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Der arme Sänger

»Was läuft das Volk zusammen?« Ein Schifflein stößt vom Strand:
Inmitten steht der König, rothgolden sein Gewand,
Auf seinem Haupt die Krone wirft lichten Schein umher,
Als leuchtete die Sonne hellglänzend in das Meer.

»Wer steht selb Ihm der Zweite?« Das ist ein Sänger arm;
Hat nichts als seine Cither und als sein Herze warm.
Sein süßes Lieb beim Scheiden ihm einen Schleier gab,
Der kommt wohl nie im Leben von seiner Brust herab!

Das Schifflein schwimmt von dannen, die Winde wehen gut,
Des freuet sich der König und spricht in frohem Muth:
»Nun stimme frisch, o Sänger, uns lust'ge Weisen an,
Daß wacker auf den Wellen der Nachen tanzen kann.«

Der Sänger schlägt die Saiten; nichts hemmt die muntre Fahrt,
Als Sturmgewölk am Himmel man dicht umher gewahrt,
Das Meer fängt an zu kochen, und dumpf erbrandend grollt
Die Fluth, indeß von oben hoch her der Donner rollt.

Und All' im Schiff erbleichen! Der Sänger nur, in Ruh',
Sieht dem empörten Streiten des Wogenschwalles zu.
Der Tod kann ihm nichts rauben; die heil'ge Poesie
Und die allmächt'ge Liebe sterben im Busen nie.

Da faßt der Sturm den Nachen und schleudert ihn hinab,
Wo aufgerissen gähnet des Abgrunds schaurig Grab. –
Der König ringet mächtig; doch Kron und Mantel, schwer
Von Golde, ziehn ihn nieder – er taucht – versinkt im Meer!

»Was hebt sich aus den Wogen, was schimmert weiß und licht?« –
Das ist der arme Sänger; die Fluth behielt ihn nicht!
Es bot ihm seinen Rücken der Delphin dienend dar,
Um ihn wölbt' sich zum Segel des Liebchens Schleier klar.

So schifft Er durch die Stürme, Er weckt der Saiten Klang,
Da ebnen sich die Wogen den Wasserweg entlang,
Und hell tönt's aus den Fluthen: »Ja, heil'ge Poesie
Und die allmächt'ge Liebe sterben im Busen nie!«

Wenn auch der Mund verstummte des Sängers, und im Hain
Längst ein versunkner Hügel schon deckt die Asche sein:
Es tönen seine Worte auf andern Lippen fort!
Des freut sich seine Seele noch überm Strome dort!

Sie, die sein Herz erkoren, verherrlicht im Gesang,
Trägt weit auf goldnen Flügeln der gluthdurchhauchte Klang
In künft'ge Zeit hinüber; und ob Er starb, Sie lebt!
So lang von seinen Liedern ein leiser Nachhall bebt!

Dieß Lied hab' ich gesungen beim ersten Frühlingsschein:
Der Schönsten soll's zum Preise, zum Angebinde seyn!

Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

  
  
  

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