LabyrinthDein Tiefstes laß mich heut' erkennen,
Du starke, du gelinde Macht,
Die eingebrochen diese Nacht,
Dein Heimlichstes mit Namen nennen:
Daß ich getreu von dir erzähle,
Du lauer, grüner Frühlingssegen,
Mit lichten Wolken und Sonnenregen;
Du Strom, in dem des Knaben Seele
Unsichtbar badet, wenn an's Haus
Er sieht die erste Schwalbe kommen,
Du Geist, der in dem Busenstrauß
Der Jungfrau mir entgegenweht,
Die dort, so wundersüß beklommen,
Die einsam stillen Pfade geht;
Der tief in des Gefildes Kraft
Und in der Lüfte weicher Seele
Wie in des Donners lauter Kehle
So gottesmächtig quillt und schafft,
Und hält zum Himmel auf grünem Thron
Den Maien, seinen liebsten Sohn.
Sag' an, wo mag dein Tempel sein?
Wo tret' ich still und feiernd ein,
In Wort und Zeichen klar zu lesen
Dein innerstes, geheimstes Wesen?
Es lockt und zieht mich dort und hier,
Als wollt's zertheilen die Seele mir.
Im Thal der Primeln und der Veilchen
Da ruhst du wohl ein stilles Weilchen,
Da will ich an der Hand dich fassen
Und nicht von meinem Herzen lassen,
Bis alle Hüllen niedergleiten
Von deinen Unaussprechlichkeiten.
Doch weh! schon windest du dich los
Und fliehst im leichten Morgenkleide
Hin über Thal und Wald und Haide,
Und deinen Hauch vernehm' ich blos;
Und wieder zieht mich's dort und hier,
Will mir zertheilen die Seele schier.
Wer sagt mir, wo in aller Welt
Der Geist des Frühlings stille hält?
Was die tausend spielenden Lichter all'
Und die Bronnen sagen mit ihrem Schall?
Was Wunder die hellen Vogelkehlen
Der nickenden Blumenwelt erzählen?
Von wannen die süßen Geister sind,
Die mich umflattern mit dem Wind,
Und was im Freudenübermuth
Der Jüngling Mai noch Alles thut?
In's Grüne will ich mich verstecken,
Mit dichten Sträußern mich bedecken,
So nahe seines Odems Rauschen,
Sein Lebensräthsel zu erlauschen.
Doch siehe, von des Horchers Kopf
Abweht der Wind des Grases Schopf,
Die Vögel kommen, in gellen Tönen
Den Wundersucher zu verhöhnen.
Wer möcht' in diesem bunten Schalten
Den Geist erspähn und fest ihn halten?
Wer mag in einem Buche lesen
Und draus verstehn des Autors Wesen,
Das durcheinander wirft die Lettern
Aus Farben, Klängen und Donnerwettern?
Fort, fort, ob solchem Buchstabiren
Nicht Kopf und Sinne zu verlieren? Johann Georg Fischer |