SchwangesangWeißt du noch,
wie wir an schwülen Abenden
unter die hängenden Zweige tauchten,
die über schlafende Wasser hingen? -
Leise strich dein Gefieder die Zweige,
und Tropfen nachtfrischen Taus
rannen dir über das weiße Gefieder;
und ich breitete weit die Schwingen
und kühlte meinen Hals an dem deinen.
Weißt du es noch?
Weißt du noch,
wie wir zum erstenmal
über Meere flogen,
Schwinge an Schwinge,
seliger Sehnsucht voll
nach wärmeren Ländern?
Weißt du noch deinen dankbaren Blick,
Wenn ich über dich flog, ein Schild
gegen die glühenden Strahlen der Sonne?
Regst du die Schwingen, mein Weggenoß?
Liegst du begraben im endlosen Meer?
Hast du sterbend gesungen wie ich?
Ferne lieg’ ich
unter den herbstkalten Zweigen,
singe dir meine einzigen
heiligen Laute nach -
sage mir: lebst du?
Sag mir: - ich sterbe - -
- warst du mein Weggenoß?
- Kannt’ ich dich je? Friedrich Kayssler
Aus der Sammlung Morgennebel |