Die von denen Faunen gepeitschte LasterVorrede
Geehrter Leser!
Meine Muse, welche von dem siebenstuffigten Rohr verschiedener Wald-Götter aus ihrem fast jährigen Schlaf unverhoft erweckt worden, leget dir anjetzo eine ziemlich starcke Satyre vor, und giebt dir zugleich das Recht, darüber zu critisiren und zu richten.
Eine Satyre! wirst du sagen: Dieses ist ja ein solches Stück, das nicht allein viel Geschicklichkeit erfordert; sondern, was noch mehr ist, nach aller angewandten Mühe und Fleiß, Haß und Verdruß zum Lohn bekömmt. Du wirst meinen, ich hätte lieber ein Lob-Gedichte abfassen, zärtlich, galant und vortrefflich schmeichlen, als einen kühnen Satyr nachspielen sollen.
Du hast recht, mein Leser! daß zu einer vernünftigen Satyre viel Kunst erfordert wird. Dieses hat mich auch bisher von solchen Arbeiten abgeschreckt. Allein wer nichts wagt und versucht, der bleibt immer in seinem Irrthum, und lernet nichts. Ich habe es dahero einmahl versuchen wollen, ob meine Muse auch zu solchen Schriften geschickt sey. Ich stelle sie also, wie Apelles seine Gemählde öffentlich der Welt vor die Augen, und erwarte hierüber das Urtheil vernünftiger und ächter Kenner der Poesie, um mich, wo ich hier und da, oder allenthalben gefehlt, künftig zu bessern, und geschickter zu machen.
Es ist auch wahr, daß ein Lob-Gedicht sehr liebreich aufgenommen wird; dahingegen eine Satyre, wenn sie auch noch so schön gerathen ist, dennoch nichts als unfreundliche Gesichter nach sich zieht, und gleiches Schicksal mit einem hellen Spiegel hat, der denen eitlen Gesichtern ihre Flecken und Runzeln zeiget, und deßwegen wohl nicht selten hinweg geworffen wird; obgleich die Schuld nicht an ihm liegt, daß sich die heßliche Gestalt nicht besser in ihm vorstellt, als sie würcklich von Natur gebildet ist
Allein, ich habe bishero gelobt, ich habe gerühmt was zu rühmen war. Nun muß ich auch in Strafen eine Probe machen, und über diejenigen Stücke einen Haß bezeigen, an welchen zu allen Zeiten die tugendhafte Welt einen Abscheu gehabt hat. Ja ich glaube, daß ich hierinnen, wo nicht politischer doch tugendhafter handle, wenn ich eine Satyre schreibe, die die Häßlichkeit der Laster zum Object hat; als wenn ich ein falsches Lob-Gedichte abfaßte, von welchem man sagen könte, ich hätte über dessen Verfassung nothwendig erröthen, und der Wahrheit manchen Schwerd Stich durch ihre Seele geben müssen.
Und was wilst du denn von mir mehr haben? Mein Leser! ich lege dir ja in dieser einfachen Arbeit, ein gedoppeltes Stück, nemlich eine Satyre, da ich die Laster strafe; und ein Lob-Gedichte, da ich die guten Sitten den Lastern entgegen setze, und die Tugenden, nebst ihren Besitzern lobe und erhebe, vor die Augen!
Ich tadle die Unarten der Menschen: Dencke also nicht Mein Leser! daß ich von Personen schreiben und dieselben durchziehen, vielweniger mich an meinen Feinden oder Spöttern rächen, und sie auf den Schau Platz stellen werde. O nein! Spöttern und Feinden mache ich das Vergnügen nicht, ihren Thorheiten zu gefallen, eine niederträchtige und wieder die Religion und Philosophie streitende Seele anzunehmen, und den Character eines vernünftigen Satyrici hierdurch zu überschreiten, welcher darinne besteht, daß man nicht Personen, oder natürliche Gebrechen, davor niemand als die Natur kan, sondern lasterhafte und strafbahre Handlungen, und solche wiederum nicht etwan auf eine unhöfliche; sondern auf eine überzeugende, sinnreiche und beisende Art vorzustellen, und zu bestrafen bemüht ist. In wie weit ich dieses letztere getroffen, das werde ich zu meiner künftigen Verbesserung von Kennern hören, und mit dem grösten Danck annehmen.
Ich habe demnach zum Object meiner Satyre nichts anders als die im Schwang gehende Laster, und die unartigen Handlungen derer meisten Menschen genommen. Es sey ferne! daß ich von allen und jeden reden, und das ganze menschliche Geschlecht, wie man im Sprichwort sagt, in eine Brühe werffen solte! O nein! der Acker dieser Welt trägt auch noch guten Weizen, so häufig auch das Unkraut darzwischen wächst. Ich tadle nicht den Gebrauch verschiedener Sachen; sondern den Mißbrauch. Ich hätte auch wie bekannt, von noch weit mehrern Lastern und Mißbräuchen schreiben können; allein die Zeit, und die Betrübniß über den tödtlichen Hintrit meiner seel. Frau Mutter hat mich davon abgehalten.
Die meisten Menschen, und sonderlich das Frauenzimmer, haben den üblen Gebrauch, daß sie sich bey müsigen Stunden über anderer Menschen von beyderley Geschlecht, öfters gar geringen Schwachheiten, Moden, Geberden, Gebräuchen und Handlung aufhalten. Um nun solchen Menschen, und besonders meinem Geschlechte mich gleich zu stellen, und nur von ihnen keinen Vorwurff machen zu lassen; so will ich mich auch allhier über andere Menschen, und zwar, damit kein Geschlecht zürnen darf, so wohl über die Mannes-Personen, als über das Frauenzimmer; doch nicht auf eine pöbelhafte, niederträchtige und kindische Art; sondern so viel mir möglich, auf eine ernsthafte Weise, in nachstehenden Zeilen moquiren.
Betrachtest du also, Mein Leser! diese Schrift, und du bist tugendhaft, so wirst du mit meinen Gedancken übereinstimmen, und deßwegen keinen Haß und Zorn auf mich werfen. Bist du aber mit ein oder den andern Lastern behaftet, so zürne nicht über mich. Was wilst du über den Spiegel, der dir deine Flecken zeigt, und über den Meister, der ihn geschliffen hat, böse werden. Schäme dich deiner dir selbst gemachten Flecken, und werde über deine muthwillige Unarten böse.
Du kanst dich an mir nicht besser davor rächen, als wenn du deine Thorheiten ablegest und dich besserst, und mir hernach, wie diejenigen, die warhaft tugendhaft sind, gewogen wirst und bleibst, als warum ich dich und alle Menschen freundlich ersuche.
Dichtung
Auf einmahl reget sich der fast erstickte Trieb;
Das, was ich sonst gescheut, gewinn ich jetzo lieb;
Das, was ich bloß aus Furcht, es möchte nicht gelingen,
Bißher zurück gesetzt, das will ich jetzo singen.
Caliope! dein Rohr, dein sanftes Sayten-Spiel,
Das mich bezaubert hielt, und Göttern wohlgefiel,
Mag dort im Winkel ruhn: ein Satyr läßt sich spühren.
Der soll an deiner statt mich auf den Pindus führen.
Ihr Götter! die ihr sonst so graß und heßlich seyd;
Vor deren Gegenwart das Frauen-Volck sich scheut,
Und schüchtern lauft und flieht, als ob ein Mörder käme,
Der ihnen mit Gewalt Kranz, Schmuck und Leben nähme,
Ihr seyd jetzt meine Lust und liebstes Augenmerk.
Hier habt ihr meine Hand, kommt! führt mich auf den Berg,
Wo Phöbus und sein Volk im Lorbeer-Walde tanzen.
Kommt! lasset mich durch euch mein Glück bey ihnen pflanzen,
Sezt eure Füsse nett, und laßt mich heute sehn,
Ob ihr so künstlich springt, wie ehemahls geschehn.
Spielt nur so gut ihr könnt, auf Pfeiffen oder Flöthen.
Ihr dürft, weil ihr schon roth, euch nicht dabey erröhten.
Auf! macht mir eine Lust! und auch dem Musen-Fürst;
Und singt der Welt zu Trutz, die schon die Zähne knirst.
Au! Weh! was seh ich dort? Mein Wahn hat nicht gelogen,
Ein grau Gewitter kömmt mit Blitz und Knall gezogen.
Die Luft verfinstert sich, die Sonne büßt den Schein,
Die Erde den Gesang der Luft-Sirenen ein.
Das Vieh lauft hin und her, es schreyt, es bebt, es zittert,
Es suchet Zweig und Schutz, dieweils so grausam wittert.
Die Erde bebt und kracht, die Berge wancken fast,
Und machen sich zum Fall mit ihrer Pracht gefaßt.
Die Donner rollen fort, und brüllen aus dermasen,
Als wolten sie der Welt zum Untergange blasen.
Nun borst die Wolk entzwey, und läßt auf einmahl loß,
Was sie mit harten Zwang bißher in ihren Schooß
Und Leib getragen hat; wodurch es leyder! kommen,
Daß Donner, Blitz und Furcht den Erdkreiß eingenommen.
Was aber fällt denn wohl aus Wolk und Luft herab?
Wie? ists ein güldner Thau den dorten Hammon gab?
Sinds Fische, die sich hier in dieser Fluth bewegen?
Es ist ja, wie mich dünkt, kein schlecht, gemeiner Regen.
Solls Ungeziefer seyn, das Feld und Wald vergift,
Und Schaden und Verderb auf Berg und Wiesen stift?
So ists: jedoch weit mehr: es ist ein Menschen-Regen.
Komm Pluto! komm und sieh! o welch ein schöner Seegen!
Empfande Jupiter Angst, Schmerzen, Quaal und Noth,
Als seine Stirn erhitzt, und als ein Feuer roth,
Und aufgeblasen war, eh Pallas raus gesprungen;
Was Wunder, wenn dieß Heer die Wolke so gedrungen,
Und ihr so grosse Quaal und Unruh hat gemacht,
Biß sie durch Knall und Blitz dieß Unheil fort gebracht.
Wer muß ihr Anherr seyn? wie sind sie denn gestaltet?
Wie der, so Phrygien bey güldner Zeit verwaltet.
Nicht anders; Midas muß ihr Aelter-Vater seyn.
An Ohren sieht mans ja; die Werke stimmen ein.
Ein Volk, das an Verstand den schwachen Kindern gleichet,
An Boßheit aber kaum dem Teufel selber weichet.
Dieß Volk bedeckt die Welt; der Bart womit es prangt,
Zeigt gnug, wie viel es schon an Kraft und Stärk erlangt.
Ja Kräfte in der Faust; nicht aber im Gehirne,
Mit Runzeln wächst zugleich die Boßheit in der Stirne.
Steig alter Midas! steig! aus deiner schwarzen Gruft,
Hör! wie dein edles Volk so sehnlich nach dir ruft,
Vernimm wie treu es dich auch nach dem Tode liebet,
Und deinen weisen Spruch noch täglich von sich giebet.
Sieh! wie sich dein Geschlecht so wunderbar vermehrt,
Wie hoch es dich erhebt, wie sehr es dich verehrt.
Dieß dein erhitztes Volk verbietet den Poeten,
Daß sie auf ihren Rohr und nettgestimmten Flöthen
Nichts singen, das nach Kunst und Sitten-Lehre schmeckt,
Und wie Apollo dort der Götter Gunst erweckt.
Die Warheit will man nicht in ihren Schriften dulden,
Man straft und richtet sie ohn billiges Verschulden.
O wundert euch mit mir! daß viel so sinnreich sind,
Und in den Schöppen-Stuhl der Advocaten Wind
Und ihren Spötter-Kiel, den Gegner zu beschimpfen,
Die Fehler der Persohn, das Mund- und Nase-Rümpfen,
Gang, Kleidung, Jugend-Lust, und was dergleichen mehr,
Mit ganz gelassenen und fröhlichen Gehör,
Und lächlender Gestalt so klug vertragen können.
Sie leiden ohne Scheu daß zwey zusammen rennen;
Und wenn auch der Client aus Wehmuth und Verdruß,
Wohl zwanzig Bogen mehr als sonsten zahlen muß.
Dieß ist noch nicht genug; es wundere sich ein jeder,
Wenn das erhitzte Blut auf Schulen und Catheder
Sich unbescheiden zankt, und von dem Hauptzweck geht,
Aus Neid und Tadelsucht den Gegner beisend schmäht,
So hört man munter zu, und läßt sich unbekümmert.
Schreibt aber ein Poet, wie sich die Welt verschlimmert,
Und wie das Laster wächst, so sieht man scheel darzu,
Und läßt aus tollen Neid dem Dichter keine Ruh.
Ob Orthodoxen schon sich auf den Schau-Platz stellen,
Und durch den scharfen Kiel die Feinde glücklich fällen,
Wie mancher Philosoph, wie mancher Moralist,
In dem ein reines Feur, Verstand und Weißheit ist,
Hat von der Sitten-Kunst satyrisch gnug geschrieben,
Und dennoch sind sie stets in Ruh und Fried geblieben.
In Prosa fluchet man der Sitten-Lehre nicht;
Die arme Poesie wird ohn Verhör gericht.
Ein Redner, ein Poet steht in gelehrten Orden,
Und beyde sind schon längst zu Moralisten worden.
Ein jeder ehrt und liebt die Regeln der Natur;
Ein jeder folget ja der Tugend Licht und Spuhr,
Und zeigt die Laster-Bahn, und sucht der Welt zu nützen.
Allein der Dichter kan fast niemahls ruhig sitzen.
Zu dieser tollen Art und frecher Seltenheit,
Giebt der belebte Reim wohl nicht Gelegenheit;
Nein, sondern die Vernunft ist noch nicht ausgeheitert,
Weil sich der Weißheit Licht in ihnen nicht erweitert,
Weil sie die Tugend nie in ihrem Glanz erkannt;
Weil sie die meiste Zeit auf Trug und List verwandt;
Weil ihres Vaters Geist auf ihnen zweyfach lieget,
Ich meine, Midas Sinn, der sie so hoch vergnüget;
Ja seines Hauptes Schmuck, den sie zugleich geerbt,
Hat dieses Volkes Geist verfinstert und verderbt.
Da nun so Herz als Sinn und Ohr und Mund verdorben,
Und Tugend und Vernunft in ihrer Brust erstorben,
Was Wunder? daß dieß Volk Satyren haßt und scheut,
Und deiner Sitten-Lehr mit Fluch und Grimme dräut.
O! daß doch Knall und Blitz dieß Volck herab gesendet,
Das Klugheit und Vernunft in Dichter-Schriften schändet!
Wo ist die alte Zeit, in der die Dichtungs-Kunst,
Von grossen Königen, mit hoher Huld und Gunst
Und Preiß belohnet ward? Die Tage sind verschwunden,
Da man auch Dichter noch am Kayser-Tisch gefunden.
Augustus blieb ein Held der alle Welt bezwang,
Obgleich Virgilius an seiner Tafel sang.
Ward auch die Majestät durch diese That verletzet?
Weil er die Dichterkunst vor andern hoch geschätzet.
Des Nero Grausamkeit löscht doch den Ruhm nicht aus,
Daß er in seiner Brust ein würdig Musen-Haus
Bey seinen Thron erbaut. O! käm die Zeit zurücke,
Da Barbarossens Hof, so Gnaden-volle Blicke
Den Dichtern zugewandt! die von der Helden Schweiß,
Von ihren Löwen-Muth, Geschicklichkeit und Fleiß,
Wenn sie vor Staat und Reich, so treu sie nur vermochten,
Gerahten und gesorgt, mit Arm und Schwerd gefochten,
Gesungen und erzehlt: damit die neue Welt
Davon ein Beyspiel nähm, der kein Poet gefällt.
Wo bleibt jetzt Carolus der Eilfte der Franzosen?
Der selbst durch diese Kunst mit schönen Ehren-Rosen
Die Dichter überstimmt. Alfondus Kron und Macht,
Der England Seegen gab, erhebet ihre Pracht,
Und singt und spielet selbst. Wär Carl1 noch jetzt auf Erden,
So würd auf seinen Wink manch Lied gesungen werden.
Ihr nahmt der Dichter Glück und Preiß mit euch ins Grab.
Bey eures Scepters Rest liegt unser Ehren-Stab
Vergraben und verdeckt. O! könntet ihr erwachen,
Und uns, wie Reich und Volk beglückt und herrlich machen!
Wo sind die Damen hin die Barbaros gekannt,
Die man mit Fug und Recht der Fürsten Zier genannt?
Verehrte nicht ihr Ohr geschickte Helden Lieder?
In welchen der Poet des Tapfern Herculs Brüder,
(Die Prinzen, die im Feld ein blutges Leder-Kleid,
Ein todt gehaunes Roß, und Wahlstadt nicht gescheut;
Die Fürsten, die ihr Volk mit Billigkeit regieret,
Und mit Gerechtigkeit und Huld den Stab geführet,)
Der Ewigkeit geweyht, zum Beyspiel vorgestellt,
Und angepriesen hat. O! möchtet ihr die Welt
Mit eurer dunkeln Gruft, ihr Damen! jetzt vertauschen,
An manches Fürsten Hof und Prinzens Kammer lauschen!
Ihr würdet Wunder sehn, wie man der Dichtkunst spott,
Und ihr Gedächtniß fast aus Geist und Seele rott.
Wo fragen Damen jetzt nach alter Prinzen Thaten,
Ob auch ihr Regiment, und Feldzug wohl gerathen?
Homerus Helden-Lied weicht jetzt dem schnöden Reim
In dem Secundens Kiel der Liebe Honigseim
Natürlich abgemahlt. Banisens Flucht und Lieben
Ergötzt jetzt mehr als das, was Seneca geschrieben.
So giengs vor Zeiten nicht. Witz und Geschickligkeit
War damahls wie man weiß, der Dame schönstes Kleid
Und gröster Ehren-Schmuck; Tholusa läßt uns lesen,
Wie edel ihr Verstand, und Urtheils-Kraft gewesen.
Der Aquitaner Volk war, wie gesagt, auf Ehr
Und Ruhm und Glanz bedacht; und suchte nichts so sehr,
Als sich durch Tapferkeit und Weißheit aufzuschwingen,
Und in die Ewigkeit vor andern einzudringen.
Die Alleredelsten und Grösten an Vernunft,
Verbanden sich daher und schlossen eine Zunft,
Worbey der Vorsatz war, die Thaten ihrer Helden
In Liedern schöner Art der Ewigkeit zu melden.
Wer sich von ihren Volk auch sonst hervor gethan;
Wer im Turnier gesiegt und auf der Ehren-Bahn
Den höchsten Preiß erkämpft; dem pflegten sie in Schriften
Ein Denckmaal seines Ruhms auf gleiche Art zu stiften.
Ja wer sich um das Reich und Volk verdient gemacht,
Wer vor des Landes Ruh, der Bürger Wohl gewacht,
Dem suchte ihre Hand in herrlichen Gedichten
Ein köstlich Ehren-Maal und Lob-Lied aufzurichten.
Ein jeder dieser Zunft versuchte voll Bemühn,
Durch ein geschicktes Lied den Preiß an sich zu ziehn,
Warum? sie wehlten sich, (wer möchte nicht gewinnen?)
Das holde Frauenvolk zu ihren Richterinnen.
Da war der Damen Geist mit Weißheit ausgeschmückt;
Da ward der Preiß durch sie dem Würdigsten geschickt,
Der sich in Kunst und Fleiß vor andern angegriffen,
Und am geschicktesten auf Blat und Rohr gepfiffen.
Der Damen kluger Geist sah reif- und weißlich ein
Daß Dichter rechter Art nicht blose Schwätzer seyn;
Ihr Sinn forscht weiter nach, und straft mit Witz die Laster,
Erhebt die Tugenden, und zeigt wie man aufs Pflaster
Des Wohlstands treten soll; wie man die Seele nehrt,
Und sich durch Wissenschaft und Fleiß vom Pöbel kehrt;
Wie man das höchste Gut der Seelen-Ruh erlanget,
Und durch den Ehren-Kranz am Sternen-Himmel pranget;
Wie man, wenn andre hier im Welt-Getöse sind,
Dort in der Einsamkeit die gröste Anmuth findt.
Wer kan uns wohl anjetzt viel kluge Damen nennen,
Die von der Poesie ein Urtheil fällen können?
Ach leyder! ist bekant, daß man jetzt wenig findt,
Die von so hohen Geist, als wohl von Herkunft sind.
Warum? Die Zärtlichkeit läßt sich zu nichts mehr zwingen;
Was thun die Hände mehr als daß sie Knötgen schlingen.
Die Feder wird gewiß, so leicht nicht angesetzt;
Wenn nicht ein Liebes-Brief zuvor das Aug ergötzt,
Den Geist entzündet hat; wer wolte sonst was schreiben;
Man kan sich schon die Zeit auf andre Art vertreiben.
Ein lustig Karten-Spiel vergnügt die Brust weit mehr,
Als wenn man Tag und Nacht in Büchern fleißig wär;
Ja steht auch dieß nicht an, das Müthgen abzukühlen,
So läßt man nur im Bret und auf der Dame spielen.
O! solten wir den Preiß jetzt von den Damen sehn,
Wie würd es doch so kahl um Sieg und Vorzug stehn?
Zwar kan ein Dichter noch zuweilen dieß geniessen,
Daß Augen voller Gnad auf seine Blätter schiessen;
Allein er nehme sich mit seinen Kiel in acht,
Denn wer nicht schmeicheln kan, wird billig ausgelacht.
Der Lea must er nur die schönsten Augen geben,
Und Ahitophels Rath als Jethro Spruch erheben.
Er tadle Nathans Wort, daß er so frey geredt,
Und seinem Könige voll Glanz und Majestät
Nichts nachgesehen hat. Wo wird nach Bürger Sitten,
Der grossen Fürsten Lust und Handlung zugeschnitten?
Dem Ahab leg er ja die klügste Einsicht bey,
Daß nichts als Billigkeit in seinem Urtheil sey;
Die Flecken such er fein mit Farben zu bestreichen,
Und eine Jesabel der Sara zu vergleichen.
Er schmücke alles schön, und was ein Joab schaft,
Das nenn er fromm und treu, gerecht und tugendhaft.
Er darf sich nicht darbey gewissenhaft geberden,
Vielweniger beschämt vor einer Lüge werden.
Hüllt er dieß alles nun in nette Kleidung ein,
So kan das Wiedergelt ein Gnaden-Blickgen seyn.
Doch nur allein vors Blat; sonst hat er nichts zu hoffen.
Zwey Menschen steht ein Weg zu gleichen Schicksaal offen;
Doch suchen sie umsonst: Ein Dichter und Chymist,
Weil einer so ein Narr als wie der andre ist.
Die Dichtkunst bleibt nicht nur ein Stief-Kind stets vom Glücke,
Ihr Lohn find noch darzu der Mißgunst Feuer-Blicke,
Absonderlich wenn sich das Frauen-Volk bemüht,
Und nach der Musen Art die Sayten künstlich zieht.
Da sieht man Haß und Neid sich auf den Schau-Platz stellen;
Sie borgen von dem Hund das ungezähmte Bellen;
Sie knirschen mit dem Mund wenn unsre Lorbeer blühn,
Und suchen uns den Ruhm durch Lästern zu entziehn.
Der Ehre stoltzes Schif wird als vom Wind bestürmet,
Mit giftgen Schaum umringt, von Wellen aufgethürmet,
Um seinen schnellen Lauf nur Einhalt bald zu thun.
Ihr Toben läßt sie nicht bey unsern Siegen ruhn.
Der Neid, das Ungeheur das sich doch selber quälen
Und endlich fressen muß, wohnt in so vielen Seelen,
Die toben wider uns, wenn irgend unser Geist,
Ein Philosophisches und Dichter-Feuer weist.
Ihr dummer Hochmuth meint, wir dürften mehr nicht lesen,
Als nur wer Ismael und Moses Weib gewesen,
Wie dort Rebeccens Hand mit Isaacs Baarte scherzt,
Wie Hiob allen Hohn von seiner Frau verschmerzt.
Des Salomonis Spruch und Syrachs Sitten-Leben
Wär uns; nur Seneca und Plato nicht gegeben.
Blieb uns Sanct Paulus nur bekannt und offenbar,
So wär es schon genug: Uns gienge Pallas Schaar
Und Phöbus gar nichts an. Wir hätten gnug zu singen,
Die zarten Kindergen in Schlaf und Ruh zu bringen.
Zwirn, Nadel, Flachs und Garn, die Küche und der Heerd
Wär nur vor uns bestimmt; nicht aber Kiel und Schwerd.
Der Männer Eigenthum sey Feder, Buch und Waffen;
Nur ihnen wär allein ein Löwen-Herz erschaffen.
Gar recht! ihr brüllt zu Haus so arg als Löw und Bär.
Wie feurig, wie ergrimmt lauft ihr oft hin und her?
Ihr meint die Tapferkeit sey euch nur angebohren.
Ihr habt so manchem Glaß, o That! den Tod geschworen.
Ihr nennet euch beherzt; ihr kämpftet ritterlich;
Ich widerspreche nicht, denn dieses zeiget sich
Im Krieg, wo Cypripor der Venus Feldherr worden.
Ihr sagt: Die Wissenschaft wär nur dem Männer-Orden
Vom Schöpfer zugedacht: Ihr müstet nur allein
Beherrscher über Buch, und Kunst und Federn seyn.
Was vor ein toller Wurm hat euren Kopf durchfressen,
Daß ihr euch nur allein dieß Recht sucht beyzumessen?
Der Schöpfer hat uns ja mit gleichen Geist bedacht,
Und gleiche Seelen-Kraft und Triebe beygebracht.
Wie solten wir denn nun dieß theure Pfand und Gaben
Um euren Eigensinn zu folgen, gar vergraben?
So wahr Minerva lebt! so soll es nicht geschehn,
Daß wir auf euer Wort der Musen Dienst verschmähn.
Jemehr die Mißgunst raßt, und wider uns sich setzet;
Jemehr der Neid auf uns ergrimmt die Zähne wetzet;
Jemehr das Mannes-Volk aus toller Eifersucht
Auf unsre Wissenschaft, Kunst, Fleiß und Feder flucht,
Jemehr soll unser Geist das Chor der Musen lieben,
Jemehr wird untersucht, je mehr wird aufgeschrieben.
Wir sind dem Palm-Baum gleich, der sich gen Himmel schwingt,
Jemehr man Druck und Last auf seine Zweige bringt.
Ein kluges Weibes-Bild das auf was hohes sinnet,
Buch, Kiel und Rohr ergreift, und Phöbum lieb gewinnet.
Der Warheit Grund erforscht; den Geist in Schriften übt,
Stellt bey dem ersten Kuß, den ihr Apollo giebt,
Sich gleich die Eifersucht, die Mißgunst und das Schmähen
Der dummen Männer für. Wer dieses nicht will sehen,
Wer dieß nicht leiden kan, der lege nur bey Zeit,
Die Lust zur Wissenschaft, Buch, Kiel und Rohr beyseit.
Der Haß wird gleich erweckt so bald die Flöthen klingen,
Und wir nach Musen Art mit unsern Lippen singen.
Wie oftmals hab ich nicht aus Unmuth und Verdruß,
Weil man so viel Geplärr und Narrheit hören muß,
Manch schönes Tage-Werck in tausend Stück zerrissen,
Und Phöbens Lauten-Spiel in Winkel hingeschmissen.
Nur neulich nahm mich noch der feste Vorsatz ein,
Ein Feind der Poesie biß in die Gruft zu seyn.
Allein der jähe Schluß ward bald zurück getrieben;
Wie könt ich das verschmähn, was kluge Leute lieben?
Man schweige gänzlich still; man tadle Midas Sohn,
Man lobe Mavors Kind, man findet gleichen Lohn.
Man mag die Tugend schön; die Laster heßlich schelten,
Der Danck ist einerley; wir müssens doch entgelten.
Wer Tugend und Vernunft an allen Menschen liebt;
Die Weißheit ehrt und schätzt, der Warheit Beyfall giebt,
Sieht niemahls scheel dazu, wenn man Satyrisch dichtet,
Und auf die üble Zucht die schärfste Hechel richtet.
Ist jemand Nabals Art, an Geld und Boßheit reich,
Der bleibet doch verstockt es gilt ihm alles gleich.
Kan ich die Narren nicht durch sanfte Lieder rühren,
Ey! so versuch ichs jetzt durch beissende Satyren!
Der Vorsatz ist gefaßt, die Flöthe ist gestimmt;
Was frag ich nach dem Neid, der sich schon windt und krümt.
Ich singe von der Welt und von verderbten Sitten:
Mein Satyr hat sich schon ein neues Rohr geschnitten.
* * *
Da noch die Erde stund; die Sonn im Cirkel lief;
Da man den tapfersten zum Regiment berief;
Da Helden aus der Schlacht durch ihre Kunst im Siegen,
Den höchsten Fürsten-Stuhl, und Königs-Thron bestiegen;
Da man den Adel nicht nach sechzehn Ahnen maß,
Und den nur adlich hieß der Tugenden besaß,
Der sich nur durch sich selbst Glanz, Ehr und Ruhm erworben
Dem Vaterland zu Nutz gelebt und auch gestorben.
Da man den Würdigsten zum Landes-Vater nahm,
Ob er schon nicht vom Blut gekrönter Prinzen kam;
Da man aus Liebe nur zu solcher Zeit die Bräute,
Nicht aber nach Geburt und Tonnen Goldes freyte;
Da mancher Fürst im Thor und im Gerichte saß,
Die Klagen selbst vernahm, und erst das Urtheil laß
Eh er es unterschrieb; da Fürsten das genossen,
Was sie durch Fleiß gezeugt, und durch die Faust geschossen;
Da eine Gasterey aus Honig, Wein und Bier,
Aus einem guten Kalb, nebst einem fetten Stier
Und Kuchenwerck bestund; da man noch Fürsten Frauen
Bey ihrer Mägde Fleiß und Arbeit konte schauen;
Da man wie Jacob dort wohl ganzer vierzehn Jahr
Um eine Braut gedient, die schön und häußlich war.
Da man mit Eyden nicht als wie mit Blumen spielte;
Und was man zugesagt, bey Treu und Glauben hielte;
Da noch die Tapferkeit in Thiere Häute kroch,
Und man im Felde nicht nach Mehl und Biesam roch;
Da man ein schlechtes Kleid statt seidner Stofe führte,
Und ein gestickter Rock nur Königs-Kinder zierte,
Da war noch gute Zeit; da blühte Volk und Staat;
Da fand der Landmann Trost; da fand der Bürger Rath,
Und jeder Schutz und Recht; da dürfte man nicht klagen,
Daß die Gerechtigkeit zu Grabe sey getragen.
Kein Reicher ward geprest, kein Landmann arm gemacht,
Die Waysen wurden nicht um Geld und Guth gebracht.
Da gieng die Redlichkeit durchaus in vollem Schwange?
Weil Mein und Dein noch nicht die nächsten Freunde drange.
Da ward der Eltern Schweiß nicht freventlich verpraßt;
Verschwendung war so sehr als wie der Geitz verhaßt;
Da pflegte man sich noch in reine Keuschheits-Seiden,
Und nicht in Wollusts-Schmuck und Hoffart einzukleiden.
Ein jeder hatte sich nach seinem Stand geschmückt.
Da aber nach der Zeit der Thier-Kreiß sich verrückt,
Und ein Copernicus den Erd-Ball umgedrehet,
Daß nun derselbe lauft, die Sonne stille stehet;
So hält die Tugend auch im Lauf gar öfters ein,
Es scheint der Menschen Thun ganz umgekehrt zu seyn.
Jetzt zeigt die Demuth nicht die schönen alten Proben.
Die Sitten sind verderbt, wer will die Zeiten loben?
* * *
Der Seelen Wandelung wird niemand Glauben geben.
Warum? Wir wissen jetzt von einem andern Leben.
Inzwischen sieht man doch daß Ahabs schnöder Geist,
Mit samt der Jesabel sich noch auf Erden weist.
Ich dächt, es sässe ja dort am Regierungs-Ruder
So mancher ungerecht und böser Ahabs Bruder,
Der nach des Nächsten Haus, Gut, Feld und Garten tracht,
Und täglich sorgt und sinnt, wie er es klüglich macht,
Daß er durch armen Schweiß mit einem Schein der Rechte
Sein Haus noch grösser bau, sein Gut verstärken möchte.
Hier dürst er geitziglich nach einem Reben-Berg;
Dort nach dem schönen Stück von Feld und Gartenwerk.
Hier macht er auch so gar nach Hunden, Vieh und Pferden
Die eigennützigsten und gräulichsten Geberden.
Da fällt ihm wiederum der Vögel Stimm und Zier,
Hier Flinten und Gewehr zum Augenmerke für.
Kurz, was er hört und sieht, das will und muß er haben,
Und solt er sichtbarlich damit zur Hölle traben.
Sein Geitz und Eigennutz, sein Neid, Stolz und Betrug
Macht den verruchten Geist durch krumme Ränke klug;
Doch weil ein böser Geist die Einsamkeit verfluchet,
Und sieben Stärkre noch zur treuen Freundschaft suchet.
So wehlt er sich zum Trost, zum Rath und Hülf-Gesell
Der Tugend Mörderin, die freche Jesabel.
Da muß die Themis fort; das Recht wird unterdrücket,
Und auf des Nächsten Halß der Boßheit Schwerd gezücket;
Da wird des Bürgers Gut um Spott-Geld feil gemacht;
Da heists: verkaufs doch dem, der Strafe, Recht und Macht
In seinen Händen hat; er kan euch wieder schaden,
O! setzt euch doch vielmehr bey ihm in Gunst und Gnaden.
Spricht denn der arme Mann: Der Reiche hat sein Brod,
Dieß aber dienet mir zu meiner Leibes-Noth;
Dieß ist das einzige, woran ich mich erfreue;
Sein Haus ist groß genug zur Wohnung, Stall und Streue.
Mein Häusgen ist zwar schlecht, doch liegt es mir bequem,
Weil ich von diesem Ort die meiste Nahrung nehm,
Drum ist es mir nicht feil. Da lodert denn das Feuer
Aus seiner Asch herfür; da tobt das Ungeheuer,
Da raßt die Höllen-Brut, und saget ohne Scheu:
Daß dieß ein troziger und böser Bürger sey.
Da kränkt, da drückt man ihn; daß er sich soll vergehen,
Da sucht man Sylb und Wort mit Vorsatz zu verdrehen.
Da bürdet man ihm auf, er hab der Obrigkeit
Geflucht, und ihr mit Gott und seinem Zorn gedräut.
Da heists, man straf ihn nur an Leib und Gut und Ehre,
Und wenns auch wider Gott und alle Rechte wäre.
Die Warheit wird verlacht, die Unschuld ausgehöhnt,
Und die Gerechtigkeit mit Schimpf und Spott gekrönt.
Das Evangelium mag hin und her gebiethen,
So sucht doch Jesabel und Ahab fort zu wüthen.
Da wird der arme Mann mit List, Gewalt und Macht
Um Haus und Feld und Vieh, und was er hat, gebracht.
Heist dieß das Richter-Amt an Gottes statt verwalten?
Heist diß den Unterthan bey Freyheit zu erhalten?
Es sollen Väter seyn, durch die sich jeder nehrt;
Ja Räuber, deren Wuth der Armen Schweiß verzehrt.
Wenn edle Geister sich durch Pulver oder Schriften,
Durch Großmuth, Fleiß und Witz ein ewig Denkmaal stiften:
So wünscht ihr auch ein Maal damit man von euch spricht.
Doch weil euch Geist, Vernunft und Trieb darzu gebricht,
Weil euch der Weg zu schwer; so tragen Ahabs Hände
Des Nahmens schnöden Ruf biß an der Erden Ende.
O Ruf! O Nahmens-Maal! das zwar nicht untersinkt;
Das aber nur nach Schand und nach der Hölle stinkt.
O Ruf! der euch ein Maal, ein Brandmaal ins Gewissen
Und Schandfleck ins Gesicht geritzet und gebissen.
So tobt, so raßt die Welt, so stirbet die Vernunft;
So lebt die Laster-Brut; so blüht der Thoren Zunft.
* * *
Ach! die Gerechtigkeit steht in verhaßten Orden,
Und ist jetzt leider! fast zur Exulantin worden.
Die Boßheit und der Geitz, der Laster schnaubend Heer
Treib sie aus ihrem Reich; und klagt sie noch so sehr,
So sind die Ohren taub. Mit ihren frommen Minen,
Muß sie der tollen Welt zum Hohn-Gelächter dienen.
Wie jämmerlich siehts doch um ihr geheiligt Haus,
Um ihren Richterstuhl und Schwerd und Wage aus.
Den Brief, den der Prophet am Himmel sahe fliegen,
Nach welchem Diebstahl, Mord, und Meineid und Betrügen
Vor from gesprochen ward, der ist anjetzt das Geld,
Wodurch man Frömmigkeit und alles Recht erhält.
Geld hat schon hier und da die Oberhand genommen;
Nur durch der Berge Mark kan man zum Rechte kommen;
Durchbrich das Mauerwerk und stiehl wie Nickel List.
Wenn du nur reich an Raub und alten Thalern bist,
So fürchte dich nur nicht vor Bande, Strick und Ketten,
Geld kan vom Staupenschlag, ja gar vom Galgen retten.
Und bist du wieder loß, so stiehl behertzt aufs neu,
Gedencke, daß dieß Gut vor böse Richter sey.
Allein hast du kein Geld die Richter zu verblenden,
Und deinem Advocat ein Wildpret zuzusenden;
So halte Ruth und Strick nur Hals und Rücken hin,
Und wär dein Diebstahl auch vom schlechtesten Gewinn;
Hast du gleich Joabs Schwerd auf Abners Brust gezücket
Und deinen Gegenpart in Plutons Reich geschicket,
So geh und stelle nur verlangte Caution,
Gieb denen Richtern Geld, so kömst du bald davon.
Hast du die Eh befleckt, den Glaubiger betrogen;
Dem Nachbar Wieß und Feld durch Falschheit abgelogen;
Des Nächsten Unschulds-Kleid und guten Ruf verletzt,
Und der Beträngten Pfand, das man bey dir versetzt,
Mit List an dich gebracht: So darfst du nicht verzagen,
Man mag dich noch so sehr in dem Gericht verklagen.
Bemühe dich nur bald um einen Advocat,
Der ein Gewissen so wie Priester-Ermel hat,
Den Hader, Eigennutz und Zank so hoch vergnüget,
Als einen Kriegesmann der was zu plündern krieget,
Und dessen Herz voll Trotz, das Haupt voll arger List,
Die Seele voll Betrug, und frecher Boßheit ist,
Der sieben Zeilen nur auf eine Seite schreibet,
Und seine Schriften stets auf zwanzig Bogen treibet.
Der so viel Kosten macht als der Proceß begehrt,
Und ihn so boßhaft dreht, daß er viel Jahre wehrt.
Dem füll die krumme Hand mit Ophirs güldnen Schätzen,
So wird er bald das Recht der Gegen-Part verletzen;
Nimm selbst den Advocat von deinem Gegner ein;
Schenk ihm ein Stück zum Kleid, ein stark und fettes Schwein;
Ein Faß voll Rebensaft, und andre schöne Sachen,
So wirst du ihn schon mild, und dir gewogen machen.
Geh auch zum Richter hin, und fülle ihm die Hand
Mit wilden Männern an, mit Gold aus Ungerland.
Und weigert er sich ja; so gieb es seinem Weibe,
Bring ihr ein Stück Damast und Sammtes Zeug zum Leibe,
Band, Spitzen, Leinewand, und Peltz zum Unterkleid,
Füll Stall und Küche aus; so kriegst du immer Zeit.
Der Advocat hälts auf, der Richter wirds verziehen,
Dein Gegner mag sich gleich auch noch so sehr bemühen
Den letzten Spruch zu sehn. Ja wenn er sich beschwehrt,
Des Zahlens müde wird, und endlich Recht begehrt,
Da heists: Ihr habt kein Recht: Wer Geld giebt der gewinnet.
Des Frommen Angesicht, das voller Thränen rinnet,
Wird jetzt nicht mehr geacht; der Witwen Klag-Geschrey,
Der Waysen heisses Flehn steht man durchs Recht nicht bey.
Verfluchte Gottesfurcht! verdammtes Christen-Leben!
Heist dieß dem Recht sein Recht nach Gottes Vorschrift geben?
O! sollen dieses wohl der Armen Väter seyn?
O! möchte nicht das Recht zu Gott um Rache schreyn?
Bey Heyden wird man kaum dergleichen That und Sünden,
So wenig Gottesfurcht, als unter Christen finden.
O groser Samuel! bleib ja in deiner Gruft,
Steh nicht von Todten auf; komm nicht in deutsche Luft.
Man würde sonst dein Amt und richterlich Verwalten
Vor dumm, vor abgeschmackt, vor kahl und thörigt halten.
Du hast ja, wie bekannt zu Israel gesagt:
Kommt her! Wer wieder mich und meinen Richtstab klagt!
Kommt! sagt mir, ob ich euch in meinem Amt betrogen?
Ob ich Geschenk geliebt; das Gut an mich gezogen?
Wem ich das Recht gebeugt, der zeuge wider mich!
O! diese Reden sind anjetzt zu lächerlich:
Der Hochmuth wächst und steigt, der Geitz hat zugenommen.
Wie würde man denn sonst zu solchen Reichthum kommen?
O! gieng der Heyland jetzt von neuen auf die Welt,
Und spräch: Wer unter euch nichts von Geschenken hält,
Und davon freyer ist als dort die Pharisäer
Von Sünd und Ehebruch, der komm und trete näher,
Ihr andern weicht von mir! wie viele würden fliehn,
Und sich beschämt und stumm mit Furcht zurücke ziehn.
Solt Alexander jetzt wie ehemals geschehen,
In ganz verstellter Tracht auf manches Richthaus gehen,2
Er träffe warlich nicht dergleichen Männer an,
Die also handelten wie jener Mund gethan,
Die Richter würden nicht den Schatz zurücke weisen,
Da sie ihn heut zu Tag begierig zu sich reisen.
Solt jetzt Cambyses wohl dem Richter, der das Recht
Des Geldes wegen beugt, der Freundschaft wegen schwächt,
Die Haut vom Leibe ziehn und an den Richtstuhl nageln,3
Wie grausam würde man auf solche Strafe hageln?
Wie mancher Richter-Sitz, den man jetzt prächtig schaut,
Bekäm an statt des Schmucks wohl mehr als eine Haut.
Erforschte mancher Fürst4 zugleich die Advocaten,
O! so bekäm gewiß der Hencker manchen Braten.
Es würde mancher Baum zum Galgen abgehackt
Und manches Glied vom Leib mit Eisen abgezwackt,
Hingegen aber auch (was wünscht man mehr auf Erden?)
Recht und Gerechtigkeit nicht leicht gequälet werden.
Wo sieht man, daß der Herr jetzt im Gerichte wohnt?
Daß man die Frevler straft, die Unschuld aber schohnt,
Und den Regenten-Stab mit Tugend unterstützet,
Mit rechtlich kluger Hand die Acten-Feder schnitzet?
* * *
Wie glücklich ist ein Mensch der stets das Ohr verstopft,
Wenn gleich die Tugend kömmt und thränend klagt und klopft.
Wie wohl, wie wohl ist dem, der stille sitzt und schweiget,
Wenn dort ein wüster Kopf die Ehren-Bahn besteiget.
Ein zugeschloßenes Ohr, ein zugehüllt Gesicht,
Und einen Mund der nichts als Ja zu allen spricht,
Ein Auge voller List erfordern unsre Zeiten,
Wer so nicht leben kan der wird nicht viel bedeuten.
Doch nein! mein Eifer brennt, er ist gerecht und gut.
Wer nur die Laster schilt, wer nur die tolle Brut
Bey ihren Nahmen nennt, und vor den Spiegel stellet,
Der kämpft wie ein Soldat der tolle Feinde fället,
Und kriegt ein gleiches Lob, von der noch guten Welt,
Die nach der Tugend greift, und noch auf Wohlstand hält.
Was vor ein heiser Schmertz hat meine Brust befallen!
Der Adern rothe Saft fängt kochend an zu wallen:
Mein Herz bebt wie ein Blat, mein Geist entsezt sich ganz,
Wenn ich die alte Zeit mit ihrem Werth und Glanz,
Und unsre Zeiten seh. Wo ist der Römer Zierde,
Ernst, Einsicht, Tugend, Recht und löbliche Begierde
Nach guten Sitten hin? wodurch bestand ihr Flor?
Sie zog nicht Geld und Stand der Kunst und Tugend vor.
Wer vor das Vaterland beherzt und klug gestritten;
Wer sich verdient gemacht, Vernunft und guten Sitten
Begierig nachgestrebt; wer klug und redlich war,
Den sezte man ins Amt und zu der Väter Schaar.
Jezt scheint der Tugend-Licht sich gleichsam zu verdunkeln:
Sie kan, O Finsterniß! nicht mehr wie ehmahls funkeln.
Carthago schimpft sich noch. Denn sie vergab ums Geld
Amt, Ehre, Stand und Dienst; was thut denn unsre Welt?
Wie thörigt würde doch dein Rath o Jethro! klingen,
Wenn du wie ehemals den Vortrag woltest bringen:
Sezt diese, diese nur in Amt und Dienste ein
Die klug, gerecht und fromm, warhaft und redlich seyn,
Ja, die den schnöden Geiz von Grund der Seele hassen:
Man würde dir gewiß ein Liedgen singen lassen,
Das dir sehr schlecht gefiel. Es hieß: der Mann ist toll,
Er weiß noch nicht einmahl wie man recht leben soll.
Die Zeit ist nicht mehr hier, die ehedem gewesen,
Denn was wir hier und da in alten Büchern lesen,
Das geht bey uns nicht an. Die Zeiten sind jezt neu,
Da man nicht lange fragt, ob jemand würdig sey.
Wer in der Auction der Aemter wacker biethet;
Die Stimmen um das Mark der tiefen Klüfte miethet,
Der steiget schnell empor, und wird ein Licht der Stadt,
So wenig er auch sonst an Witz und Tugend hat.
So wenig er erlernt, wie man den Richt-Stuhl zieren,
Und was man wissen muß, ein Amt gerecht zu führen.
So geht es, leider! her. Allein was folgt darauf?
Dem Miethling ist nunmehr die Themis selbst zu kauf;
Sein drangewandtes Geld läßt ihn nicht ruhig schlafen,
Er trachtet Tag und Nacht, wie er es von den Schaafen
Mit Vortheil wieder zieht. Da sinnt er auf Betrug,
Setzt viele Sporteln an, und andre Kosten gnug,
Da wird der Neben-Christ, der Unterthan gedrücket,
So gut sichs nach der Zeit und seinem Anschlag schicket.
Wem aber nicht das Glück die Börse schwer gemacht,
Der wird durch Kupplerey zu Amt und Stand gebracht,
Er schleicht sich voller List und Schmeicheley nach Hofe,
Und nimmt die abgeküßt und sonst beliebte Zofe
Zum lieben Ehgemahl. Da wird er denn ein Mann
Der wacker und galant und herrlich leben kan.
Ey seht? Wer wolte nicht durch schöner Frauen Schürzen
Sein Glück und Ehre baun, und seine Noth verkürzen!
Ihr Männer! tretet auf! trotzt! raubt uns diesen Ruhm!
Ist nicht die Zwingungs-Kraft der Weiber Eigenthum?
Die Stärcke ihrer Hand, die Artigkeit der Minen,
Und der beredte Mund muß euch zur Würde dienen.
Man hat den alten Brauch nunmehro abgethan,
Da bloß der Mann durch sich zum Manne werden kan.
Durch Weiber müssen jetzt die Männer Männer werden:
Durch Weiber werden jetzt auch Hirten über Heerden.
Ich tadle dieses nicht, daß sich ein Mann bemüht,
Und bey dem Ehverband auf seine Wohlfahrt sieht,
Ein kluger muß ein Schmidt von seinem Glücke heisen.
Dieß kan er nirgends ehr als bey der Heyrath weisen,
Wenn er durch Fleiß und Witz, Treu, Tugend und Verstand,
Der Eltern Lieb und Gunst, der Gönner holde Hand
Und Herze zu sich zieht, und solch ein Weib erlanget,
Das nebst dem Reichthum auch mit schöner Tugend pranget.
Dieß ist der Vorsicht-Schluß, dieß ist der Wächter Rath,
Wenn Moses, den die Furcht und Angst vertrieben hat,
Durch seiner Tugend Glanz sein Glück bey Jethro gründet,
Und Mahlon Glück und Wohl bey Moabs Töchtern findet,
Wenn Jacob, der den Grimm des Esaus fliehen muß,
Und in entfernter Luft durch Gottes weisen Schluß
Sein Glücke suchen soll, der Rahel Herz gewinnet,
Und Labans Gunst erhält, weil er auf Mittel sinnet,
Wodurch der Segen sich in seiner Arbeit mehrt,
So, daß ihn jedermann deswegen liebt und ehrt.
Wenn Saul des Davids Glück und Treu und Dienst betrachtet,
Und Michal ihm zur Braut zu geben würdig achtet,
Diß kömmt vom Sternen-Pol und von der Allmacht her.
So fördert keusche Lieb Glück, Wohlstand, Ruhm und Ehr.
Wenn aber sich ein Mann nach Frauen-Lippen sehnet,
Die schon ein geiler Mund beflecket und verwehnet;
Wenn er die Delila so hoch als Sara schätzt,
Und sich recht wissentlich in Hanrey-Orden setzt,
Um nur der Fürsten Gunst und Liebe zu erlangen,
Und als ein Herr und Mann in Amt und Dienst zu prangen
Der muß schier fällt mir gleich das alte Sprichwort ein;
Ein rechter braver Kerl, ja wohl noch sonst was seyn.
Doch warum ärgert euch, die Heyrath frecher Dirnen?
Was, soll ich über euch ihr Venus-Nympfen zürnen?
Nahm doch Hosea dort, der ein Prophete war,
Zu seiner Frau ein Weib aus frecher Huren-Schaar.
Wer kan es wohl mit Recht den Dürftigen verdencken,
Wenn sie aus Geld-Begier ihr Herz der Dina schenken?
Wer hat bey Fürsten Glück? wer baut sein Ehren-Haus
Bey Göttern dieser Welt? vieleicht wer frey heraus
Und nach der Redlichkeit die rechte Art beschreibet,
Nach welcher Volk und Land am ersten glücklich bleibet;
Nach welcher sich ein Herr den Thron im Herzen baut;
Daß man ihn Freudenvoll und nicht mit Zittern schaut;
Daß dieß ein Titus sey der voller Huld regieret,
Sein Amt dem Argus gleich auch schlummrend wachsam führet.
Der für gemeine Ruh gleich als ein Pharus brennt;
Der keine Schmeicheley; nur bloß die Warheit kennt;
Der treue Diener nicht wie Sigismund5 belohnet;
Der zwar die Boßheit straft; der Unschuld aber schonet;
Ja der wie Salomon der Weisheit sich ergiebt,
Und solche höher noch als Ehr und Reichthum liebt.
Was meint ihr: solte wohl ein Mann von solchen Wesen
Und solcher Redlichkeit sein Glück am Hofe lesen?
An manchen glaub ich wohl; doch möchten wenig seyn
Die dieß beherzigten. Der schnöde Heuchel-Schein
Hat meist die Oberhand, biß Artaxerxen träumet,
Er hab an Esters Freund die Dankbarkeit versäumet.
Indessen steigt doch fast nur Hamans Brut empor,
Wer sich in Fuchs-Pelz hüllt, und mit der Schmeichler Flor
Das Angesicht bedeckt, der darf nach Hofe kommen,
Und wird noch desto ehr zum Diener angenommen,
Wenn er Projecte macht, wodurch man Geld gewinnt;
Wie man auf Aecker, Haus, auf Nahrung, Pferd und Rind
Und Dienste Gaben legt, die vormahls nicht gewesen,
Von welchen sonst kein Wort im Freyheits-Brief zu lesen;
Wie man die Bürgerschaft mit Zoll, Accieß beschwert,
Und ihnen mit Manier den Beutel folgends leert.
Doch seht! ihr brüstet euch und gebt mir zu verstehen,
Es fordre grosen Witz mit Prinzen umzugehen,
Man müsse jederzeit aus Ehrfurcht, Lieb und Treu
Auf ihr Intresse sehn, daß dieß in Wachsthum sey.
Gar recht: Bedenkt auch nur fein allzeit das Gewissen;
Ihr dürft es leicht versehn, so trit man euch mit Füssen;
Vom Feuer und vom Licht bleibt schlaue Klugheit fern,
Denn wer zu nahe kömmt derselbe brennt sich gern.
Ihr Thoren! die ihr euch so gern in Fuchs-Peltz kleidet
Wie kömmt es, daß ihr nicht die glatten Worte meidet?
Ist wohl ein Fuchs so dumm, daß er sich dahin hält,
Wo man vor kurzer Zeit den Cammerad geprellt?
List, Schmeicheln, Eigennutz, Verrähterey und Lügen
Die dauren kurze Zeit, es kan sich leichte fügen,
Daß sich das Blätgen kehrt; sehr selten findet man,
Daß einer sich dadurch im Glück erhalten kan,
Weil grosser Herren Gunst gar bald wie Schnee zergehet,
Da nach dem heisen Strahl ein Regen-Guß entstehet.
Die Unbeständigkeit findt stets bey Höfen Raum;
Der Fürsten Gnad und Huld ist meist ein süsser Traum.
Die Frucht, die jähling reift, die Blume die bald blühet,
Fällt desto eher ab, wie man ja täglich siehet.
Je schnell, je höher man bey grosen Herren steigt,
Je näher ist das Glück zu seinem Fall geneigt.
Wie öfters sinken nicht die grösten Favoriten!
Erst herrschten sie im Schloß; jetzt darben sie in Hütten.
Ihr Thoren! die ihr euch nach Herren Gnade dringt,
Und sie durch mancherley Betrug und List erzwingt,
Wenn gleich der Bürger seufzt, und euch im Herzen hasset,
Was ist es daß ihr euch auf ihre Gunst verlasset?
Sie währet doch nicht lang; kömmt endlich euer Fall
So ist kein Freund nicht da, so ruft man überall:
Triumph! der Haman liegt, der Land und Bürgern fluchte,
Und ihren Schaden nur durch seine Ränke suchte.
Man diene seinem Herrn als ein getreuer Mann,
Das heist weit klüglicher gehandelt und gethan,
Drück aber nicht das Volk, und sey nicht stolz im Glücke,
So kriegt man doch beym Fall noch Mitleids-volle Blicke:
Da jener, welcher nur den Unterthan geplagt,
Und ausgesogen hat, warhaftig nicht beklagt,
Und nur verspottet wird; wer Herren Gnade trauet,
Der hat sein Haus und Glück auf leichten Sand gebauet;
Der schwebt wie auf dem Meer, da bald ein Sturm entsteht,
Wodurch Glück, Hofnung, Trost und Leben untergeht.
Ein andrer Weg ist noch (wenn sonst nichts mehr zu hoffen,
Und Treu und Tugend weg) zum Amt und Ehre offen.
Verläugne deinen Gott und die Religion,
So trägest du ein Amt und manch Geschenk davon.
Ist das die schöne Bahn zur Ehren-Burg zu steigen?
Wie will ein solcher sich gerecht und treu bezeigen?
Folgt nicht hieraus der Schluß: Wer Gott nicht Glauben hält,
Und ihn verschwört und teuscht, der wird gewiß der Welt,
Dem Nächsten und dem Land wohl schwerlich treu verbleiben,
Und sein vertrautes Amt gewissenhaftig treiben.
* * *
Wie glücklich warst du doch berühmtes Griechenland!
In deinem grösten Glanz; ich meine, da dein Stand
In Flor und Freyheit war; da man die Arbeit liebte;
Da deine Jugend sich in Ritterspielen übte;
Da man den Lorbeer-Zweig durch Kunst und Fleiß erwarb,
Und wie man erst gelebt, so auch mit Ehren starb.
Du warest ohne Geld und Stand berühmt und weise,
Die Tugend ward belohnt; nach klug-vergoßnem Schweise
Ward jeden nach Verdienst der Ehren-Kranz gebracht,
Und also durch sich selbst die Bahn des Glücks gemacht.
Wo sind die Zeiten hin, da die Gymnosophisten
Die Jugend eher nicht mit Kost und Lob begrüsten,
Als biß ein jeder sprach: Dieß hab ich heut gethan;
Ich habe nach Befehl der edlen Tugend Bahn
Mit Ernste nachgefolgt; dieß hab ich aufgeschrieben,
Worzu die Weisheit mich mit Nachdruck angetrieben.
Dieß hat mein reger Fleiß und Witz hervor gesucht;
Dieß ist von meinem Geist und Einsicht eine Frucht?
Wo ist der Parther Brauch? der meistens dahin gienge,
Daß nie ein fauler Mensch den Unterhalt empfienge.
Wie ändert sich die Zucht? Wie ändert sich die Zeit?
Jetzt wird der dümste Kopf mit Ehr und Schmuck erfreut.
Vergebens ist es jetzt, daß man die Tugend liebet,
Vergebens, daß man sich in Wissenschaften übet,
Vergeblich, daß man Tag und Nacht bey Büchern schwitzt,
Umsonst, daß man den Kiel zu klugen Schriften schnitzt.
Geld macht jetzt tugendhaft, gelehrt, geschickt und weise:
Ein reiches Stutzergen kan mehr als alte Greise,
Verstand, Gelehrsamkeit, Witz, Ansehn und Vernunft,
Ring, Hut, ja gar ein Platz in der gelehrten Zunft,
Ist jetzt so gut als Obst um baares Geld zu haben.
Geld; nicht die Wissenschaft, sind jetzt die besten Gaben.
Geht ins gelehrte Haus, und ins Collegium,
Beseht den Candidat, ob solcher nicht so stumm
Wie der Catheder ist? Man wird ja sonder Grämen,
Sich als ein Stoicus zwey Stunden können schämen.
Wie viele giebt es nicht, die klug und weise sind,
Ob man bey ihnen gleich sehr wenig Suadam findt;
Muß nicht die Theorie der güldnen Praxi weichen?
So kan ein Doctorand der Weisheit Grund erreichen,
Und doch kein Redner seyn. Zudem, was ist es dann
Wenn schon der Candidat nicht wohl bestehen kan,
Und öfters stille schweigt? Hat man doch sonst vernommen,
Daß grose Redner nicht in Reden fortgekommen.
Auch selbst Demosthenem erschreckt der Gegenstand.
Ein Haupt das Kronen trägt, der Scepter in der Hand,
Der Strahl der Majestät macht kluge Redner blöde.
Allein vor wem erschrickt fast mitten in der Rede
Der neue Doctorand? ha! ha! jetzt fällt mirs ein,
Es wird ein tiefer Satz vom Opponenten seyn,
Den er sich nicht versehn. Der Vorwurf ist zu wichtig,
Die Schlüsse überhaupt sind bündig, gut und richtig;
Dieß giebt nun seiner Brust den härtsten Donnerstreich,
Dieß macht, daß auch sein Herz als wie ein Wachs so weich,
Die Zunge starrend wird. Die Angst wird immer stärker,
Das Herze klopft so stark als kaum in einem Kerker
Ein Inquisite bebt, wenn sich der Opponent
Zu einen andern Satz und neuen Vortrag wendt;
Die Dissertation hat er nicht können machen,
Drum weiß er nirgend hin; da giebt es gnug zu lachen.
Indeß bekommt er doch, was seine Brust vergnügt;
Was schadets, wenn man gleich mit fremden Kälbern pflügt.
Ja, ist die Noth auch gleich aufs äuserste vorhanden,
Und scheints, als würde jetzt der Doctorand zu schanden,
Weil er nichts reden kan, so legt ein Freund sich drein,
Und sucht in dieser Angst sein Advocat zu seyn.
O du Beredsamkeit! Was fliehst du von den meisten,
Und wilst zur Zeit der Noth gar keinen Beystand leisten.
Jedoch was klag ich doch den Götter-Bothen an?
Ist nicht der Unverstand und Trägheit Schuld daran?
Wer fordert denn von dir ein spät und langes Schwatzen,
Als wolte dir der Bauch vor groser Weisheit platzen.
Sprich kurz, doch aber gut, klug, geistreich, gründlich, rein,
Beredsam, angenehm, so magst du Doctor seyn.
Kan doch ein Ackerknecht, und dummer Schäfer-Junge,
Mit seiner unberedt und öfters rauhen Zunge,
Von Schaafen, Pflug und Trift, von Aeckern, Pflanzen, Saat,
Geschickte Antwort thun, so viel er Kundschaft hat.
So wird ein Candidat doch so viel Maul besitzen,
Als ihn zur Zeit der Noth zur Ehre könte nützen.
Die schlechte Wissenschaft und nicht der Mund ist Schuld;
Die Liebe hat indeß mit Stümpern auch Gedult.
O Deutschland! glaube nicht bey Schenckung deiner Ehren,
Als ob in Welschland nur Doctores fruchtbar wären;
Du kriegst jetzt gleichen Ruhm. Nicht wahr? du sagest ja,
Dein groser Inbegrif hält manches Padua.
* * *
Welch ein Trommeten-Thon erschallet biß an Himmel!
Wer macht ein solch Getöß und mächtiges Getümmel
Wie dorten Jacobs Fürst vor Jericho gethan?
Ey seht! ein altes Weib, und nicht ein Krieges-Mann
Erhebt ein solch Geschrey: Die Heucheley ruft heftig:
Folgt meinen Füssen nach! seyd munter und geschäftig
In meinen Dienst zu gehen! räumt mir die Herzen ein,
Und laßt von eurer Treu den Wandel Zeuge seyn.
Entschuldget euch nur nicht mit schwacher Geistes-Stärke;
Man lernet meine Kunst und meiner Hände Werke
Mit schlecht und leichter Müh. Auf! folget meinem Schritt,
Ich geb euch Geist und Kraft, Verstand und Stärke mit.
Ihr spührt in meinem Dienst nichts von Gefährlichkeiten,
Die andre Leute sonst bey ihrem Thun begleiten.
Nehmt nur die Lehren an die euch mein Mund erklärt:
Ihr Kinder! wenn vieleicht ein Herr von euch begehrt,
Dieß oder jens zu thun; die Arbeit zu vollenden,
Dieß Stück zu übergehn, und dieß zu übersenden.
So macht ein Compliment, und sprecht ganz höflich ja.
Und ist denn sonsten noch was zu erinnern da,
So zieht die Achslen nur, und sucht euch nicht zu sperren,
So baut ihr euer Glück und macht euch gnädge Herren.
Und wenn euch ja ein Wort von den Propheten droht,
So unterdrückt den Trieb, und werdet ja nicht roth;
Nehmt falsche Großmuth an, verlachet alle Schande,
So seyd ihr mit der Zeit die Herrlichsten im Lande.
Kein tapfrer General, der in dem Felde wacht,
Hat je mit solchem Glück die Herzen aufgebracht,
Als jetzt der Heucheley ihr Vorsatz ist gelungen.
Das Volk kommt Schaaren-Weiß in ihren Arm gesprungen,
Dem ungewohnten Ruf und starken Stadt-Geschrey
Fällt sonst der Pöbel nur und loß Gesindel bey,
Allein die Heucheley ist weit beglückter worden;
Von Männern von Verstand und aus berühmten Orden
Wird ihr beliebtes Reich mit aller Macht erbaut;
Ja Häupter, die man sonst vor Säulen angeschaut,
Um vor den Riß zu stehn, sind meistentheils bemühet,
In ihrem Dienst zu seyn, damit ihr Glücke blühet.
Hebt eure Augen auf, dort sitzt so mancher Mann,
Der Zung und Lippen hat, und doch nicht reden kan.
Ich glaub die Allmachts-Hand hat solche statt der Götzen
Zur wohlverdienten Zucht auf Erden lassen setzen.
Man heuchelt sich bey Hof und bey den Grösten ein,
Um nur ein Tafelgast und Tellerwisch zu seyn.
Um einen Becher-Wein, um einen Wildpret-Braten,
Und höflich Compliment verricht man Judas Thaten.
Recht, Freyheit und Gebet, Lied, Kirchhof, Schrift und Wort,
Muß ohne Zwang und Noth, nur bloß ans Heuchlen, fort.
Und wo ein Redlicher im Volke zu erblicken
Den schwärzt man schändlich an, und sucht ihn zu ersticken.
Die Glaubens-Väter sind bey der Verläumdung kühn,
Wenn sie durch Lästerung um Fuchs-Schwanz sich bemühn.
Greift dort des Gegners Mund auf Lehrstuhl und Catheder
Kirch, Wort und Lehre an, und thut was sonst ein jeder
Nach Amt und Glaubens-Pflicht zu halten schuldig ist,
So ist man nicht so sehr mit Eifer ausgerüst,
Man schweigt, und trachtet nicht mit fest und ächten Gründen
Den Gegner öffentlich geschickt zu überwinden.
Das göttliche Gesetz befiehlet uns nicht nur
Zu eifern vor das Wort; die Regel der Natur
Hat auch in unser Herz der Ehrfurcht Trieb gegraben,
Vor unsre Glaubens-Lehr Sorg, Lieb und Muth zu haben.
Ein Heyd, ein Saracen, ein Mann vom Judenthum
Sorgt, weils natürlich ist, vor seiner Kirche Ruhm
Und eifert vor die Lehr, und wir erleuchte Christen,
Die wir uns mit dem Wort und ganzen Nachtmahl brüsten,
Sind in dem Eifer kalt, und in der Liebe lau.
Wo wiederleget man der Gegner Wort genau?
Wo suchet man den Schimpf der Kirche abzulehnen?
Und denen, die da schwach, den vesten Weg zu bähnen?
Wer vor der Kirche Ruhm und Ehr und Ansehn ficht,
Braucht gar nicht, daß er frech und lästerhaftig spricht;
Mit sanfter Freundlichkeit, bescheiden und gelassen
Kan man den Gegensatz in wenig Worten fassen.
Gleich wie der Heyland spricht, das Wort soll ungemein
Und lieblich; aber auch mit Salz gewürzet seyn.
So aber schweiget man gleich wie zum Lästern stille,
Die Fehler groser Herrn erblickt man durch die Brille;
Den Reichen siehet man auch durch die Finger hin;
Denn Heuchlen bringet Gunst, Geschenke und Gewinn.
Wie hat die Heucheley den Geist so gar verblendet?
Wacht das Gewissen auf, so wird gleich eingewendet:
Red ich nach meiner Pflicht, so nimmt die Ehre ab.
Der Götter Gnade fällt, ich krieg den Wanderstab.
Ist nicht die Erde groß, wo gute Christen wohnen?
Die euch den Wanderstab mit besserm Glück belohnen?
Sagt, nennt mir einen nur, den man aus einer Stadt
Um Gottes Lehr und Ehr hinweg getrieben hat,
(O! liessen wir doch Gott in allen Stücken walten!)
Ob ihm die Vorsicht nicht ein Zoar aufbehalten?
Wer ist der, wenn man ihn an seinem Ruhm verletzt,
Sich nicht darwieder legt? Gott wird zurück gesetzt.
Vor seine Lehr und Ehr will man nicht muthig kämpfen,
Noch Feind und Lästerer mit Wort und Eifer dämpfen.
Wo werd ich hingerückt? Auf einmahl stellt sich mir
Bey hellem lichten Tag ein Saal der Helden für,
Mit Helden, die beherzt, so stark sie nur vermochten,
Vor Gottes Wort und Ehr und seinen Ruhm gefochten.
Ein jedes Helden-Bild ist künstlich abgemahlt;
Im Tode sieht mans noch wie scharf ihr Auge strahlt;
Das kurze Sinn-Gedicht läßt uns ihr heilig Wesen
Zur Schande unsrer Zeit mit güldnen Worten lesen.
Dort zeigt sich Bileam mit dieser Uberschrift:
Nicht Ehre, noch Geschenk hat meinen Geist vergift!
Ich habe Israel um kein Geschenk verfluchet,
Wo ist ein Seher jetzt der mir zu folgen suchet?
Da steht bey Pinehas: Der Eifer trieb mich an,
Daß mein erhitztes Schwerd den gröst und reichsten Mann
In Sünden nicht geschont, und seinen Hals zerbrochen,
Und meines Gottes Ehr nach Priester Pflicht gerochen.
Bey David ließt man dieß: Der Eifer vor dein Haus
Mein Gott, gieng eher nicht als mit dem Leben aus.
Elias führt die Schrift: Ich hab vor Gott gestritten,
Und Haß, Verfolgung, Neid deßhalb getrost erlitten.
Dort steht bey Amoz Sohn: Ich strafte groß und klein,
Damit mein Hirten-Amt Gott möcht gefällig seyn.
Bey Jeremia heists: dem König und dem Knechte
Erklärt ich ohne Furcht des Höchsten Wort und Rechte,
Und scheute weder Fluch, Verfolgung, Band noch Hohn.
Gott gab mir auch hiervor das Himmelreich zum Lohn.
Dort steht bey Daniel: Gott ist ein Gott der Götter,
Den ruft ich brünstig an, der ward auch mein Erretter.
Nicht Gold, noch Herrlichkeit nahm mich zum Abfall ein.
Jezt würd ich wohl ein Narr genennet worden seyn.
Johannes Schrift heist so: Ich ließ mich ehr ermorden,
Eh ich am Fürsten-Hof ein Heuchler wär geworden.
Bey Paulo leß ich dieß: Ich floh die Heucheley,
Was Felix wissen muß, das sagt ich ohne Scheu.
Ich habe Hohn und Spott, Verfolgung und Verjagen
Um JEsu Wort und Lehr mit Freudigkeit getragen.
Hiermit verschwand der Saal mit allen Bilderwerk,
Und ließ mir diese Schrift zum lezten Augenmerk:
Der Helden Ehren-Bild wird in der Schrift gefunden,
Auf Erden ist ihr Geist und Bild, schon längst verschwunden.
Schweigt, schweigt ihr Physici, ich glaub euch nun nicht mehr,
Daß nur der Basilisk in wüsten Höhlen wär,
Man könte nirgends sonst die sehr verschmizte Schlangen,
Als nur in düstern Wald und Felsen-Ritzen fangen.
Das Paradieß hat sie so gut herfür gebracht,
Als wie das Tauben-Paar aus dem die Unschuld lacht.
Und ob sie Gott auch gleich aus solchem Ort vertrieben;
So ist sie dennoch stets am schönsten Ort geblieben.
Der Schooß Germaniens, das deutsche Herz und Blut,
Ist jezt ihr Aufenthalt, alwo sie sicher ruht.
Sie hat sich an der Brust der Menschen umgeschlungen,
Daß auch ihr starker Gift durch Fleisch und Blut gedrungen.
Mir schaudert jezt die Haut, daß ich sie nennen soll,
Wie ist doch unsre Zeit von den Verläumdern voll?
Wo ist dein alter Ruhm o Deutschland! hingekommen?
Hat die Verläumdung dir den alten Glanz benommen?
Man sah der Klugen Ruhm vordem nicht neidisch an;
Man ehrt und liebte den, der sich hervor gethan,
Und vor das Vaterland gerahten und gestritten,
Frost, Hunger, Schläg und Durst und Pestilenz erlitten.
Zog einer im Triumph mit Sieges-Reisern ein,
So muste Blumenwerk sein schönster Zierath seyn,
Mit diesen suchte man die Helden zu verehren:
Ein jeder ließ darbey ein muntres Jauchzen hören.
Wer nach der Bürger Flor gerungen und gestrebt,
Und als ein Biedermann o schöner Ruhm! gelebt,
Die Wissenschaft geliebt, den Künsten nach gerungen,
Und sich mit freyem Geist vom Pöbel aufgeschwungen,
Dem war der Adel hold, der Bürger liebte ihn,
Der Nachtbar sah sein Haus mit vielen Freuden blühn.
Dem, welcher hier zu Glück und zu Vermögen kommen,
Hat das Verläumdungs-Gift an Seegen nichts benommen.
Der Greisen Ehren-Kleid ward nicht durch Schaum befleckt,
Den der Verläumdungs-Mund aus seinem Halse streckt.
Der Jugend Tugend-Rock, der Weisheit güldne Spangen
Besudelte kein Koth. Fließt Thränen von den Wangen!
Weicht alte Tugenden, und geht in Trauer-Flor,
Mit kläglichem Gesang zu dieser Zeit hervor.
Vieleicht wird unsre Zeit dadurch einmahl gerühret,
Daß sie nach eurem Schmuck auch ein Verlangen spühret.
Doch nein! es ist umsonst! die Welt verlacht euch nur;
Sie nimmt die Birke schon und peitscht euch aus der Flur.
Hinweg! hinweg! mit euch! schreyt die Verläumdung immer.
Mit Freuden mach ich stets der Menschen Herzen schlimmer.
Der Greiß, den Schlaf und Haupt mit Silber-Farbe deckt,
Von dem man glaubt und meint, daß Tugend in ihm steckt,
Daß er aus Redlichkeit der Lügen widerstrebe,
Damit er jederman ein schön Exempel gebe.
Der raßt von Neid und Haß; speyt auf des Nächsten Haus,
Thun, Wandel, Ehr und Nahm Verläumdungs-Geifer aus;
Und eh sein Geifer stünd erdächt er eine Fabel.
Der Jüngling, welcher kaum das Gelbe erst vom Schnabel
Vor kurzen abgewischt; dem Ohr und Baart noch treuft,
Von dem man Anfangs meint, weil er zur Pallas läuft,
Er würde sich bemühn, der Tugend nachzuwandeln,
Der Weisheit nachzugehn, in allem klug zu handeln;
Der Rechte Gründlichkeit bedächtlich einzusehn;
Die Niederträchtigkeit des Pöbels zu verschmähn;
Den Sitten hold zu seyn; den Wohlstand zu betrachten,
Und das, was rühmlich ist im Herzen, hoch zu achten.
Dem ist, wer sieht es nicht? Haupt und Gehirn verrückt,
Die Thorheit hat bereits das gute Korn erstickt,
Weil die Verläumdung ihn aus ihrer Brust getränket,
Und da er ihr gehorcht, gedoppelt eingeschenket.
Der Tugend werden selbst viel Flecken angedicht;
Der Fleiß wird spöttiglich verhöhnet und gericht;
Die Weisheit überkleidt ein Pinsel giftger Farben;
Der Unschuld Angesicht bezeichnet man durch Narben;
Der frömmste Gottes-Mann wird nicht davon verschont,
Sein treu und ehrlich Thun wird ihm mit Gift belohnt.
Ja die Gerechtigkeit muß sich fast auf der Gassen
Von dem Verläumdungs-Zahn zur Schmach verlästern lassen.
Des Bürgers Redlichkeit; des Weisen Tugend-Bahn.
Glück, Ehre, Keuschheit, Fleiß haucht, spritzt und speyt man an.
Käm Moses jezt aufs neu von Sinai gestiegen,
Und spräch: Du solst den Freund und Nächsten nicht belügen;
Ja, käm der Heyland selbst aus seinem Himmelreich,
Und spräch: Wo ihr mich ehrt, so liebt euch unter euch,
Und was ihr selbst nicht wolt von euch gesaget haben,
Das bleibe auch in euch und eurer Brust vergraben.
Man schwiege wohl darzu mit kalten Lippen still;
Ja mancher dächte gar: ich thu doch, was ich will.
O Boßheit! solte nicht des Höchsten Zorn entbrennen?
Was die Vernunft befiehlt kan jederman erkennen,
Daß man als wie sich selbst den Nächsten lieben soll.
Wer zeigt so viel Vernunft, daß er recht Großmuths voll
Und tugendhaft erscheint; daß er des Nächsten Glücke,
Ruhm, Wohlfahrt, Weisheit, Stand und freundliches Geschicke
Mit frohen Augen sieht, und sich darbey ergetzt,
Weil ihn der Vorsicht Hand zum Seegen hat gesetzt?
Ein wahr und rühmlich Glied in Mensch- und Bürger-Orden
Vergnügt sich, wenn sein Freund und Nachbar groß geworden,
Wenn seine Wissenschaft und Fleiß den Ruhm erlangt;
Wenn er geliebet wird, wenn er in Ehren prangt.
Er lobt was Lobens werth, und sucht sich anzureitzen
Auf gleiche edle Art nach Glück und Ruhm zu geitzen.
Vor Neid, Verläumdung, Gift regt er die Ehrsucht an,
Die ihn, wie andre auch unsterblich machen kan.
Es ist ihm herzlich leid, wenn schwache Nächsten gleiten;
Er schweigt, und trachtet nicht die Fehler auszubreiten.
Er weiß, daß keiner nicht von aller Schwachheit frey,
Und er so gut als der und jener sündlich sey.
* * *
Der Mensch das dummste Thier, schreibt Neukirchs kluger Finger.
Der Mensch das dummste Vieh? Wie? Wird sein Stand geringer?
Was? Wär sein Adel fort, und seine Menschheit weg?
Ist Klugheit und Vernunft nicht seiner Handlung Zweck?
So solt es freylich seyn; man solte sich bestreben,
Den Regeln der Vernunft gehörig nachzuleben.
O! möchte doch sein Thun vernünftig, klug und rein,
Und seinem Nahmen gleich und niemahls viehisch seyn.
Man solte jederzeit mit Werk und That beweisen,
Es sey der Mensch ein Mensch, das Vieh nur Vieh zu heisen.
Allein, wo folgt der Mensch, die schönste Creatur,
Der Allmacht Meisterstück, der Vorschrift der Natur
Und ihrem Triebe nach? vergißt er nicht sein Wesen,
Worzu ihn Anfangs doch der Schöpfer auserlesen?
Ein ungeschickter Artzt hält sonst die Augen zu,
Wenn er den Kirchhof sieht, wo er zur langen Ruh
So manchen hingeschaft. Ein andrer Mensch erweget
Die Thorheit nicht so leicht. Wenn sich der Löwe reget,
Und zornig tobt und brüllt; wenn sich der Wolf entrüst
Und das gedultge Schaaf zerreist und schnaubend frist;
Wenn sich der wilde Bär zum Würgen fertig machet;
Wenn ein entschlafner Hund durch einen Trit erwachet,
Und den mit Zorn und Grimm in seinen Fortgang stöhrt,
Den er von weiten noch in seinen Schlaf gehört;
Dieß alles sieht der Mensch, und will nicht weiter gehen,
Er bleibt als wie das Vieh auf seiner Regung stehen;
Er schämt sich leider! nicht, daß er dem Thiere gleicht,
Und ihm an Rach und Zorn nicht im geringsten weicht.
Wo ist der klügste Mensch wohl auf der Welt vollkommen?
Wo ist ein Frommer wohl der nie was unternommen;
Das ohne Tadel sey? Wo trift man einen an,
Der niemahls weil er lebt der Tugend Tort gethan?
Dieß überlegt er nicht; Er sieht des Nächsten Splitter,
Nur seinen Balken nicht. Was vor ein Ungewitter;
Was vor ein wildes Feur regt sich in seinem Geist
Wenn einer etwas thut das schwach und menschlich heist?
Wenn einer ohngefehr nicht höflich gnug erscheinet;
Wenn einer etwas sagt, das oft nicht böß gemeinet;
Ein Wort, das von dem E und A den Anfang nimmt,
Das sich ein Gassen-Kind zu seiner Wehr bestimmt,
Das muß Gelegenheit zu Zorn und Rache geben,
Da schwört man Stein und Bein der Kerl darf nicht mehr leben.
Ha! spricht ein Edelmann, das schickt sich nicht vor mich!
Ich bin ein Cavallier! es röch zu bürgerlich
Wenn ich jetzt schweigen solt. Ich bin beleidget worden!
Fort Adel räche dich! fort! du must ihn ermorden!
Jezt wezt er seinen Stahl auf seines Gegners Arm;
Jezt geht er auf ihn loß, und dringt ihn durch den Darm.
Seht! wie er so geschickt den Degen weiß zu führen.
Besteht der Adelstand vieleicht in duelliren?
Wo steht es ausgemacht, daß der ein Ritter heist,
Der sich fein viel und oft auf Blut und Leben schmeist?
Ziert dieß die Wappen aus, wenn sich zwey Degen hauen?
Ich hielt es würklich eh vor wilde Bären-Klauen.
Fällt wohl ein toller Hund den andern also an?
Hat wohl so leicht ein Wolff dem andern leids gethan?
Wo hat ein Löw also den andern aufgerieben?
Heist das was löbliches, und adliches verüben?
Räth dieses die Vernunft die uns zu Menschen macht,
Durch welche man nach Ruhm Sidonia Hedwig Zäunemann |
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