Gedichte: Arnim  Busch  Eichendorff  Goethe  Heine  Heym  Lessing  Morgenstern  Rilke  Ringelnatz 

Gedichte


Gedichte » Peter Altenberg » Wie ich es sehe » Don Juan » Idylle


GEDICHTE
Neue Gedichte
Selten gelesen
Gedicht finden
Themen & Zeiten
Zufallsgedicht
Dichtergalerie
REDAKTION
Gästebuch
Gedicht des Tages
Veröffentlichen
Häufige Fragen
Kontakt
Impressum /
Datenschutz

WISSEN
Fachtermini

  
 

Idylle

Sie sass in der Milchhalle mit ihrer Mutter und trank weiss-gelbe dicke Milch und ass goldbraunes Landbrod, dichtporiges duftendes mit Theebutter und Honig.
Es war ein Sommer-Sonntag-Nachmittag.
Um sechs Uhr kam Albert.
Da wurde sie rosig.
Albert bestellte das dichtporige duftende Landbrod mit Theebutter und Honig.
Das junge Mädchen legte die Hand auf seine Stuhllehne und berührte Ihn leise.
Die Mutter sagte: »Sie sind heute preoccupirt, Albert – –!?«
»Man kann sich nicht entwickeln« sagte er schroff. »Frau E., die meinen Essay ›Wahrheit‹ gelesen hat, sagte heute: ›Er sollte einen Sommer in Karlsbad, in Marienbad zubringen, dort, wo das grosse Leben pulsirt – – –.‹«
Das junge Mädchen legte ihre Hände in den Schoss und wurde ganz bleich.
Die Mutter sagte: »Ein wirklicher Dichter, mein Lieber – – –.«
»Nein«, sagte Abert, »man kann nicht aus dem Leeren schöpfen. Das verstehen Sie nicht! Wollt Ihr bestimmen, was Uns anregt – –?! Unsere Quellen sind unsere Quellen. Oft sind Frauen dieses Mysterium. Wenn sie es sind – –! Für mich zum Beispiel sind die Augen der zwölfjährigen Franzi bezaubernd – –.«
Das junge Mädchen senkte den Blick.
»Ja,« sagte er hart, »es ist doch so! Es ist der Ausdruck der ursprünglichen reinen Natur – – er berauscht mich.«
Das junge Mädchen betrachtete in solchen Augenblicken diesen Idealisten, diesen Schwärmer wie einen Feind, der ihre zarte Seele missachtete.
Sie that ihm Unrecht.
Aber wusste sie das?!
Sie lebte in Ihm, in Ihm, nur in Ihm – – –.
Einmal hatte sie gesagt: »Ich glaube, dass ich Ihm ein wenig nützen kann – –. Darum lebe ich.«
Die Mutter betrachtete ihre Tochter wie eine Märtyrerin. Sie fühlte Alles mit ihr, nur selbstsüchtiger und hasste den Idealisten, der sich »entwickeln« wollte und den die Augen der zwölfjährigen Franzi berauschten.
»Zahlen wir!«, sagte Albert.
Sie gingen langsam durch die stillen warmen Strassen.
Alle schwiegen.
Albert ging neben dem jungen Mädchen dahin.
Strasse, Strassenecke, Strasse, Strassenecke, Strasse, Strassenecke, Hausthor. Stiller Hausflur,  stille Stiege, brim, brim, brim, brim, stilles Vorzimmer, stilles Wohnzimmer.
Dämmerung.
Albert setzte sich in einen Fauteuil.
Das junge Mädchen setzte sich an's Fenster.
Albert starrte vor sich hin.
Das junge Mädchen begann leise zu weinen.
Sie weinte und weinte – – –.
Die Mutter kam leise herein und ging wieder hinaus – –.
Das war der Sommer-Abend, Sonntag, auf den das junge Mädchen sich die ganze Woche gefreut hatte – – die ganze lange Woche!

Peter Altenberg
Aus der Sammlung Don Juan

  
  

Vorheriges Gedicht von Altenberg Nächster Text von Altenberg
   Gefällt Dir das Gedicht von Altenberg?   ⇒ Kommentar/Rezension
  Weniger   Gut      Sehr gut   Ausgezeichnet     
 

 
   Gedichte, die Sie interessieren könnten ⇒ Übersicht  
18./19. Jh.  • Langbein: Des Knaben Alter... 
1867  • Gerok: Frühlingsidylle. 
19./20. Jh.  • Heym: Berlin 2 Favorit unserer Leser
1834  • Mayer: Das Land der Arbeit 


Gedichtsuche

  Nur im Titel suchen    
 

Konzept, Gestaltung und Inhalt © B. Ritter - Die Deutsche Gedichte-Bibliothek