns warm ans Herz gepreßt!
Wie wir hier ihren Märchen lauschten!
Und wie des Vaters Herz laut schlug!
Noch seh' den Blick ich, den sie tauschten,
Wenn forschend einer von uns frug.
Du liebes Haus, wo tausend Freuden
Ich in der Jugendzeit erlebt,
Doch wo in Sorgen und in Leiden
Der Eltern Seele auch gebebt!
Wo ich geboren und erwachsen
Und in die Weisheit mich versenkt —
Blüh' in der Stadt der alten Sachsen —
Sei dir der Bürger Huld geschenkt.
Der Zahn der Zeit, ob er zerstöret,
Er bleibe deinen Mauern fern,
Du Elternhaus von mir verehret,
Walt' über dir ein guter Stern;
Und wird es einstmals mir gelingen
Zu setzen mir ein festes Mal
In meinem Volk durch Liedes Schwingen
Fall auch auf dich des Ruhmes Stahl. Otto Weddigen
Aus der Sammlung Vermischte Gedichte |