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Gedichte » Ernst Stadler » Der Aufbruch » Der Aufbruch Die Spiegel - Die Befreiung


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Der Aufbruch Die Spiegel - Die Befreiung

Da seine Gnade mir die Binde von den Augen schloß,

Troff Licht wie Regen brennend. Land lag da und blühte.

Ich schritt so wie im Tanz. Und was davor mich wie mit Knebeln mühte,

Fiel ab und war von mir getan. Mich überfloß

Das Gnadenwunder, unaufhörlich quellend – so wie junger Wein

Im Herbst, wenn sie auf allen goldnen Hügeln keltern,

Und rings die Hänge nieder Saft aufspritzt und flammt in den Behältern,

Flammte vor mir die Welt und ward nun ganz erst mein

Und meines Odems Odem. Jedes Ding war neu und gieng

In tiefer Herzenswallung mir entgegen, sich zu schenken, so wie am Altar,

Des Opfers freudig, ganz in Glück gekleidet. Und in jedem war

Der Gott. Und keines war, darauf nicht seine Güte so wie Hauch um reife Früchte hieng.

Mir aber brach die Liebe alle Türen auf, die Hochmut mir gesperrt:

In Not Gescharte, Bettler, Säufer, Dirnen und Verbannte

Wurden mein lieb Geschwister. Meine Demut kniete vor dem Licht, das fern in ihren Augen brannte,

Und ihre rauhen Stimmen schlossen sich zum himmlischen Konzert.

Ich selbst war dunkel ihrem Leid und ihrer Lust vermengt – Welle im Chor

Auffahrender Choräle. Meine Seele war die kleine Glocke, die im Dorfkirchhimmel der Gebetehieng

Und selig läutend in dem Überschwang der Stimmen sich verlor

Und ausgeschüttet in dem Tausendfachen untergieng.

Ernst Stadler, 1914
Aus der Sammlung Der Aufbruch

  
  

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