AdorataDu bist so schön – ein erdenferner Gast,
Von unsrer Sehnsucht heißen Lied gerufen.
Ich sitze nah bei dir – doch dünkt mich fast,
Als kniete ich an deines Thrones Stufen.
Du trägst der braunen Haare schlichten Kranz,
Wie Königinnen ihre Krone tragen.
In deinen Augen ist ein ferner Glanz,
Und deine Seele hör ich leise sagen:
„Kommt alle, die ihr mühbeladen seid,
Ich will die Last von euren Schultern lösen.
Der Staub der Erde rührte nie mein Kleid,
Und alle Wunden mache ich genesen.
Ihr sehr mich an und wisset selbst nicht wie –
Ihr müsst in Andacht eure Stirne neigen.
Vor meiner Reinheit beugt ihr stumm das Knie,
Und aller Weltlust irre Wünsche schweigen.
Doch einen weiß ich, dem die Seele brennt
In ruhelosem Sich-nach-mir-verlangen.
Erfüllt von Sehnsucht, die mein Herz nicht kennt,
Will seine Jugend meinen Leib umfangen.
Ich möchte bellen und – versteh es nicht,
Ich weiß ja nichts von Sehnsucht und Entsagen,
In meiner Seele brennt allein das Licht
Von meiner Himmelssendung Erdentagen.
Er ist mir lieb – doch meiner Wege Glanz
Steht hoch ob diesem angstzerquälten Leben.
Mitleid und Wehe füllt mein Herze ganz
Und kann doch ihm nicht Ruh und Frieden gehen.
Oh, könnt‘ ich diese nie entweihte Hand
Erlösend, kühlend auf die Brust ihm legen,
Und dieses Herz, das nimmer Ruhe fand,
Schlief selig ein und ginge Gott entgegen.“ – Ernst Goll
Aus der Sammlung Im bitteren Menschenland. Nachgelassene Gedichte. |