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Ich zeigte dir den Mond - IV.

Gedicht von Arno Holz

In den
violetten Winternachmittag,
durch
einen in allen Edelsteinfarben
wie tropisch, kaleidoskopisch, utopisch
pracht- und prunk-
funkelnden
Eispalmenwald,
zwischen dessen irisierende Schäfte, zwischen dessen szintillierende
Fächerkronen, zwischen dessen hängende Lianenbrücken
wir uns kleine,
possierliche, runde, zierliche,
talergroße Kucklöcher gehaucht hatten,
plaudernd, plappernd,
lachend, lustig,
herzeins, frohgemut, eng aneinandergeschmiegt,
lugten wir
aus unserem warmen Stübchen.

Die
starre, knorre,
verworren, labyrinthisch, wunderlich verzweigte Ulmenkrone
mit
ihrem weißen,
phantastesken, silbernadeligen Rauhreifgeäst,
das sich ganz dicht bis unter unser breites,
vorspringendes,
schon
abendrosenrötlich bestrahltes Mansarden-Doppelfensterchen drängte,
blitzte, glitzte
und
glinzerte;
die
sich drüben auf
den
anderen Platzseiten
geduckt die Häuser Entlangstapfenden
sahen
wie buckelige, aufgeplusterte,
pumpeldick bis an die Nasenspitzen eingemummelte Samojeden aus;
ein
draußen plötzlich,
unversehens, unvermutet,
unmittelbar über unseren Köpfen, deutlich hörbar
herabholterndes, fensterblechaufpolterndes,
regenbogensprühbunt zerstäubendes Miniaturlawinchen
versetzte uns in hellstes Entzücken!

Wir waren wie zwei Kinder.

Jeder bitterbös fegende Windstoß,
der sich in
kreisenden, stiemenden, jagenden
Wirbeln
quer
über die freie, offene, glattvereiste Fläche drehte,
erhöhte unser Wohlgefühl;
jedes sich tapfer um eine Ecke schüttelklingelnde Schlittenschellenglöckchen
erfreute sich unserer beifälligsten Anerkennung;
den
feisten, beinlosen, besenbewehrten,
martialisch, herausfordernd, kreuzfidel
seinen
naßgrünen,
rissigen, splintsplittersplissigen
Rindenknubbenknast
schmauchenden,
kartoffelknollenknustnasig, steinkohlenaugig, apfelsinenschalenohrig
kürbisköpfigen, koksbrockenknöpfigen,
überlebensgroßen
Schneemann,
dem eine, wie es schien, antipatriotische,
fröhliche,
mit
Pelzmützen, Schmierstiefeln,
Fausthandschuhen,
Tuchohrenklappen und Wollstrickjacken
bewaffnete Jugend
den
schiefen, zerbeulten, festgefrorenen
Kriegervereinszylinder schon halb abbombardiert hatte,
übermütig,
betitulierten wir: "Onkel Theodor"!

Arno Holz
Aus der Sammlung Zwölf Liebesgedichte





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