Sprüche - III.Schule.
I.
Das Erste, was ich sah, war Heuchelei.
Ein Lehrer faltete die fetten Hände
und sprach ein weinerlich Gebet dabei.
II.
Und lieber Gott und aber lieber Gott.
Ich fühlte, fromm, mir Seligkeit verbrieft.
Dann kam der Sturz. Der wilde Schmerz und Spott.
Und doch. Was tat's. Selbst Ihr habt mich - vertieft.
III.
Aus reifem Leben nun zurückgewendet:
Zu keinem Hass mehr fühl' ich mich beherzt.
Kein Fluch mehr, einem Teil der Welt gespendet!
Das Ganze ist's, das Ganze, was heut schmerzt.
Es martert dich,
dass wir Menschen gleich fraglich sind,
ob wir lachen oder weinen.
Mein Freund, du musst beiseite gehn,
nur selten einem ins Antlitz sehn,
sonst wirst du uns stets verneinen.
*
Die Lösung ist - so sieh doch hin: -
Wer entdeckte doch erst des Menschen Sinn?
Begreif's - und du erträgst die Herde:
,Der Übermensch sei der Sinn der Erde!'
Nietzsche.
Wen er nicht einmal zu Tode beschämt,
wen er nicht einmal zu Tode gelähmt,
hat nie auch nur im Traum geahnt,
was für ein Geist da fragt und mahnt.
*
Ja, gib der Welt nur Wein und Brot,
doch sieh nicht hin, wen du gespeist.
Bei dem und jenem wird's wohl Geist,
doch bei zu vielen nichts als - Kot.
Suprema lex.
Fürchte nie, zu überraschen.
Das ,harmonische Gesetz'
ist ein Netz mit güldnen Maschen.
Du sei wider jedes Netz.
Denn allein das einzig Deine,
Deines Wesens letzter Schluss,
ist das unersetzlich Eine,
was ich von dir fordern muss. Christian Morgenstern
Aus der Sammlung VII. |