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Ein Wald

Es stehn viel tausend Wälder
  Auf diesem Erden-Rund;
Sie kränzen Höhn und Felder
  Und manchen stillen Grund;
Sie rauschen oder säuseln,
  Zum Liede gleich erregt,
Ob sie Zephyre kräuseln,
  Ob sie der Sturm bewegt.

Sie alle bieten Schatten:
  Man flieht in ihre Hut,
Wenn Seel’ und Leib ermatten
  In heißer Mittagsglut,
Und dankt den Sonnenstrahlen,
  Vom kühlen Laub gedeckt,
Daß sie, wie all die Qualen,
  Doch auch den Baum geweckt.

Und dennoch ist mir einer
  Vor allen andern wert;
Man findet ihn nicht kleiner,
  Und nichts wird dort beschert;
Du kannst darin nicht jagen,
  Das Wild wär’ gleich heraus,
Und wirst vergebens fragen
  Nach einem Erdbeerstrauß.

Selbst muntre Bäche springen
  Hier nicht, noch schwatzt ein Quell;
Die Nachtigallen singen
  Dafür zwar doppelt hell,
Auch stimmen alle Meisen
  Und alle Finken ein,
Und von den schönsten Weisen
  Erklingt der ganze Hain.

Und läßt, auf Maienglocken
  Und Veilchen bloß bedacht,
Das Mägdlein sich verlocken
  Und tritt in seine Nacht,
So schwellt ein süß Verlangen
  Ihr gleich das junge Herz,
Und kommt der Knab’ gegangen,
  So teilt er ihren Schmerz.

Wie schliefen muntre Triebe
  Auch fort in diesem Raum!
Hier pflanzte ja die Liebe
  Mit Jubel jeden Baum:
Die Eiche, schon zersplittert,
  Hat einst sein Ahn gesetzt,
Die Birke, golddurchzittert,
  Ihr Vater ganz zuletzt.

Vor wenig Menschen-Altern
  War hier noch alles kahl:
Es wimmelte von Faltern
  Im goldnen Sonnenstrahl,
Der Turteltaube fehlte
  Ihr Zweig zum Brüten gar,
Und kaum ein Busch verhehlte
  Das scheue Liebespaar.

Nun kam ein Schalk zum Freien,
  Der holt am Ehrentag
Bei Zimbeln und Schalmeien
  Die Braut, so fromm man mag,
Doch geht’s nicht in die Hallen
  Des Tempels, wie man denkt,
Ins Grüne muß man wallen,
  Weil er sich plötzlich schwenkt.

Das sind zwar neue Sitten,
  Noch neuer ist der Staat:
Zwei Gerten, frisch geschnitten,
  Die er im Knopfloch hat;
Doch, weil die Eltern schweigen,
  So lassen’s alle gehn,
Und, um sich her den Reigen,
  Bleibt er am Hügel stehn.

»Ich gleiche jetzt dem Hirten,
  Dem keiner Sträuße flicht,
Auch sie ist ohne Myrten,
  Doch um so sparen nicht:
Was ihr für Tand verschwendet,
  Für Zierden, falsch und echt,
Das haben wir verwendet
  Fürs kommende Geschlecht.

Ihr hört mich mit Erstaunen
  Und flüstert laut genug
Von meinen tollen Launen,
  Doch heute bin ich klug:
Wie nackt sind diese Räume!
  Kein Elf verbirgt sich hier,
So pflanzt denn endlich Bäume,
  Die ersten setzen wir.

Das schwur ich schon beim Werben!
  Wie schmal war mein Genuß:
Ich konnte zweimal sterben,
  Eh’s einmal kam zum Kuß.
Im Garten stehn nur Rosen,
  Und die noch weit gestellt,
Und will man draußen kosen,
  So sieht’s die halbe Welt.

Daß dies nun anders werde,
  Vertrau’ ich dieses Reis
Dem Mutterschoß der Erde,
  Der’s wohl zu hegen weiß:
Das tu’ ich für die Söhne,
  Sie steckt in gleichem Sinn,
Damit das Werk sich kröne,
  Eins für die Töchter hin!«

Da scholl’s aus einem Munde:
  So machen wir es auch!
Und in der ganzen Runde
  Ward’s frommer Hochzeitsbrauch:
Man flicht nicht länger Kränze,
  Die schon vor Nacht verblühn,
Man setzt dafür im Lenze
  Das hundertjähr’ge Grün.

So wuchs der Wald zusammen,
  Der mir so schön erscheint,
Weil er in holden Flammen
  Noch Ahn und Enkel eint;
Er mahnt mit allen Ästen,
  Daß man sich lieben soll,
Und von gelehr’gen Gästen
  Ist er beständig voll.

Friedrich Hebbel





Friedrich Hebbel

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