TamaraDarijel's Bergschlucht, wo tiefer
Der Terek herabstürzt im Sturm,
Stand hoch auf dem Felsen von Schiefer
Ein alter, zerfallener Thurm.
Tamara, die Königin, schaltet'
Im Thurme, haust' schrecklich darin —
Schön war sie, wie Engel, gestaltet,
Doch böse, wie Teufel, von Sinn.
Weithin durch das nächtliche Dunkel
Ein Feuer dom Thurme erblinkt,
Und lockend mit Hellem Gefunkel
Den Pilger zur Nachtruhe winkt.
Und schnell war in Liebe gefangen
Wer der Königin Stimme gehört,
Wild schwoll ihm die Brust vor Verlangen,
Er war wie bezaubert, bethört.
Bethört lieh dem Klang ihrer Worte
Hirt, Kaufmann und Krieger das Ohr,
Es öffnet am Thurm sich die Pforte,
Ein schwarzer Eunuch tritt hervor.
Geschmückt wie zu glänzendem Feste,
Auf üppigem Lager, allein,
Die Königin harrt ihrer Gäste,
Vor ihr stehen Krüge mit Wein...
Geflüster, Gekicher, Gestöhne,
Ein Pressen von Mund an Mund —
Gar seltsam unheimliche Töne
Die Nacht hindurch gaben sich kund: —
Als wären viel Männer und Frauen
Versammelt zur Hochzeit im Haus —
Und faßt sie beim Jubel ein Grauen:
Es ward ein Begräbniß daraus...
Doch plötzlich der seltsame Reigen
Der Stimmen im Thurme zerstob,
Nacht herrschte darinnen und Schweigen,
Sobald sich der Morgen erhob.
Da heimlich zum Strom eine Leiche
Trug man aus dem Thurme herbei...
Zum Fenster hoch schwebt eine bleiche
Gestalt her und flüstert: »Verzeih!«
Und stammten die Augen wie Sonnen,
Und klang jene Stimme so süß,
Als ob sie des Wiedersehns Wonnen,
Alle Wonnen der Liebe verhieß... Michail Jurjewitsch Lermontow
Aus der Sammlung Lyrisches |