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Epistel an Deutschlands junge Dichter

Ich habe heut meinen zornigen Tag,
Da ich gern die Wahrheit sagen mag;
Mögt ihr, wenn ihr meine Weisheit vernommen,
Auch euren zornigen Tag bekommen!
So hört! Die deutsche Dichterei
Reißt mir mein blutrotes Herz entzwei,
Kein ehrlich Wort, kein Stank noch Ruch,
Es liegt auf allem wie ein Fluch:
Blaßblaue Träume auf schwebenden Sohlen,
Sehnsüchte, krank, mit zuckendem Mund,
Gefühlchen - und alles müd und wund.
Da könnte der Teufel den Teufel holen!

Ich will euch sagen, damit ihr es wißt,
Was schuld an all dem Elend ist:
Schuld an der ganzen Erbärmlichkeit
Ist, daß ihr zu - literarisch seid.
Ihr schaut nicht mehr aus blitzblanken Augen,
Ihr fragt nicht, kann mir das Mädel taugen,
Ihr lebt nicht, ihr Kerle, keine Spur.
Ihr dichtet und dichtet und dichtet nur!

Anstatt das Leben fest zu umfangen,
Das Leben zu leben in Wonnen und Bangen,
Ganz der Seligkeit hingegeben,
Flieht ihr ängstlich das warme Leben,
Faselt von Liebe und Leid und Weh
Auf eurem stöhnenden Kanapee,
Müßt mit verschwommenen Säuglingsaugen
Verse aus euren Nägeln saugen
Und seid literarisch! Ach, laßt mich aus!
Und dichtet euch tot im Kaffeehaus!

Und solche weichbeinige, schlappe Gesellen
Wagen Goethe als Muster hinzustellen!
Du Herrlicher, ganz aus Fleisch und Blut,
Ganz Leben, Sinnenfreude und Glut,
Mit achtzig Jahren hatt'st du mehr Leben
Als diese flaumbärtigen, müden "Epheben",
Mehr Jugend und loderndes Feuer im Leib
Und Freude am Tag und Wonne am Weib
Als all diese Kanapeepoeten.
Du solltest mal unter die Sippe treten!
Doch nein, du tätest mir leid. Nein, nein!
Wie Götz, den Burschen zur Schur und Pein,
Streck ihnen was andres zum Fenster herein!
Potz Donner, wird das einen Schrecken geben!
Wie werden sie bleich sich vom Sofa erheben,
Die müden Lider zögern empor;
Werden aber bleiben wie ehe zuvor:
"Der Mond, der gelbmüde Mond" ... Gebt acht,
Daß er euch nicht mondsüchtig macht!

Ihr Literaten, verachtet mich!
Was für ein garstiger Kerl bin ich!
Und doch, Gottlob, mir ist wieder gut,
Mein Ekel schrumpft, es ebbt mein Blut.
Will irgend ein Enkelkind Goethes umfassen,
Ich will mich vom Leben warm küssen lassen!

Hugo Salus
Aus der Sammlung Ernte

  
  


Hugo Salus   

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