Gedichte: Arnim  Busch  Eichendorff  Goethe  Heine  Heym  Lessing  Morgenstern  Rilke  Ringelnatz 

Gedichte


Gedichte » Peter Altenberg » Wie ich es sehe » See-Ufer » Zwölf


GEDICHTE
Neue Gedichte
Selten gelesen
Gedicht finden
Themen & Zeiten
Zufallsgedicht
Dichtergalerie
REDAKTION
Gästebuch
Gedicht des Tages
Veröffentlichen
Häufige Fragen
Kontakt
Impressum /
Datenschutz

WISSEN
Fachtermini

  
 

Zwölf

»Das Fischen muss sehr langweilig sein« sagte ein Fräulein, welche davon so viel verstand wie die meisten Fräulein.
»Wenn es langweilig wäre, thäte ich es ja nicht« sagte das Kind mit den braunblonden Haaren und den Gazellenbeinen.
Sie stand da, mit dem grossen unerschütterlichen Ernst des Fischers. Sie nahm das Fischlein von der Angel und schleuderte es zu Boden.
Das Fischlein starb – – –
Der See lag da, in Licht gebadet und flimmernd. Es roch nach Weiden und dampfenden verwesenden Sumpfgräsern. Vom Hôtel her hörte man das Geräusch von Messern, Gabeln und Tellern. Das Fischlein tanzte am Boden einen kurzen originellen Tanz wie die wilden Völker – – – und starb.
Das Kind angelte weiter mit dem grossen unerschütterlichen Ernst des Fischers.
»Je ne permettrais jamais, que ma fille s'adonnât à une occupation si cruelle« sagte eine Dame, welche in der Nähe sass.
Das Kind nahm das Fischlein von der Angel und schleuderte es wieder zu Boden, in die Nähe der Dame.
Das Fischlein starb – – –. Es schnellte empor  und fiel todt nieder – – ein einfacher sanfter Tod! Es vergass sogar zu tanzen, es marschierte ohne weiteres ab – – –.
»Oh – – –« sagte die Dame.
Und doch lag im Antlitz des grausamen braunblonden Kindes eine tiefe Schönheit und eine künftige Seele – – –.
Das Antlitz der edlen Dame aber war verwittert und bleich – – –.
Sie wird Niemandem mehr Freude geben, Licht und Wärme – – –.
Darum fühlte sie mit dem Fischlein.
Warum soll es sterben, wenn es noch Leben in sich hat – – –!?
Und doch schnellt es empor und fällt todt nieder – – – ein einfacher sanfter Tod.
Das Kind angelt weiter, mit dem grossen unerschütterlichen Ernst des Fischers. Es ist wunderschön, mit seinen grossen starren Augen, seinen braunblonden Haaren und seinen Gazellenbeinen.
Vielleicht wird es auch einst das Fischlein bemitleiden und sagen: »Je ne permettrais jamais, que ma fille s'adonnât à une occupation si cruelle – – –!«
Aber diese zarten Regungen der Seele erblühen erst auf dem Grabe aller zerstörten Träume, aller getödteten Hoffnungen – – –.
Darum angle weiter, liebliches Mädchen!
Denn, nichts bedenkend, trägst du noch dein schönes Recht in dir – – –!
Tödte das Fischlein und angle!

Peter Altenberg
Aus der Sammlung See-Ufer

  
  

Vorheriges Gedicht von Altenberg
   Gefällt Dir das Gedicht von Altenberg?   ⇒ Kommentar/Rezension
  Weniger   Gut      Sehr gut   Ausgezeichnet     
 

 
   Gedichte, die Sie interessieren könnten ⇒ Übersicht  
  Arnim: Von zwölf Knaben 
  Morgenstern: Der vorgeschlafene Heilschlaf     
  Fallersleben: Onze et demi 
  Carl Weitzmann: An das Gasthaus zu den zwölf Aposteln 


Gedichtsuche

  Nur im Titel suchen    
 

Konzept, Gestaltung und Inhalt © B. Ritter - Die Deutsche Gedichte-Bibliothek