In Memorian W.E.Reizende Stadt die lieblich und stolz durchflutet der Neckar,
den du mit Frohsinn und Wein grüßt von den Ufern herab,
den die Gesänge der Jugend hinaus in die Ebne geleiten
wo, schon bedachtsam, der Rhein schreitet hinunter zum Meer:
Warum such ich nicht heute wie ehmals die heiteren Hügel,
nicht das lachende Tal das dir gab die Natur
mütterlich-freundlich zum Bett wie dem Kinde das gern sie verzöge,
noch auch das trauliche Eck wo einst die Liebste gewohnt?
Warum heute vermeid ich der Straßen stilles Gemahnen
welches den purpurnen Strom wohlig im Herzen mir regt?
Nicht zur Ruine hinan die mir Zauber beherrscht die Lande,
Märchenkönigin gleich, lenk ich den zögernden Schritt.
Lustlos steh ich im üppigen Frühling voll Kraft und voll Sonne
welcher in strahlende Pracht kleidet die fröhliche Pfalz.
Rückwärts such ich im Innern nach wogenden klingenden Tönen
Die das Vergessen begräbt: ach! und sie klingen nicht mehr:
Leer ist das Dasein; eitel die flüchtige Stunde des Lebens;
nur das Vergangne ist schön, einzig das Tote ist wahr.
Denn das Wesen der Stunde ich Flucht und ihr Wirken Erschüttrung
und in der Zeit wie im Raum hat nur das Ferne Bestand.
Sonnig im klärenden Licht der Erinnrung ruht das Vorüber
da sie sich willig und leicht doch an das Schöne nur hängt.
Aber die Schwüle des Heute, die steigenden Wetter des Morgen
rauben den Sinnen die Kraft, rauben der Seele die Ruh. –
Also suchte mein irrendes Auge verlorene Güter
und nach vergangenem Tag folgt ihm der wandernde Geist;
suchte auch dich, den trauten, den edlen Freund und Gefährten
durch das Gefüge des Seins, durchs Labyrinth der Natur
die du – wie Weiland Odysseus die Erde und ihre Gestalten –
nimmer ermüdend durchforscht als dir noch strahlte das Licht.
Suchte dich! – denn das Erinnern bekämpfte das bittere Wissen
dass eine Welle begrub dich und die mutige Fahrt. –
Da jedoch fasst es mich traurig und wild: und ich riss mich vorüber!
Eilend am Hange vorbei ließ ich die rührige Stadt,
strebte hinaus aus der schwirrenden Hitze des Tags in den Schatten
wo du im friedlichen Hain ruhst mit den vielen in Reihn;
vielen zu Häupten, vielen zu Füßen, vielen zur Seite
denen du nimmer gegönnt je dir zur Seite zu stehn.
Denn ihnen allen voraus wär geeilt die geflügelte Seele
da sie, dem Feuer verwandt, alles im Schwunge erfasst,
alles durchdrang und bezwang und mit sich reißend verklärte
und, eines Gottes Altar, lodert‘ zum Himmel empor.
Gleich bist den vielen du nun wie das fallende Blatt den Millionen
die sich der sengende Herbst längst zum Teppich gemacht;
gleich, wie der Tropfen der Wolke Millionen gefallener Brüder
welcher der gierige Staub ohne Empfinden verschluckt.
Aber als ich gefunden die Stätte an der sie dir türmten
heilige Eichen im Kranz, bitteren Lorbeer aufs Grab,
schweifte mein düsterer Blick vom traurigen Orte hinüber
über das goldene Land hin zu dem blauen Gebirg.
Leuchtend durchschritt mit den sieben brausenden Söhnen und Töchtern
Vater Rhein das Gefild seiner gesegneten Pfalz;
fernhin erglänzte in stählerner Schärfe die Linie des Wasgau
wo du den Kampf hast gesucht und dich ereilt das Geschick.
Und ich hörte im Geist das Hallen des Tals von den Streichen
wie sie da drüben einst schlug Walther vom wasigen Stein.
Wahrlich auch du warst ein Held im Kampf mit der mordenden Hydra
welche das Menschengeschlecht listig und ruchlos beschleicht.
Tausende bissiger Köpfe die anderen Sterblichen drohten,
vielfach geringeren als du, schlugst du mit sicherer hand;
aber den einen, den giftigsten, den sie voll Tücke entschnellte
gegen die eigenes Herz wehrte kein Helfer dir ab. –
Ach! wie oft wohl dein Schatten in dämmernde Meere der Frühe,
weilend am nämlichen Ort, grollend hinübergeblickt!
Nicht zwar voll Zorn doch voll Unmut, wie einst der große Achilles
als er, zum Nichtstun verbannt, starrte aufs wogende Meer;
doch in der Brust schrie dumpf sein Herze nach Taten, nach Taten,
bis ihn zu trösten entstieg schimmernd die Mutter der Flut.
Also mag deine Seele wohl schreien vor Durst nach dem Leben
wenn ihn ein gütiger Gott nicht in dem Jenseits dir stillt.
Als ich den schweifenden Geist und die Blicke nunmehr zurückfing,
siehe! da standst du vor mir, wie einst die Erde dich trug.
Standest im Strome des Schattens den grünende Stämme ergossen
kühlend ins glühende Meer zitternden, wogenden Lichts;
ähnlich dem Leben war alles, nur kühler; als ob in den Adern
flösse ein stilleres Blut ohne zu regen das Herz;
auch die Züge wie einst, nur traurig; als hätte dich Sandro
welcher die Traurigkeit malt hier in den Schatten gestellt;
und nur die Spitzen der Füße berührten die Spitzen des Grases
das sich darunter erhob ohne zu spüren die Last. –
„Warum“ sprachst du von fernher „o Freund, der einst nach mir gewesen
suchst du den traurigen Ort welcher den Toten gehört?
Warum nahst du den Grüften mit düstern Gedanken? und draußen
duftet und woget und blüht kraftvoller Frühling der Pfalz!
Lasse den Menschen beim Menschen sich finden das Edle, das Große,
das der Begeisterung wehrt, das ihn zu Taten erhebt.
Alle Toten sind gleich; und ich bin einer der Gleichen.
Hasse das Gleiche, mein Freund, wie du es immer gehasst.
Liebe die wechselnde Stunde die freundlich dir bietet das Schicksal,
schöpf ihren grünenden Wert, lach ihrer goldenen Frucht!“
Also sprachst du. Voll Mut. Ich fühlte die Wahrheit der Mahnung
welche das Herz mir durchdrang und mir die Lippe verschloss.
Aber ich wünschte Virgil mir zur Seite, wie jener Gewaltge
als er die Toten besucht in ihrem eigensten Reich.
Endlich besiegte der Schmerz das bangende Schweigen der Ehrfurcht,
denn um dein eigenes Los ward meine Seel besorgt.
„Und die Gefilde der Seligen“ fragt ich erwartenden Herzens
„winken sie nicht auch dir wie die Heroen gewinkt?“
Du aber neigtest die Stirn: „Die seligen Inseln gehören
einer vergangenen Welt, Göttern und Helden von einst.“
Solches sprachst du mit Wehmut. – Ich barg das Haupt in den Händen
und es tobte das Leid mir in das pochende Hirn.
Wusst ich doch dass du dem Dädalus gleich hättest Flügel erfunden,
sie zu erreichen, die uns, ach ein Gewaltger zerstört.
Also auch sie, die Inseln der Seligen wurden begraben
in dem vernichtenden Sturm den Galiläa gebar!
Aber du sprachest mit Milde: „Ich danke dem eisernen Schicksal
das mich gebettet zur Ruh hier wo die Heimat mir war.
Unablässig in Liebe umfangen mich traute Gedanken,
schmücket die treueste Hand sorgend und ehrend mein Grab.
Hinter sich lässet auf Erden der Mensch nur den Ruhm und die Liebe,
aber von beiden wird sie immer die größere sein!“
Und du entschwandst wie die Wolke, stieg von dem Hange zur Stadt.
Siehe! da nahten dem Orte in Treue die zwei Beatricen,
bleibe so edel und schön dass sie das Wort nicht besingt.
Und sie flechten zum Kranze die unverwelklichen Blüten
welche die Liebe dir brach und dir die Freundschaft gehegt. Rudolf G. Binding
 |
|