SchiffersagePlutarch erzählt uns eine Schiffersage.
Zur Zeit des Wüterichs Tiberius
Fuhr eines Abends durch die blaue Flut,
Die Paxäs Strand bespült, ein griechisch Schiff,
Sanft schwoll das Segel, und gemächlich glitt
Der Kiel entlang die waldumsäumte Küste.
Das Seemannsvolk saß plaudernd auf dem Deck,
Getaner Arbeit froh und flotter Fahrt.
Da scholl vom Ufer plötzlich überlaut
Ein Ruf, so überlaut, daß alle bebten!
Denn nicht von Menschenmund erklang die stimme,
Sie war wie Donnerhall, wie Sturmestosen
Und schallte weithin über Land und Meer.
Und „Thamos!" rief es, „Thamos!" - Thamos war
Der Steuermann, der offnen Mundes stand
Und zagend auf die Fahrtgenossen blickte.
Da rief's Zum drittenmal: „Gib Antwort, Thamos!"
Er hob die Hand empor und sprach: „Ich höre!"
Die Stimme drauf: „Du horchst und du gehorchst!
Gelangst du auf die Höhe von Palodes,
So wendest du den Riel und rufest laut
Vom Stern des dunkeln Schiffs dem Lande zu
Dies eine Wort: ,Der große Pan ist tot!"'
Dann war es still, seltsam unheimlich still;
Die Segel hingen schlaff; und spiegelglatt
Im weißen Mondlicht schimmerte das Meer.
Kein Ruder hob und senkte sich; und doch,
Gleichwie von Geisterhänden fortgeschoben,
Durchflog das Schiff die silberklare Flut.
Und als es auf die Höhe von Palodes
Gelangt im raschen Lauf, da wandte Thamos
Den Kiel und rief vom Stern des dunkeln Schiffs,
Wie ihm befohlen war, dem Lande zu:
„Der große Pan ist tot!" — Erst tiefes Schweigen,
Wie jäher Schrecken jäh verstummen macht;
Dann, wie von tausend Stimmen, laute Klagen;
Aus allen Tälern jammervolles Ächzen;
Aus allen Wipfeln bange Sterbeseufzer;
Und aus den Bergen, fernher widerhallend:
„Der große Pan ist tot!" — Und tiefes Schweigen. —
Das war am Tage, wo auf Golgatha
Der Gottessohn sein rosenrotes Blut
Vergoß zum Heil der Welt und neu die Welt
Zu neuer Ordnung schuf. — Da siechten hin
Die alterskranken Götter des Olymp,
Des Nazareners Kreuz beherrschte nun
Die weite Welt. - Der große Pan war tot. Friedrich Wilhelm Weber
Aus der Sammlung Drittes Buch |