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Gedichte » Rainer Maria Rilke » Atmete ich nicht aus Mitternächten...


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Atmete ich nicht aus Mitternächten...

Atmete ich nicht aus Mitternächten
daß du kämest einst, um deinetwillen,
solche Flutung ?
Weil ich hoffte, mit fast ungeschwächten
Herrlichkeiten dein Gesicht zu stillen,
wenn es in unendlicher Vermutung
einmal gegen meinem über ruht.
Lautlos wurde Raum in meinen Zügen;
deinem großen Anschaun zu genügen,
spiegelte, vertiefte sich mein Blut.

Wenn mich durch des Ölbaums blasse Trennung
Nacht mit Sternen stärker überwog,
stand ich aufwärts, stand und bog
mich zurück und lernte die Erkennung,
die ich später nie auf dich bezog.

O was ward mir Ausdruck eingesät,
daß ich, wenn dein Lächeln je gerät,
Weltraum auf dich überschaue.
Doch du kommst nicht, oder kommst zu spät.
Stürzt euch, Engel, über dieses blaue
Leinfeld. Engel, Engel, mäht.

Rainer Maria Rilke, 1913






Rainer Maria Rilke

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