Steigt die Sehnsucht meiner AugenSteigt die Sehnsucht meiner Augen
Blumen flechtend bei mir nieder
Wunder nimmt michs immer wieder
Dass noch Falter weiter saugen -
Dass noch ihre eitle Weide
Vögel um gemeinere tauschen
Statt sich süsser zu berauschen
Buhlend über ihrem Kleide.
Euch beklag ich, Schmetterlinge,
Vögel die umsonst getragen
Durch die selige Luft den Wagen
Der Verzauberin der Dinge,
Dass ihr den Beruf verloren,
Himmeln zu Gesind zu dienen,
Nun aus ihnen neu erschienen
Unverwelkend, nie geboren,
Die Gestalt dran das Gebrechen
Aller Zeit und Form sich tröstet -
Dass nur Ihr Euch nicht erlöstet,
Aus der Haft der Erdenschwächen.
Aber mich bedünkt als sagt ihr,
Euch verfinge, was verderblich,
Weil ihr eines Tags und sterblich
Selbst, und darum nur entsagt ihr -
Göttin, allerliebste Huld,
Wandellos ob allem Neidigen,
Lass die Ärmsten mich verteidigen
Denn sie habens keine Schuld.
Sie verlockt, weil sie erliegen
täglich eintägliche Zehr -
Dir zum Munde soll nur fliegen
Was unsterblich ist, wie er -
Gib Dich meinem Preis gefangen:
Deines Gleichen ist der Dichter.
Eh vergehn des Himmels Lichter
Als sein Lob und Deine Wangen. Rudolf Borchardt
Aus der Sammlung Gedichte aus den Jahren 1898 bis 1944 |