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Nachtgedanken

Wenn in stillen Sternennächten Stadt und Land in Schlummer tief,
Und schon längst von Markt und Plätzen sich das laute Volk verlief,
O wie dann mein Fuß so gerne durch die leeren Gassen wallt,
Wo durch ferne, weite Straßen dumpfen Klangs sein Tritt verhallt!

Wie ein großes ödes Schlachtfeld, schweigend liegt die Stadt vor mir,
Kleine Leidenschaften fochten ihre kleinen Schlachten hier;
Jetzt doch liegt gebreitet drüber große, stille Todtenruh,
Und nur Geister und nur Träume wallen leise ab und zu.

Droben leuchten die Gestirne! Jeder Stern im blauen Raum
Hat sein Menschenherz hier unten, dem er bringe lichten Traum;
Drum wohl thun sie so geschäftig, wenn wir Nachts im Schlummer ruh’n!
Doch es hat mein Sternlein droben heute wohl nicht viel zu thun? –

Schüttle, Himmel, deine Sterne nieder auf den Erdenball,
Dicht als goldne Saatenkörner in der Schläfer Herzen all!
Daß die blanke Silberblüthe lichten Traums am nächsten Tag
Frei als reiche Frucht erwachsen, hell und golden schwellen mag!

Lieblich plätschern dort die Brunnen, silbern steigt des Springquells Pracht,
Rosen und Violen duften von den Fenstern durch die Nacht,
O wie süß dort vom Balkone Nachtigallenlied erschallt!
Fast bedünkt es mich, als wallte fern ich durch den grünen Wald.

Ueber Quell und Rosen aber, und Viol’ und Nachtigall,
Ueber Domen und Palästen stand des Mondes Strahlenball,
Wie ein leuchtender Gedanke heil’ger Freiheit, licht und klar! – –
O wie schade, jammerschade, daß es rings der einz’ge war!

Anastasius Grün
Aus der Sammlung Spaziergänge eines Wiener Poeten

  
  

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