Tristans TodTristan ist krank, er liegt im Schloß am Meer:
Zum Sterben krank an giftgetränkter Wunde;
Voll Trauer um die nahe Scheidestunde,
Stehn edle Frau'n und Ritter um ihn her.
Nur eine sitzt ihm teilnahmslos zur Seite,
Die weißen Hände auf den Knien verschränkt,
Die Augen starr, wie wenn sie fragt und denkt,
Verloren in des Meeres graue Weite:
Isolde, sein Gemahl! — Ist sie so kühl,
Hat sie mit seiner Not kein Mitgefühl?
Ist sie so schwach, daß sie als müde Beute
Sich willenlos dem Jammer überläßt?
Ist sie so stark, daß sie, statt laut zu klagen,
Ihr Leid im Herzen stumm zusammenpreßt,
Um heimlich Weh und doppelt Weh zu tragen?
Liebt sie ihn denn? So heiß, mit Wann' und Qual!
Gleichwie die Rose nach dem Sonnenstrahl,
Wie nach dem Stab sich krümmt die Rebenranke,
Wie nach dem Born die wunde Hindin lechzt,
Die Taubenwitwe nach dem Täuber ächzt,
So drängt nach ihm ihr sehnlichster Gedanke.
Und doch, was eifert sie nicht spät und früh,
Ihm jeden Wunsch vom bleichen Mund zu küssen?
Was eilt sie nicht geschäftig und beflissen,
Bald ihm bequem zu glätten Pfühl und Rissen,
Bald ihm zu sänftigen, mit linder Müh',
Die kranke Leite, blutig und zerrissen?
O Menschenherz, du rätselhafte Buch,
Geschrieben in geheimnisvollen Zeichen,
Wer kann dich ganz verstehn, wer ist so klug,
All deine Widersprüche auszugleichen?
Wer deutet das Gesetz, nach dem du liebst,
Nach dem du hassest, segnest oder tötest;
Nach dem du dich entzückst und dich betrübst,
Trotz bietest oder flehst, fluchst oder betest,
Verzagst und hoffst, dich rächst und Nachsicht übst?
O Menschenherz, du wunderbare Quelle
Der reinsten Tugend, wie der feigsten schuld,
Des Meuchelmordes, wie der höchsten Huld,
Halb Himmelstochter, halb ein Kind der Hölle! -
Tristan ist krank! Zu seinen Füßen liegt,
Auf eines Bären weichen Pelz geschmiegt,
Sein graues Doggenpaar, das treue starke,
Ein Gastgeschenk des guten Königs Marke,
Sie träumen wohl von Kampf und wilder Lust,
Als sie im Föhrendickicht, Brust an Brust,
Den Brummer packten und den plumpen Riesen
Der schlanken Glieder zähe Kraft bewiesen,
Bis er erschöpft nach manchem Hieb und schlag,
Zu Tristans Füßen dumpf verröchelnd lag,
Und purpurrot der Schnee, der rings zerstampfte,
Vom eignen Blut und dem des Feindes dampfte. —
Tristan ist krank! Sein Sinn ist heute nicht
Im grünen Wald bei muntern Weidgenossen,
Im Felde nicht mit Reisigen und Rossen,
Nicht auf dem Anger, wo man Speere bricht:
Heut denkt er nicht der schönen Sommertage,
Der Ringelreigen und der Festgelage,
Bei Becherläuten und Drommetenschall,
Am heitern Königshof zu Kurneval.
Er hebt das müde Aug' und sucht im Kreise;
Dann nimmt er sanft die weiße, kühle Hand
Der stillen, kühlen Frau, die wie gebannt
An seinem Lager sitzt, und flüstert leise:
„Du weißt, Isolde, daß vor manchem Jahr
Mir eine andre hold und freundlich war,
Die deinen Namen trägt; was schön und hold,
Wie könnt' es anders heißen als Isold?
Du kennst sie wohl, sie ist von hohem Sinn,
Des Königs Marke blonde Königin.
Ihr ward durch Gottes Gunst geheime Kunde,
Mit Kraut und Wort zu heilen Weh und Wunde.
Ich weiß, daß ich dem Tod verfallen bin,
Und daß ich nur durch ihren Rat gesunde.
Drum, wenn du willst, daß ich genesen soll,
So send' ein Schiff zu ihr nach Tintajol
Und künd' ihr meinen Trutz und meine Not;
Ihr Ja, ihr Nein ist Leben oder Tod;
Kein beßrer Arzt wie sie in allen Reichen!
Und will sie kommen, läßt sie sich erweichen
Durch eines hoffnungslosen letztes Flehn,
So mag vom Mast ein weißes Segel wehn;
Wenn nicht, so sei es schwarz. Das ist mein Zeichen."
Sie schwieg, sie winkte nur. Ein Ritter schwenkte
Sofort zur Tür. sie sah ihm finster nach.
Der Kranke schlief; still war es im Gemach;
Sie seufzte tief. Was war es, das sie kränkte? —
Stiefschwester du der Liebe, Eifersucht,
Wie trugst du stets, wie trägst du bittre Frucht! -
Der Tag verging; mit düsterm Trauerschleier
Umwob die Nacht das graue schloß am Meer;
Die Woge sang und seufzte dumpf und schwer
Ihr altes Klagelied am Grundgemäuer.
Die Sonne kam; sie stieg, sie sank zur Rüste,
Im Abendpurpur dämmerte die Küste,
Und mancher Blick durchstreifte sehnsuchtsvoll
Die öde Flut, die schäumend fiel und schwoll.
Da glänzt' es silbern um des Borlands Hügel;
Da schoß es her auf rosenroter Bahn;
In rasch beschwingtem Flug ein wilder Schwan,
Schneeweiß im Winde bläht' er seine Flügel!
„Ein Schiff, ein Schiff!" - „Sein Segel?" - „Rabenfarb!"
Erscholl die Antwort aus Isoldens Munde.
Ein dunkler Blutstrom quoll aus Tristans Wunde.
Er wandte sich, er seufzte nicht, er starb. -
Sie, die den Mord beging, sie war sein Weib!
Sie stand entsetzt, erstarrt am ganzen Leib,
Sich selber fremd, als sie sich selber hörte,
Wer rief so laut? Sie selbst? O nein, nicht sie,
Ein arger Unhold war's, der aus ihr schrie,
Den sie schon längst im Busen heimlich nährte. —
Sie rang die Hände wund in bittrer Qual.
Da trat die Langersehnte in den Saal,
Die blonde Königin: wohl war sie bleich,
Dem weißen Tuch des Sterbelagers gleich:
Doch fest ihr schritt, ihr Auge klar und trocken;
Sie rührte sanft des Toten kalte Hand,
Sie strich von seiner Stirn die dunkeln Locken,
Sie schaut' ihn an, wie träumend, unverwandt,
Sie küßt' ihn auf den Mund, sie küßt' ihn wieder
Und stumm wie er und leblos sank sie nieder.
Und weiter meldet uns die alte Sage,
Daß König Marke kam am dritten Tage,
In Trauer eingedenk verschmähter Huld;
Vergebend und vergessend alle schuld,
Beklagt' er beider Los. In Marmorsärgen
Ließ er nach Fürstenbrauch die Toten bergen.
Er weint' und sprach: „Der Liebe Lohn ist Leid;
Der Waller Schicksal Irregehn und Fehlen.
Hier ruht, was sterblich war: den armen Seelen
Sei Gott barmherzig in der Ewigkeit!" Friedrich Wilhelm Weber
Aus der Sammlung Drittes Buch |
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