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Paule, du rasest!

Apostelgeschichte 26, 24. 25.

Da er aber solches zur Verantwortung
gab, sprach Jesus mit lauter Stimme:
Paule, du rasest; die große Kunst macht
dich rasend. Er aber sprach: Mein
teurer Feste, ich rase nicht, sondern ich
rede wahre und vernünftige Worte.

„Du rasest, Paule, deine große Kunst
Sie machet dich, doch macht sie mich nicht rasen;
Du schwärmest, Freund, wie leichten Wolkendunst
Soll dir mein Mund dein Luftgebäu zerblasen!“

„Mein teurer Feste, Paulus raset nicht,
Er spricht vernünftige und wahre Worte,
Was ich entzückt geschaut im Himmelslicht,
Das ists, wovon ich zeug‘ am dunklen Orte.

„Du rasest, Paule,nie hab ichs gesehn,
Das Licht, so bei Damaskus dich umblitet;
Du schwärmest, Freund, ich kann ihn nicht verstehn
Den frommen Wahn, der dein Gehirn erhitzet.“

Mein teurer Feste, Allen ists bestimmt,
Mein Himmelslicht, doch Alle sehns mit nichten,
Der Geist nur ist es, der den Geist vernimmt,
Aus Gott muss sein, wer Gottes Wort will richten.

„Du rasest, Paule, geh mit deinem Gott,
Der schnöd am Kreuz verblutet und gestorben!
Du schwärmest, Freund, verzeihe meinen Spott:
Wann ist ein Gott gestorben und verdorben?“

Den Juden ist das Kreuz ein Ärgernis
Und eine Torheit ists den klugen Griechen;
Doch wird, gequält vom Sündenschlangenbiss,
Manch stolzer Geist zu diesem Kreuz noch kriechen.

„Du rasest, Paule, zwingst du eine Welt?
Dein Häuflein Galiläer ist verloren,
Schickt seine Weisen Hellas in das Feld,
Und Nero seine blutigen Liktoren.“

Dreihundert Jahre noch: so wird in Rom
Vom Kapitol ein Kreuz vom Golde schimmern,
So ragt in Hellas Jesu Christi Dom
Hoch ob der alten Göttertempel Trümmern.

„Du rasest, Paule, grünt nicht mancher Kranz?
Du bist fürwahr zu Besserem berufen!
Komm, sonne dich in heitrer Ehren Glanz,
Ersteige kühn des Nachruhms Tempelstufen.“

Mein teurer Feste, Christus ist mein Ruhm,
Um seinetwillen rühm ich mich der Schande;
Den Kerker macht er mit zum Heiligtum,
Zu Ehrenketten diese ehrnen Bande.

„Du rasest, Paule, sieh, dein Haar ergraut,
Im Kerker siechst du hin, ein bleicher Schächer,
Und küsstest du denn niemals eine Braut,
Und kränztest nie ein mit Rosen deinen Becher?“

Lass fahren hin! – der äußre Mensch verwest,
Der innre wird von Tag zu Tag verneuert,
Bis er, vom Leibe dieses Tods erlöst,
Dort oben ewge Freudenfeste feiert.

„Du rasest, Paule, blutig blinkt ein Beil,
Dein graues Haar, du trägst es zum Schafotte;
Wo bleibt alsdann dein vielgepriesnes Heil?
Was hast du dann für Lohn von deinem Gotte?“

Dann setzt er dem getreuen Knecht aufs Haupt
Als Gnadenlohn des ewgen Lebens Krone,
Und den ich nicht gesehn und doch geglaubt,
Ihn bet ich an im Licht vor seinem Throne.

Karl Gerok, 1859
Aus der Sammlung Heilige Worte

  
  


Karl Gerok   

Karl Gerok


   


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