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Gedichte » Friedrich Hebbel » An Seine Majestät, König Wilhelm I. von Preußen


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An Seine Majestät, König Wilhelm I. von Preußen

Gedicht von Friedrich Hebbel

Ich sprach an Östreichs Kaiserthrone
  In ernster Zeit ein ernstes Wort,
Als, ungeschreckt vom Glanz der Krone
  Sich ihm genaht der Meuchelmord.
Ich mahnte in der großen Stunde,
  Wo Habsburgs Sohn dem Tod entging,
Ihn an des deutschen Volkes Wunde,
  Die’s durch sein eignes Haus empfing.

Das leise Dichterwort verhallte,
  Die Jahre flohen ungenützt,
Doch, als der Schlachtendonner schallte,
  Da ward es furchtbar unterstützt,
Denn nun verlor der deutsche Riese,
  Der einer Welt gewachsen ist,
Sein Recht am ird’schen Paradiese,
  Ohnmächtig durch den innern Zwist.

Der Meuchelmord hat jetzt das gleiche
  An Deinem heil’gen Haupt versucht,
Auch Du entgingst dem Todesstreiche,
  Und doppelt wird er nun verflucht.
Doch laß auch Du, o Herr, Dich mahnen:
  Tu das für uns, was Gott für Dich,
Zwar nicht zur Sühnung Deiner Ahnen,
  Zu neuem Ruhm für Friederich!

Denn über Deinem deutschen Volke
  Schwebt längst ein Los, wie’s Dir gedroht:
In schwerbeladner Wetterwolke
  Ein unnatürlich jäher Tod,
Und wenn auch jedes Herz den Knaben
  Und seine blöde Tat verdammt,
Die Angst wird nicht mit ihm begraben,
  Die bis zum Wahnsinn ihn entflammt.

Nicht bloß, daß sich der Erzfeind rüstet,
  Der Karls des Großen Reich gesprengt,
Und daß den nord’schen Aar gelüstet,
  Der schon durchs Wachsen uns bedrängt:
Auch die Bedientenvölker rütteln
  Am Bau, den jeder tot geglaubt,
Die Tschechen und Polacken schütteln
  Ihr strupp’ges Karyatidenhaupt.

Und wie in grauen Römertagen
  Die Legion vom Wall herab,
Nachdem sie an den Schild geschlagen,
  Vergab den Imperatorstab,
So bieten jetzt die deutschen Stämme
  Das Zepter der Ottonen aus,
Daß es wie einst die Szythen hemme,
  Doch nur ans alte Doppelhaus.

Dies Volk der Krieger und der Denker,
  Das nie von Keimen schwoll, wie jetzt,
Was würd’ es unter einem Lenker,
  Der sich das Ziel im Morgen setzt,
Der rasch, gestützt auf alle Kräfte,
  Sich zum Entscheidungskampf erhebt,
Und dann dem göttlichen Geschäfte,
  Ein Paradies zu gründen, lebt!

Denn, wenn der Junker in der Fabel
  Verschied am ersten Sonnenstrahl,
Als ihm ein Vöglein mit dem Schnabel
  Den Mantel nahm im grünen Tal:
Der Deutsche wird erst recht lebendig,
  Wenn hinter ihm die Nacht versinkt
Und über seinem Haupt beständig
  Des Himmels goldne Scheibe blinkt.

Er war bis jetzt der Narr der Erde
  Und ward verspottet fern und nah;
Sprich Du, o Herr, ein zweites Werde
  So steht er als ihr König da!
Er ist ein Adam, doch in Ketten,
  Im Kreis der Tiere: löse sie,
Und die ihn gern verschlungen hätten,
  Die küssen scheu ihm Fuß und Knie.

Der Tod ist Dir vorbeigegangen,
  Und gnädig hat Dich Gott bewahrt,
Nun fühlst Du selbst mit frohem Bangen,
  Daß Du zu Großem aufgespart!
Was aber kann es Größres geben,
  Als daß Du Deine Nation
Erweckst zu neuem schönren Leben,
  So tu’s und sei ihr bester Sohn!

Wär’s klug, die Zeit zurückzuschrauben?
  Es ist ja einmal schon geschehn,
Und in dem felsenfesten Glauben,
  Sie bleibe nun auf ewig stehn.
Was war nicht nach der Schlacht zu hoffen,
  Die blutig schloß den heil’gen Krieg?
Napoleon zum Tod getroffen,
  Die Welt erschöpft vom eignen Sieg!

Die Völker auf der einen Seite,
  Und auf der andern er allein,
Errang er noch im letzten Streite
  Der Erde höchsten Glorienschein.
Er ließ der Menschheit selbst zur Ader,
  Und, wie ein Leichnam, sank sie hin,
Eh’ noch in schnell entflammtem Hader
  Gewürfelt war um den Gewinn.

Was half’s, daß man die müden Glieder
  Nun in die alten Bande schlug?
Die Kräfte kehrten langsam wieder,
  Der Mut beim ersten Odemzug!
Und ist es damals nicht gelungen,
  Als man nach einem Weltenbrand
Den neuen Typhon selbst bezwungen,
  Sprich, Herr, wie hätt’ es heut Bestand?

Drum schreite fort, anstatt zu weilen,
  Und wende Dich nicht ab vom Licht;
Du kannst mit Gott die Allmacht teilen,
  Allwissend aber wirst Du nicht.
Und möchtest Du mit Deinen Händen,
  Nicht ahnend, wo er trifft und fällt,
Ein blinder Zeus, den Blitz versenden?
  Du selber rufst: Nicht um die Welt!

Denk’ an den edelsten der Fürsten,
  Der je auf einem Throne saß:
Wie alle nach der Beute dürsten,
  Da findet er allen das Maß;
Er rührt nicht an die teuern Güter,
  Die sich sein Volk mit Blut erkämpft,
Er wird ihr erster tapfrer Hüter,
  Durch nichts in seinem Mut gedämpft.

Und wer das tut im größten Kreise,
  Was Karl August im kleinern tat,
Der öffnet uns auf rechte Weise
  Zum neuen Sieg den sichren Pfad,
Der bindet die entzweiten Geister
  In einem ewigen Symbol,
Der wird durch sie Europas Meister
  Und erntet Dank von Pol zu Pol.

Dann wird man deutscher Art sich neigen
  Und ehren, was man sonst geschmäht,
Denn, wenn sich jeder, wie im Reigen
  Der Sterne, um sich selber dreht,
Und dennoch keiner aus der Sphäre
  Der Herrscherin, der Sonne, weicht,
So wird’s auf Erden sein, als wäre
  Des Himmels Harmonie erreicht.

Nun ringt denn, Österreich und Preußen,
  Das ganze Deutschland jauchzt euch zu,
Weist ihr den Welschen und den Reußen,
  Die andern sterben so, zur Ruh!
Horcht, wie’s in vollern, immer vollern
  Akkorden durch das Reich erklingt:
Ob Habsburg oder Hohenzollern,
  Der Kaiser ist, wer das vollbringt.

Friedrich Hebbel





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