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Sonne

1.

Erwartung

Ich lehne müd mein Haupt an Felsenwände.
    An meiner Lippe schon vorüberstreift
Der Duft der Traube, die an dem Gelände
    Hoch über mir dem Herbst entgegenreift.

Die Wonne sybaritischen Genießens
    Kam über mich in dieser schönen Zeit . . .
Die Luft des Dämmerns und des Augenschließens,
    Die dem Vergessen nur sich einzig weiht . . .

Wenn dann der Herbst kommt, werde ich erwachen
      (Ich weiß nicht, ob die Tage fern, ob nah),
Und bei der Freunde und der Gläser Lachen
    Die Freude trinken, die ich reifen sah . . .
Chillon, 7. April 1889

2.

Das Winzerfest
Nun weiß ich es, die Tage waren nah mir.
    Sie sind gekommen, eh ich es gedacht,
Des Festes Freudentage! – Wie geschah mir?
    Vom schweren Träume bin ich jäh erwacht.

Das Licht fiel hundertmal auf diese Fluten,
    Und hundertmal die Nacht mit dunklem Kuss
Ich sah sie nicht. Denn ich war fern. Es ruhten
    Die Füße dessen, welcher wandern muss . . .

Ich schlief. Ich träumte schwer. Zuweilen hörte
    Ich fernes Klingen, und ein Lachen – (fast
Klang es wie Glück, das nahen will). Es störte
    Auf Stunden meines Schicksals tiefe Rast . . .

3.

Das Winzerfest! – Durch drei gewölbte Bogen,
    Umgossen hell vom Gold des Sonnenscheins,
Sind sie mit Siegerlächeln eingezogen:
    Pales. Und Ceres. Und der Gott des Weins.

Nun spielen sie die wunderbarsten Spiele,
    Die je ein Menschenauge durfte schaun . . .
Wenn jetzt die ewige Nacht herniederfiele,
    Ich würde sorglos mich ihr anvertraun!

Die Chöre singen. Und die Farben glühn . . .
    Im Tanze sich die sonnige Anmut schwingt . . .
Ein ewiges Eilen – Nahn . . . Ein Lohn – Versprühen . . .
    Es ist die Schönheit, die mein Auge trinkt!

4.

Und als die Mutter Nacht sich niederbeugte
    Zum Kuss auf ihres Sees schlafmüden Mund,
Sah sie, was fremd und doch bekannt ihr däuchte:
    Getaucht in Feenlicht Bevens Uferrund.

Der bunten Scharen jauchzendes Gewimmel –
    Die Jugend doppelt frisch, das Alter jung,
Sie stahlen seine Sterne diesem Himmel,
    Und jedem Schmerze die Erinnerung!

O wie die Ufer zauberisch erglänztenm
    Heller, je tiefer sie herniedersank,
Die einzige Nacht, in der am rebbekränzten
    Becher der Lust ich ohne Reue trank! . . .
Beven, August 1889

John Henry Mackay





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