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| | |  | Der Renommiste, Drittes BuchJustus Friedrich Wilhelm Zachariae
Die Luft beglänzte schon der Sonne reger Schimmer;
Er warf den güldnen Stral in Raufbolds Ruhezimmer.
Der Vorhang, der ihn brach, und rauschend vor ihn trat,
Zog an der weißen Wand ein länglichtes Qvadrat.
Des Degens Stichblatt schien, in falben Schattenbildern,
Der Schreckkometen Lauf elliptisch abzuschildern.
Ganz Leipzig hub sich schon halb taumelnd in die Höh,
Und trank das schwere Naß, den bräunlichen Caffee;
An jedem Nachttisch ward der Schönen Witz geschäfftig,
Und macht erst ihren Reiz durch fremden Anputz kräftig.
Der Spiegel, der allein sonst unparteyisch war,
Stellt, die kaum häßlich schien, itzt jung und reizend dar,
Und sieht, wie man sich quält, durch einen schwarzen Flecken
Ein feindlich Blätterchen den Stutzern zu verdecken.
Nur Raufbold ruhte noch, und lag, von Sorgen frey,
Bis in den hellen Tag, auf einer harten Streu.
Zwar kostbar schlief er nicht, doch schlief er ohne Kummer,
Und mancher wache Geist versüßt ihm Ruh und Schlummer.
Der Schlaf, den man nur meist in braunen Nächten sieht,
Der, wenn der Morgen glänzt, die muntern Menschen flieht,
Und wenn des Bauers Hand ihn aus den Augen reibet,
In bunte Zimmer flieht, und in den Städten bleibet;
Der fand bey Raufbolds Ruh, da er durch Spiel und Schmaus
Die Nacht zum Tag gemacht, auch noch im Tag ein Haus.
Er schläft und ruht mit ihm, und nimmt die Augenlieder
Zu seinem sanften Sitz, und drückt sie sinkend nieder.
Dieß sieht sein wilder Schutz, der Renommistengeist,
Sein Auge flammt vor Zorn, da er den Schlaf so dreust
Auf Raufbolds Augen sieht; er schwört, ihn zu bestrafen;
Doch läßt er auf sein Flehn ihn und den Helden schlafen.
»Wie, Raufbold? seufzet er, du schläfst? ach wüßtest du,
Wie sehr bey deiner Streu, bey deiner süßen Ruh,
Dein Schutzgeist sich betrübt; wie würdest du erschrecken;
Die Wangen würden sich mit edler Röthe decken.
Wer weis, ob dich nicht schon der Mode Wort verführt?
Wer weis es, ob nicht schon dein Herz die Neigung spürt,
Die kurze leichte Tracht abtrünnig zu verändern,
Und Hals, und Uhr, und Stock, und Degen zu bebändern?
Wie oft nimmt uns der Glanz von der Verändrung ein – –
Jedoch du bist zu stolz, ein Leipziger zu seyn.
Ein Stiefel reizt dich nur; wich er vor weißen Strümpfen,
Du würdest Jena, dich, und deinen Stal beschimpfen.«
Er schwieg, und setzte sich auf Raufbolds Degenknopf;
Sein sonst so kühner Arm stützt den gebeugten Kopf;
Sein Finger, den er stolz an seine Nase legte,
Wies, daß ein herber Gram sein kühnes Herz bewegte.
Jedoch die Freude kömmt, und heitert sein Gesicht
Und seine Wangen auf; ein aufgeklärtes Licht,
Das von der Stirne schießt, prallt von der Wand zurücke,
Froh wird sein Angesicht, froh werden seine Blicke.
Wie, wenn vom Horizont der schwarze Dunst entflieht,
Ein lächelnd heitres Blau die leere Luft bezieht,
Der Himmel sich entwölkt, und auf den holen Flächen
Die freyen Stralen sich mit regem Lichte brechen:
So floh von seiner Stirn, die erst der Gram umhüllt,
Der Runzeln krumme Reih, der Sorge bleiches Bild.
»Wie, sprach er, soll der Ruf von meinen tapfern Söhnen,
Vom weiten Markt allein bis zu der Mod ertönen?
Nein! mein bewiesner Muth verstöhr ihr neues Reich,
Mach ihre Hülfe schwach, und Leipzig Jena gleich!
Den gelben Caffeegott will ich zuerst verführen;
Dann sollen meine List die andern Geister spüren.«
Sogleich macht er aus Luft, die er geschwind verdickt,
Sich einen Oberrock, den keine Steife drückt.
Er macht sich dieß Gewand, Jenensern gleich zu gehen,
Und daß er jenisch sey, auch schweigend zu gestehen.
Sein Fittig, der beynah dem großen Handschuh glich,
Macht, daß er, wie Mercur, die leichte Luft durchstrich.
Da, wo Schellhafers Haus die festen Mauern endet,
Ragt, wenn man seinen Blick schief gegenüber wendet,
Ein glänzend Haus empor, das durch die neue Pracht
Fast einem Schlosse gleicht, Paläste finster macht.
So, wie im dicken Wald, ein Kranz bejahrter Eichen,
Durch seine Wipfel droht, den Himmel zu erreichen,
Ein schlanker Tannenbaum sie sämmtlich übereilt,
Und durch sein grünes Haupt die Wolken fast zertheilt:
So streckt dieß stolze Haus den Giebel in die Lüfte,
Und hüllet oft das Dach in falben Rauch und Düfte.
Der Eingang zeigt sogleich in einer Schilderey,
Daß dieß des Caffeegotts geweihter Tempel sey.
Es liegt ein Araber an dieses Gottes Baume;
Ihm bringt, in flachem Gold, von dem durchsüßten Schaume,
Den man aus Bohnen kocht, die die Levante schickt,
Ein nackter Liebesgott, der lächelnd auf ihn blickt,
Ein volles Köpfchen dar; er nimmt es, sich zu laben;
Dieß ist aus Stein gehaun, und durch die Kunst erhaben.
Im Innern wird man gleich den rauchenden Altar,
Woselbst auf flachem Thron der Caffee sitzt, gewahr.
Er muß ein Löffelchen, anstatt des Zepters, führen,
Und ihn ein Zuckerhut statt einer Krone zieren.
An seiner Seite brennt die Lamp in blauer Glut,
Auf der sein trinkbar Gold in einem Kessel ruht;
Das Wasser sprudelt auf, sein Pulver schlägt es nieder,
Doch hebt sichs, wie erzürnt, mit schwarzen Wellen wieder.
Er trinkt, indem er nichts, als nur die Lippen regt.
Sein lüftiges Gewand, das um die Hüften schlägt,
Ist braun, wie sein Gesicht. Es steht auf Nebentischen
Gebacknes Zuckerwerk, den Trank damit zu mischen.
Der Renommistengeist trat kühn in das Gemach;
Er beugte sich verstellt vor seinem Thron, und sprach:
»Du, dessen brauner Trank die Leipziger belebet,
Mein jenisches Gewand, das um die Schultern schwebet,
Zeigt, daß ein fremder Geist zu deinem Thron sich naht,
Der, deine Pracht zu sehn, vergnügt aus Jena trat.
Doch, wie bin ich erstaunt! ...
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|  | Der Renommiste, Erstes BuchJustus Friedrich Wilhelm Zachariae
Mein Lied besingt den Held, den Degen, Muth und Schlacht
In Jena fürchterlich, in Leipzig frech gemacht.
Der, wenn man ihn erzürnt, ein ganzes Heer bekriegte,
Und wenn er focht, auch schlug, und wenn er schlug, auch siegte.
Ich singe, wie er hat so manchen Feind bekämpft;
Wie sein berühmter Stal des Stutzers Stolz gedämpft,
Den er, als er ihn sah, erst höhnte, dann bestritte,
Und da er ihn bezwang, voll Furcht aus Leipzig ritte.
Wirf einen Blick auf mich, du Geist der Schlägerey,
Damit mein Heldenlied des Helden würdig sey:
So wird die Nachwelt noch aus diesen Blättern lesen:
Wie schön sein letzter Sieg, wer Raufbold einst gewesen.
Da, wo die Pleiße sich mit krummen Fluthen schlingt,
Und durch das ebne Feld und grüne Flächen dringt,
Liegt eine stolze Stadt, die sich wie Tyrus zeiget,
Die durch die Musen prangt, und durch den Handel steiget;
Von der nahm man bereits der Thürme Spitzen wahr;
Die Dächer stellten sich erst Raufbolds Augen dar,
Darauf kam ihm die Pracht von einzeln Häusern nahe,
Bis er zuletzt die Stadt in vollem Glanze sahe.
Ein Spornstich und ein Fluch beflügelten sein Roß;
Der großen Peitsche Knall macht, daß es fliegend schoß;
Er jagt es schäumend fort, und fast im Augenblicke
Legt er den halben Theil des letzten Wegs zurücke.
Es war ein jenisch Pferd. Es flog mehr, als es lief;
Ihm war kein Weg zu schmal, kein Graben war zu tief;
Es sprengt ihn muthig durch; im Laufen und im Setzen
Erfüllt es Wink und Ruf, dem Reuter zum Ergetzen.
Sechs Meilen war es schon in vollem Lauf gerennt;
Es rauchte vor Begier, sein Fuß lief noch behend,
Die Mähnen flatterten, als es in seinem Traben
Auf einmal stutzig wird. Es setzt durch Busch und Graben,
Schlägt wiehernd hinten aus; ein weißer dicker Schaum,
Der sein Gebiß bedeckt, fließt auf den rothen Zaum.
Und schnaubend steht es still. Halt, Raufbold, laß es stehen,
Sein klärers Auge sieht, was deines nicht gesehen.
Ein Kobold steht vor ihm. Ein jeder Renommist
Hat diesen Geist um sich, der ihm zum Schutzgeist ist.
Er war auch Raufbolds Schutz. Auf allen seinen Wegen
Sah man ihn um ihn her die leichten Schwingen regen.
Da er aus Jena wich, hat er die dünne Luft
Um ihn herum verdickt in einen dunkeln Duft.
Ein Nebel war um ihn, der ihn dem Blick versteckte,
Damit kein Feind von ihm den fernen Weg entdeckte.
Nun sah er, doch zu spät, das seltne Leipzig nah;
Er merkt, daß Raufbolds Blick mit Lust die Thore sah.
»Ha! dacht er bey sich selbst, du denkst daselbst zu bleiben?
Nein, Feiger, meine List soll dieß schon hintertreiben.
Wie leicht vergässest du den Renommistenstand!
Wie leicht wärst du verführt, wie leicht wärst du galant!
Nein! dieß erlaub ich nicht«! Er sagts, und lähmt dem Pferde
Den sonst zu schnellen Fuß. Es stürzt und fällt zur Erde.
So gleich springt Raufbold ab. »Vermaledeytes Thier!
Und du auch fällst mir um?« schrie er voll Rachbegier.
Er schwört, er schreyt, er peitscht und schlägts mit eignen Händen,
Doch es lag, wie es fiel, entkräftet, lahm an Lenden.
Dieß sah er Unmuthsvoll. Er flucht auf diesen Fall:
»Wärst du, o Bestje! nur in des Philisters Stall,
Und hätt ich seiner Hand dich erstlich übergeben;
So möchtest du hernach verrecken oder leben.«
Indem so sah es ihn mit matten Blicken an,
Als spräch es: schone mich, da ich nicht laufen kann!
Sein Finger streichelt es, bis es zu stehn begonnte,
Doch war es so geschwächt, daß es kaum schreiten konnte.
Gespornt geht Raufbolds Fuß mit Unmuth neben her;
Er führt den müden Gaul. Wie wird das Gehn ihm schwer!
Die Stiefeln drücken ihn; doch er muß sich bequehmen,
Bis dicht an Leipzigs Thor den Weg zu Fuß zu nehmen.
Hier flieht zuletzt die Schmach, die ihn begleitet hat;
Hier wendet sich die Noth, kurz vor der großen Stadt.
Das Schicksal wollte nicht, daß den das Gehn verletzte,
Der wie ein Menzel ritt und Gehn für Schande schätzte.
Er sah kaum, daß sein Roß in etwas wieder sprung,
Als er sich ganz erfreut auf dessen Rücken schwung;
Und da er wieder frey sich in den Sattel wagte,
Frey in den Biegeln stund und durch die Thore jagte.
Mit klatschendem Geräusch ritt er in Leipzig ein.
Die Schatten herrschten schon, doch heller Lampen Schein
War an den Wänden hier, was an den Himmelssphären
Bestralte Sterne sind, die Nacht und Dunst verklären.
Ein Gasthof, dem ein Hecht ein blauer Zierrath war,
Stellt ihm Wirth, Lagerstatt, ein eignes Zimmer dar.
Er setzte sich und warf mit grimmiger Geberde,
Den Degen auf den Tisch, die Handschuh auf die Erde.
»Armselger! rief er aus: in Leipzig bist du nun.
Ja hier, wo alles ruht, wird auch dein Degen ruhn.
Wer wird dich, Renommist, allhier zu nennen wagen;
Hier, wo man fast nicht weis, daß Pursche Degen tragen.
Ach! Jena, denkt mein Herz an deine Lust zurück:
O! wie beseufz ich nicht mein widriges Geschick!
O! Schicksal, war denn dieß dein mir geneigter Wille?
O! Schnurren, o Pedell«! Hier schwieg er plötzlich stille,
Und warf sein schweres Haupt in die gehöhlte Hand;
Die starren Augen sahn verwirret nach der Wand.
Der Huth, den er bald hoch, bald tief, bald anders rückte,
Und jeder Blick verrieth, daß ihn die Schwermuth drückte.
Drauf greift er mit der Faust an den geschärften Stahl,
Der auf dem Tische lag, zieht ihn und wetzt dreymal,
Haut dreymal in die Luft und schleudert ihn im Grimme
Entblößet von sich weg, doch ohne Wort und Stimme.
Indem tritt voller ...
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|  | Der Renommiste, Fünftes BuchJustus Friedrich Wilhelm Zachariae
Die träge Finsterniß warf schon mit brauner Hand
Auf Leipzig Schlaf und Traum, die Still auf Feld und Land.
Schon sah man den Booth den festen Pol umgehen,
Und manche Welt mit ihm sich in den Norden drehen.
Die Schönen änderten die Farb in dem Gesicht,
Von ihrer glatten Stirn floh das erborgte Licht,
Das sie zuvor beglänzt, der Nachttisch, der sie schmückte,
Wars, der itzt ihrem Haupt den fremden Putz entrückte.
Wie wenn der wilde Nord die rauhen Flügel regt
Und sich vom kalten Pol zu unsern Hainen trägt,
Er noch das gelbe Laub dem nackten Wald entführet
Und falbe Blätter streut, wenn sich sein Fittig rühret;
So wird der Nachttisch auch mit Bändern übersät.
Der Putz entflieht nunmehr, die Schleifen sind verdreht.
Die Locken werden schlaff, gleich prangenden Narcissen,
Die, wenn der Abend kömmt, die Häupter neigen müssen.
Da kam der schwere Fuß von Raufbolds treuer Schaar
Auf den beglänzten Markt, der oft ihr Kampfplatz war.
Gestiefelt ist der Fuß, umgürtet ihre Lenden
Und Schlägerhandschuh sind an den bewehrten Händen.
Sie gehn, so oft ihr Fuß mit Schrecken niedertritt,
So oft erbebt der Markt und jeder Wächter mit.
Zuletzt erblicket sie der arme Raufbold wieder.
Vor Freuden ruft er aus: Willkommen, werthe Brüder!
»Itzt seh ich, daß ihr noch Jenensern ähnlich seyd,
Itzt seh ich, daß ihr auch in Leipzig mich nicht scheut.
Kommt, itzo sollt ihr hier als treue Räthe sitzen;
Euch folg ich, doch ihr müßt auch meinen Ruhm beschützen.«
In seiner Stube tönt ein allgemeines Ja;
Ihr Degen und ihr Arm ist ihm zum Beystand da.
Darauf erzählt sein Mund, wie ihn Sylvan verschmähet.
»Sagt selbst, rief er zuletzt, da er sich so vergehet,
Sagt, ist der Jungferknecht nicht meiner Strafe werth?
Ja, Bruder, riefen sie, was wäre sonst dein Schwerdt?
Was wäre sonst dein Arm, willst du ihn nicht gebrauchen?
Geh hin und laß den Schimpf mit seinem Blut verrauchen.«
Gleich schreibt der Renommist das kriegrische Cartell.
Da er von Rache hört, wird seine Feder schnell.
Sein Blatt und auch zugleich Sylvans geschwornes Sterben
Wird schleunig fortgeschickt, den Stutzer zu verderben.
Ein alter Hausknecht wars, der es zum Stutzer trug,
Jedoch sein Wesen war ein listiger Betrug;
Es war der Kobold selbst, der sich zum Hausknecht machte,
Und Raufbolds Fehdebrief dem Stutzer überbrachte.
Ein Schlüssel hing an ihm, der seinen Schatz bewahrt;
Um seine Lippen floß ein brauner Zwickelbarth.
Kurz: wie die Pallas sich in Mentor einst verstecket,
So ward er mit der Tracht vom Hausknecht überdecket.
Man wartet, ob der Kampf Sylvanen schmackbar dünkt,
Und man vertreibt die Zeit nach jenscher Art und trinkt.
Zweymal zerbricht dabey die volle Las in Stücken,
Zweymal muß man den Tisch aus braunen Fluthen rücken.
Wie wenn der nasse Sud im Herbst vom Meere stürmt,
Die schweren Dünste häuft und eine Wolke thürmt,
Die oft als wie ein Schlauch auf nahe Berge hänget,
Aus der, wenn sie zerbricht, sich ein Gewässer dränget,
Das alles überschwemmt und alles fliehen heißt:
So wird der Tisch benetzt, da dieß Gefäß zerreißt.
Sylvan empfing nunmehr das fürchterliche Schreiben.
Der Rothmündinn Befehl zwang ihn, bey ihr zu bleiben.
Es traf ihn das Cartell gleich bey dem Spieltisch an,
Und gleich sah er sich ihm die Schöne schalkhaft nahn.
Sie las, wie er, das Blatt. Vor Schrecken fällt sie nieder;
Sie sinkt in einen Stuhl; es zittern ihre Glieder.
So wie ein Feiger bebt, wenn ihn um Mitternacht
Ein polterndes Geräusch mit Schrecken munter macht,
Und wenn er ein Gespenst darbey zu sehn geglaubet,
Die lächerliche Furcht ihm die Empfindung raubet:
So bebt auch sie vor Angst, ihr schöner Mund wird blaß,
Der Wangen Röthe flieht, ihr Auge selbst wird naß.
Die Seufzer flieht Sylvan, die ihn zu ändern drohten,
Und spricht mit innrem Grimm zu Raufbolds schnellem Bothen:
»Verwegner, geh und sprich zum tollen Renommist,
Daß, ob Sylvan nicht prahlt, er doch nicht furchtsam ist.
Sprich, daß ihm morgen noch mein Degen zeigen solle,
Daß auch ein Leipziger sich tapfer schlagen wolle.«
Hierauf geht er zurück. »Du bist nicht meiner werth,«
Rief seine Rothmündinn, die alles angehört,
»Sylvan, Sylvan, ists wahr, du willst ein Schläger werden?
Ja, ja du bist es schon in Sitten und Geberden.
Geh, Wilder, geh nur hin; doch rühme dich nur nicht,
Daß ich den je geliebt, der sich mit Schlägern ficht.
Geh hin, ich werde dich von nun an ewig hassen.
Dich, Lieb und Zärtlichkeit, will ich ergrimmt verlassen.
Doch warum bleibt mein Herz dir dennoch zugethan?
Warum verehr ich dich, feindseliger Sylvan?
Entweder mußt du nicht zum nahen Kampfe gehen,
Wo nicht, so muß ich dich und deine Gunst verschmähen.«
Sie schwieg. So wie ein Baum den stolzen Wipfel neigt,
Wenn ihn itzt bald der West, und bald der Ostwind beugt:
So wird Sylvan bestürmt. Bald heißt die Ehr ihn kämpfen,
Bald sucht die Zärtlichkeit den regen Muth zu dämpfen.
Doch endlich fing er an: »was forderst du von mir?
Die Ehre soll ich fliehn? bin ich nur darum hier?
Ein Stutzer und zugleich ein feiges Weib zu heissen?
Nein, Schöne, nein, verzagt kann ich mich nie erweisen.
Viel lieber will ich hier wild und verwegen seyn,
Als einen blassen Stal von meinem Feinde scheun.
Wie würde Jena nicht die Leipziger verschmähen,
Nein, morgen soll man mich im Rosenthale sehen.
Da stürz ich meinen Feind, ich hab ihn da besucht,
Doch hab ich stets den Gang zu diesem Kerl verflucht.
Du hast ihn selbst gesehn, du hast ihn selbst betrachtet;
Er war in der Allee, in der ich ihn verachtet.
Drum fordert er mich aus; ich willige darein.
Auch er ...
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|  | Der Renommiste, Sechstes BuchJustus Friedrich Wilhelm Zachariae
Noch lag die halbe Welt im frühen Schlaf verborgen,
Anstatt des Morgenroths sah man die blassen Sorgen,
Die in der stillen Nacht die matten Menschen fliehn,
Den grauen Orient mit wildem Schritt beziehn.
Kaum heißt der junge Tag die grausen Schatten weichen,
So sieht man diese schon um unsre Lager streichen.
So bald der Mensch sie sieht, empöret sich sein Haar,
Und selbst der träge Schlaf flieht vor der falben Schaar.
Sie regten insgesammt ihr fürchterlich Gefieder,
Arminde glitt hierauf mit einem Lichtstral nieder.
Sie fuhr mit diesem Stral ins leere Schlafgemach,
Wo sie mit leisem Ton dieß zur Rothmündinn sprach:
»O Schöne, kannst du noch in süßem Schlummer liegen,
Da ein Jenenser droht, Sylvanen zu besiegen?
Du schläfst noch, da sein Geist, vielleicht schon abgetrennt,
Um deinen Nachttisch schwärmt und unsichtbar dich nennt?
Erwache! fühlst du noch das Mitleid in der Seele,
So wein um den Sylvan, daß sich sein Geist nicht quäle.
Bewein ihn! war er nicht der Schönste dieser Stadt,
Und der bis in den Tod dich treu geliebet hat?«
Ein Seufzer flog sogleich von der bedrängten Schöne;
Das Meißner-Porcellan macht ein betrübt Getöne;
Den Caffee, den man sonst nur dunkelbraun gesehn,
Sah man jetzt dick und schwarz in weiten Schälchen stehn;
Ja selbst auf dem Clavier zersprangen zwanzig Saiten,
Und ein Glocke fing von selbsten an zu läuten.
Arminde floh von hier zu der Galanterie;
Sie schlummerte zwar noch, doch sie erweckte sie.
Drauf sprach sie: »treuer Putz, versammle meine Schaaren,
Die Nachttisch, Spiegel, Kleid, und die Allee bewahren.
Geh hin, bewaffne sie, thut eure Rüstung an,
Du sollst ihr Führer seyn, beschützet den Sylvan.
Ich selbst will, doch verstellt, im Rosenthal mich zeigen.
Geht, eilt und kämpft vereint, so ist der Sieg euch eigen.«
Der schnelle Putz gehorcht und eilt zu der Allee,
Er sank mit schnellem Flug zu einer Lindenhöh,
Von der er dieses rief: »getreue Sybariten,
Wo seyd ihr? Kommt und hört, was ich euch will gebiethen.«
Wie wenn ein Sänger oft von einer Mordgeschicht,
Von Särgen in der Luft mit grauser Stimme spricht,
Der träge Landmann auch aus seinen Hütten eilet,
Und voll Verwunderung den sachten Schritt verweilet;
So kam auch auf sein Wort die ganze Schaar herbey,
Zu der er also sprach: »Seyd ihr mir noch getreu?
Seyd ihr annoch wie sonst der feste Schutz der Linden1,
So laßt euch auch jetzund, ihr Geister, willig finden.
Kommt, eilt und schützt und helft dem ehrlichen Sylvan,
Noch heute trefft ihr ihn erzürnet fechten an.
Folgt der Galanterie, sie will, ihr sollt mich rüsten,
Beschützet den Sylvan, verfolgt den Renommisten.
Wir sind zum Kampf bereit, war ihres Führers Wort,
Wir brennen, führ uns nur an den bestimmten Ort.
Sieh, hier ist Lindamor und seine treuen Brüder.
Ist unser Muth vereint; was stürzen wir nicht nieder?
Auf! folgt mir! Und sogleich eilt das gesammte Heer«
Nach Leipzig und wählt hier das trefflichste Gewehr.
Der Putz, ihr Führer, stund in einem seltnen Schimmer.
Die Schnürbrust nahm er sich von einem Frauenzimmer.
Sie stund, vom Fischbein steif, von seinen Gliedern ab,
Daß sie an Panzers Statt den zarten Leib umgab.
Der Geister erste Reih bewaffnet sich mit Scheeren,
Die andre war bemüht, mit Nadeln sich zu wehren,
Der dritten Faust bewehrt des Kräuseleisens Brand,
Und Puderpüstriche sind in der vierten Hand.
Die letzten wollen sich mit Sonnenfächeln schlagen,
Dem Feind damit den Wind in das Gesicht zu jagen.
»Hier, o Galanterie, hier steht Sylvanens Schutz,
Hier steht, hier steht dein Heer, des wilden Schlägers Trutz,
Das zwar verschieden ist an fürchterlichen Waffen,
Doch einig, deinem Sohn den Lorber zu verschaffen.«
So sprach der Putz und schwieg. Indem beglänzt ein Stral,
Der Schlag und Donner zeigt, der Geister laute Zahl,
Und eh sie nach dem Licht die starren Blicke drehen,
So sahn sie schon vor sich den Schutzgeist Leipzigs stehen.
Wie, wenn ein junger Held sonst zum Turniere zog,
Ein krauser Federbusch um seine Haube flog,
Den oft gewagten Leib ein schuppicht Eisen schützte,
Und ein geübtes Schwerdt in festen Fäusten blitzte;
So sah der Schutzgeist aus, der Muth war hier vereint.
Auf seine Waffen stolz, gieng er auf seinen Feind.
»Er sah sein Heer und sprach: Ihr tapfern Sybariten,
Ihr, die ihr stets voll Muth und stets beglückt gestritten,
Wie sehr bin ich erfreut, da euch mein Aug erblickt,
Da ihr auf meinen Markt zum Kampf gerüstet rückt.
Doch, Brüder, hier wird uns der Schläger nicht bekriegen,
Geht, eilt zum Rosenthal, dieß ist der Ort zum siegen.«
Sogleich begab er sich zum schlafenden Sylvan,
Der Sybariten Heer rückt auf den Kampfplatz an.
Der Stutzer ruhte noch, doch sah man schon die Waffen,
Die er zurecht gelegt, den Schläger zu bestrafen.
Vom steifen Handschuh war der Nachttisch fast bedeckt,
Ein Degen lag darbey, der ihn entblößt erschreckt.
Die Peitsche, hiebevor sein jenisches Vergnügen,
Sah er hier ebenfalls in stolzen Krümmen liegen.
Als dieß der Schutzgeist sah, fieng er unwillig an:
»O was erblick ich hier, o Nachttisch, o Sylvan!
Wie sehr, wie sehr hat sich dein Schlafgemach verändert?
Den Nachttisch, den zuvor dein bunter Staat bebändert,
Den Nachttisch, welchen sonst Romane nur geziert,
Den sonst kein Eisen noch, als Scheeren nur, berührt,
Den muß ich jetzt, o Zeit, von Waffen furchtbar sehen?
Ja um den soll sich noch die größte Peitsche drehen?
Sieh, o Galanterie, sieh Mode, sieh Roman!
Dieß hat ein Renommist, ein Feind, von uns gethan.
Er machts, daß sich Sylvan in große Handschuh zwinget,
Und heut im Rosenthal den langen Degen schwinget.
Jedoch so wahr man mich ein Feind von Schlägern nennt,
So wahr mein Leipzig mich als seinen Schutzgeist kennt.
So wahr soll Raufbold auch vor meinem Sohne fliehen,
Ich ...
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