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Auf den Dom zu Sankt Stephan in Wien

Gedicht von Friedrich Hebbel

Altehrwürd’ges Symbol der wahren Einheit und Eintracht,
  Welch ein gewaltiges Bild stellst du mir hin vor den Geist!
Mehr erhebt es mich fast, dich werden zu sehn in Gedanken,
  Als mich, gesättigten Blicks, deiner Vollendung zu freun.
Welch ein harmonisches Leben! Welch fröhlicher Austausch der Kräfte!
  Und von Geschlecht zu Geschlecht schlingt sich das heilige Band.
Kaum entfaltet der Meister, des Genius irdischer Herold,
  Fromm und begeistert den Plan, als sich auch alles ihm beugt:
Nicht das Handwerk bloß, das nur durchs Dienen sich adelt,
  Auch die stolzere Kunst horcht nur auf seinen Befehl.
Einer greift zur Kelle, der andre zum Meißel, und freudig
  Fängt nun jeglicher an, was er nicht endigen soll.
Wer als kräftiger Jüngling die luft’gen Gerüste erklommen,
  Steigt erst herunter als Greis, doch es ersetzt ihn sein Sohn,
Diesen wieder sein Enkel, und als nun endlich der letzte
  Für die Spitze des Turms windet den schimmernden Kranz,
Siehe da kann er die Blumen auf dessen Grabe schon pflücken,
  Welcher den Grundstein einst, gläubig vertrauend, gelegt!
Aber nun stehst du auch da, ein Fels, von menschlichen Händen,
  Und verkündest der Welt, wie man das Dauernde schafft!

Friedrich Hebbel




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