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Der Armut Gabe

Auf grünem Anger einst mit den Gespielen,
Als Blütenflocken von den Bäumen fielen,
Vergnügte sich ein muntres Königskind,
Frisch wie der Mai und hurtig wie der Wind.
Und während sie ganz von des Spieles Tust
Befangen ist, wird ihr es nicht bewußt,
Daß von dem Finger ihr ein Ringlein gleitet
Zum Blumenteppich, der sich unten breitet.

Sie merkt' es nicht, als ihr der Ring entschwand;
Erst später, da sie blickt auf ihre Hand
Und sieht den Ring nicht mehr, ruft sie erschrocken:
"Mein Ring! Mein Ring!" — Nun eilt mit wehnden Locken
Die ganze Schar herbei und alle mühn
Sich, ihn zu suchen — keine findet ihn.
Groß war der Jammer um den kleinen Reifen;
Wer von ihm wußte, mocht' es wohl begreifen.
Es war kein schlechtes, kein gemeines Ding,
Verziert mit edlen Steinen war der Ring;
Doch konnten diese nicht den Wert ihm schenken,
Den er besaß als Erb' und Angedenken.
Natürlich war die ganze Ortschaft bald
An Ort und Stelle, als der Ruf erschallt
Von dem, was vorgefallen — Groß' und Kleine
Umwimmelten, Ameisen gleich, die Raine
Und suchten, bis die Sonne niederging.
Es war umsonst, denn keines fand den Ring.
Noch lange ward gesucht nach ihm, es kamen
Von nah und fern die Leut', als sie vernahmen,
Daß guter Lohn damit sei zu gewinnen:
Da suchten Grafen, Burgemeisterinnen,
Ja, Helden, die in mancher Schlacht gefochten
Und sonst nicht gern sich niederbücken mochten,
Die bückten auch dem Königskind zulieb
Sich nach dem Ring — der doch verschwunden blieb.
Zuletzt sucht niemand mehr, wenn nicht allein
Ein altes Weiblein, das bei Mondenschein
Mit einer Haselrute durch das Gras,
Das feuchte, strich — vergebens war auch das.
Darüber schwand dahin so manches Jahr,
Die Königstochter unterdessen war
Zur Königin geworden, auf dem Throne
Saß sie, vermählt mit einem Königssohne.
Mit diesem kam sie einst auf einer Fahrt
An jenen Ort, da — wie berichtet ward —
Das Ringlein sie verloren. Sie gedachte
Noch nicht des Tags, der einst sie weinen machte
Auf blühendem Anger, und noch nicht des Ringes.
Man kam dorthin — wie aller Orten ging es:
Mit Hellem Jubel ward das Paar empfangen,
Die Glocken spielten und die Kinder sangen.
Sein bestes Kleid hatt' alles angelegt,
Wie man es nur an hohen Festen trägt,
Und manch ein Blumenstrauß ward dargebracht,
Bewundernswert durch Größe wie durch Pracht.
Da drängt sich plötzlich durch die Menschenwogen,
Die von ringsum zusammen sich gezogen,
Nicht achtend all der Großen, die da sind,
Barfüßig in ärmlichem Kleid ein Kind.
Feldblumen, die kunstlos zum Strauß es band
Mit buntem Garn, hält es in seiner Hand.
Und in die Höhe haltend seinen Strauß,
"Nimm, Königin! Ich bitt dich!" ruft es aus.

Verscheuchen will man es, jedoch es läßt
Nicht scheuchen sich, es wehrt sich, hält sich fest.
Und immer wieder steht es: "Königin!
Nimm meine Blumen, bitte, nimm sie hin!"
Die Fürstin hört's, da ruft sie ärgerlich:
"So gib denn her, Kind — du belästigst mich!"
Sie nimmt die Blumen aus des Kindes Händen
Und will sich schon zu dem Gefolge wenden,
Um weiter sie zu geben — da erblickt
Sie etwas Wunderbares und erschrickt.
Im Strauß, auf den die helle Sonne fällt,
Blitzt etwas auf, das er verborgen hält.
Die schwanken Zweiglein auseinander biegend,
Sieht sie, inmitten wilder Blumen liegend
Und in das Kraut verschlungen, einen Ring,
Dem gleichend, der einst ihr verloren ging
An diesem Ort. Die Zeichen alle stimmen —
Es ist der Ring! Da zittern und verschwimmen
Vor ihren Augen Ring und Strauß, betaut
Von ihren Tränen wird das wilde Kraut.

Es war der Ring! Der einst beim lust'gen Spiel
Abhanden kam, blieb dort, wohin er fiel
Unaufgefunden, einzig nur beachtet
Von Käfern, die mit Staunen ihn betrachtet,
Wenn sie des Weges zogen — Elfen mögen
Bewacht ihn haben, als er dort gelegen.
Da wuchs auf einmal durch das Rund von Golde
Ein schlanker Schaft, bekrönt von einer Dolde.
Aufwachsend hob er dann mit sich empor
Den Ring, den einst das Königskind verlor.
Den hat, als es nach Blumen sich gebückt,
Das Mägdlein mit dem Heidekraut gepflückt.
Den viele suchten, als er war verschwunden,
Ward ungesucht und ungesehn gefunden
Und ahnungslos der Fürstin überreicht.
Die steht nun da, und alles um sie schweigt.
Drauf zu dem Könige sich wendend, spricht
Sie dieses: "Lang' ist mir so Liebes nicht
Geschehn wie heute; doch ich muß mich schämen,
Daß ich bereit nicht war, es anzunehmen.
Wißt alle hier, daß ich gesündigt habe,
Weil ich verschmähte fast der Armut Gabe,
Die doch ein Kleinod seltner Art umfing —
Seht alle her, daß ihr es wißt — den Ring,
Den ich verloren einst an diesem Ort!
Jetzt als mein teures Kleinod, meinen Hort
Will ich dich immerdar am Finger tragen
Und, auf dich blickend, täglich mich befragen,
So lang Gott will, daß ich auf Erden wandle,
Ob ich auch freundlich gegen Armut handle.
Du aber, Kleine — schwer von mir gekränkt,
Hast du mich reich und königlich beschenkt.
Nie ward ein Strauß so kostbar mir gebunden —
Wie soll ich nun dir meinen Dank bekunden?
Wie soll ich königlich vergelten dir?
Komm mit und bleib für alle Zeit bei mir!"

Johannes Trojan

  
  


Johannes Trojan   

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