Prologzur Feier des fünfzigzährigen Bestehens des Königlichen
Domchors in Berlin am 23. März 1803
"Jauchzt, alle Welt, dem Herrn!" so rief das Lied.
Kommt vor sein Angesicht, dient mit Frohlocken!
Ein treu Gedenken heut nach oben sieht,
Das beste Festgeläut sind Dankesglocken,
Wenn im Gesang ein halb Jahrhundert schied,
Wie könnte heut des Sanges Odem stocken?
Von allen Orgelstimmen, süß und traut,
Bleibt vox humana doch der schönste Laut!
Ein Quell entsprang aus einer Königsburg,
Zum tiefen, vollen Strom ist er geworden!
Ein Fürst, trotz seiner Krone ein Liturg,
Wortkarg, doch Freund von heiligen Akkorden, —
Was er im Geist geplant, — der Sohn führt's durch,
Er fragt den Süden und er fragt den Norden,
Und sieh! den Chor von Petersburg und Rom
Bringt er voll Kunstsinn heim an unsern Dom!
Und Felix Mendelssohn, er hebt den Schatz:
Im Feuerschwung die Schüler mit sich reißt er.
Zur rechten Zeit sind Neidhart, Grell am Platz,
Der Harmonieen unbestochne Meister;
Sie prägen reinen Sinn und reinen Satz
Als unverlierbar Erbteil in die Geister.
Und manch ein Führer, der einst unser war,
Bleibt im Gedächtnis wirksam immerdar.
Verstummte Harfen werden wieder wach,
Des Psalters Saiten, sie sind neu erklungen.
Ein Palestrina zieht die Jünger nach;
Und er, der wie kein Zweiter vorgesungen,
(Kantor Germaniae, Sebastian Bach,
Zu Raupten hoch des Pfingstfests Flammenzungen!
So reiht sich Nam' an Name, Stern an Stern
Zum "gloria in excelsis" unserm Herrn!
Des Kirchenjahres Himmelsleiter webt
Aus güldnen Melodieen ihre Sprossen:
Der Christbaum wird vom Engelchor umschwebt,
Von Klageliedern ist das Kreuz umflossen;
Der Trost: "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt",
Hat siegreich über Gräber sich ergossen.
Und die Gemeinde, unbeirrt vom Spott,
Stimmt an: "Ein' feste Burg ist unser Gott!"
Gleichwie Maria ihre Narde bringt
Mit stillem Geist, mag auch die Welt sie höhnen,
Und wie der Duft das ganze Haus durchdringt
Im Opferdienst des Heiligen und Schönen:
So wandelt fromme Tonkunst holdbeschwingt
Durchs Land, zu bau'n, zu läutern, zu versöhnen;
Mit Grüßen winkt sie zu der Kirche Thor
Und rüstet schon ein Lied im höhern Chor.
*) Voran ging der Gesang des 100. Psalms. Rudolf Kögel, 1803
Aus der Sammlung Aus dem Leben |